Zum 25. Jubiläum

Marek Żydowicz über die Entwicklung des Camerimage Festivals

Weiter geht es mit dem Interview mit Marek Żydowicz, Gründer und Leiter des Camerimage Festivals in Bydgoszcz aus unserer Ausgabe 10/2017

Zum 25. Jubiläum besinnt sich auch das Poster des Camerimage-Festival auf vergangene Zeiten.
Foto: Jens Prausnitz
Zum 25. Jubiläum besinnt sich auch das Poster des Camerimage-Festival auf vergangene Zeiten.

Das Camerimage ist ja auch kein Fussballverein.

Marek Żydowicz: Genau. Wenn du offen und ehrlich bist, dann bekommst du auch Offenheit und Ehrlichkeit zurück. Natürlich muss man auch vorsichtig sein, weil einem Leute begegnen, die genau das ausnutzen wollen. Die Wahrheit kommt aber früher oder später immer ans Licht.

Schon nach dem ersten Festival zeichnete sich ab, wie sinnvoll es war, dass nicht die neueste Technik der Hersteller im Mittelpunkt stand, sondern der Wunsch einen Ort zu schaffen, an dem die großen Künstler des Kinos den ungeduldigen, hungrigen rebellierenden Adepten der Filmkunst begegnen konnten, die sie mit ihren eigenen Ideen und Visionen konfrontierten.

Marek Żydowicz: Dafür war genau das nötig, was ich von Zuhause mitbekommen habe, angefangen bei der Gastfreundschaft, bis zu einem Gefühl von Sicherheit, das man angehört wird, einem Gefühl von Gleichheit, der Demokratie, unabhängig davon ob man Meister oder noch Student ist, der auf der Suche nach einer eigenen Bildsprache ist, so dass jeder einen Platz für sich findet.

Es war faszinierend für mich zu erleben, wie etwa Sven Nykvist, der damals unter Gleichgewichststörungen litt, und für den wir deswegen Ruhepausen eingeplant und Rückzugsmöglichkeiten vorbereitet hatten, aufblühte und sich benahm wie ein Jugendlicher. Er saß umringt von Studenten auf den Treppen – so muss es im Mittelalter bei Abélard mit seinen Studenten ausgesehen haben. Ich hatte das Gefühl, das System in dem ich aufgewachsen war, besiegt zu haben.

Denn während der Zeit des Kommunismus gab es keine echte vereinsgesellschaftliche Bewegung, jedenfalls nicht jenseits der Kontrolle des politischen Systems. Alles musste von der Partei bewilligt sein, was der Tod jeder Spontanität und Authentizität war. Die Menschen konnten sich also nicht in unabhängigen Film- oder Künsterclubs treffen, daher traf man sich privat, Zuhause, in Hinterhöfen, man wusste wer von was träumte, wem was fehlte, wer über die Runden kam, und wem das Wasser bis zum Halse stand.

Wir wollten außerdem von Anfang an nicht nur Stars auf dem Festival haben, sondern vor allem junge Leute, auch gerade jene aus dem sogenannten Ostblock, die von solchen Begegnungen nur träumen konnten und unter dem Mangel an Autoritäten litten.

Die Begeisterung teilten aber nicht alle gleichermaßen. Der Rektor der Toruner Universität sah in dem Festival nicht mehr als eine Messe, da es schließlich keine Nobelpreisträger waren, die dort die Lehrveranstaltungen hielten, sondern “Komödianten”. Trotz solcher Missverständnisse ist das organisatorische Zentrum des Festivals der Stadt treu geblieben, wo die das Festival ausrichtende Tumult-Stiftung bis heute ihren Sitz hat – stilecht in einer ehemaligen evangelischen Kirche, weswegen man als ungeübter Besucher geneigt ist versehentlich daran vorbei zu laufen. Mehrmals.

Hier laufen die Fäden zusammen: Das Büro des Camerimage-Kernteams.
Foto: Jens Prausnitz
Hier laufen die Fäden zusammen: Das Büro des Camerimage-Kernteams.

Der Umzug des Festivals nach Łódź brachte in der Person von David Lynch neue Impulse, die sich bald in der Koproduktion von dessen Film “Inland Empire” niederschlagen sollte, der zu Teilen dort entstand. Der Kontakt war mehr zufällig zu Stande gekommen, Żydowicz hatte die Nummer vor Jahren von einer Kollegin bekommen, und wusste nicht, ob er dort überhaupt noch zu erreichen war. Dann stellte sich heraus, das sein Hotel nicht weit von Lynch’s Haus entfernt war, und so besuchte er ihn und nach einem langem Gespräch willigte dieser ein nach Łódź zu kommen. Die Stadt, ihr Licht und die verfallenen Industrieanlagen haben es ihm angetan, er hatte sich, wie es Żydowicz ausdrückt, mit “Łódź infiziert”. Künstlerisch erweckte ihn der Ort und die Mentalität der Leute zu neuem Leben, wie in “Der Zufall möglicherweise” von Kieślowski fanden sich genau jene Zutaten, die sich Lynch für spontane Dreharbeiten wünschte, selbst ein Zirkus mit vier weißen Dressurpferden.

Marek Żydowicz: David Lynch erschien mir immer wie ein Mann hinter Glas, der von der Außenwelt nicht berührt wird. Die Begegnung mit ihm hat etwas, das sich schwer beschreiben lässt, man fühlt sich wie nach einem mehrmonatigen Urlaub, jede Begegnung mit ihm erfüllt die Menschen mit dem Glauben Berge versetzen zu können. Und er fühlte sich sehr wohl hier.

Es gibt so etwas wie zeitlosen Bruderschaft (lacht). David nennt mich seinen “älteren Bruder”, und Michael Neubauer (Anm. d. Autors: Geschäftsführer des BVK) und ich nennen einander ebenfalls Bruder. Und das sind keine hohlen Worte, wir verstehen uns so, als wären wir aus dem gleichen Lehm geformt worden.

Dass es sich hierbei um keine Übertreibung handelt, wird jeder wissen, der Interviews mit David Lynch gesehen hat, die auf das Festival Bezug nehmen. Darin sprach er immer liebevoll von der “Camerimage Gang”, was das Kernteam um Marek Żydowicz beschreibt, aber bei dieser Gelegenheit einmal namentlich erwähnt werden sollte: Małgosia Marcinkowska, Kazimiesz Suwała, Adam Zdunek, Michał Prewysz-Kwinto und Agnieszka Swoińska. Von den zahllosen ehrenamtlichen Helfern hinter und vor den Kulissen ganz zu schweigen, die den von eben jener Camerimage Gang ausgetüftelten Heist-Movie ähnlichen Plot Jahr für Jahr in die Tat umsetzen.

“Inland Empire” blieb auch nicht die einzige Koproduktion, denn in Peter Weir fand Marek Żydowicz gleich den nächsten “Bruder im Geiste”, an dessen “Master & Commander – Bis ans Ende der Welt”(2003) die Tumult-Stiftung ebenfalls mitwirkte.

Diese Spontanität und Offenheit, der Wille zur Improvisation und der Glaube daran, dass es schon irgendwie werden wird, ist etwas, das mir in Polen immer wieder begegnet ist, was sich auch in schweren Momenten abzeichnet, als etwa Harris Savides unmittelbar vor dem Festival verstarb, wo er eigentlich gemeinsam mit Gus van Sant den Preis für das Regie-Kamera -Duo entgegen nehmen sollte. Es gab ein wunderbares Memorial im Hauptsaal, bei dem sich Kollegen an ihn erinnerten, und ihren Schmerz über den Verlust mit den Anwesenden teilten. Was anderswo peinlich werden könnte, wurde hier stilvoll und mit traumwandlerischer Sicherheit ins Tagesprogramm integriert. Man fühlt sich wie in einer großen Familie.

Den Kreis der Preisträger hatte das Festival auch deswegen erweitert, um kein künstlerisches Ghetto zu schaffen, auch wenn sich das manch einer anfangs gewünscht haben mag. Auch hier behielt das Camerimage den richtigen Riecher und blickte mit der Zeit über den Sucher der Kameraleute hinaus auf all jene, die ebenfalls maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der Bilder haben, wie Regisseure, Production Designer, Schnitt, Schauspiel und Kostüm, auch wenn das Duo aus Regie und Kamera doch immer die ersten Geigen spielen.

Wieso gibt es diese doch ins Auge stechende Ausrichtung am amerikanischen Kino?

Marek Żydowicz: Das amerikanische Kino ist professionell gemachtes Kino. Und selbst wenn es dummes Kino ist, ist es unter vollem Einsatz und dafür Verantwortung tragenden Filmhandwerker entstanden, was man von vielen andernorts entstanden Filmen nicht sagen kann.

Es werden auch Filme unter dem Vorbehalt eingeladen, dass die Filmemacher her kommen, und sich der Kritik stellen, ihre Filme verteidigen und sich vor Ort mit anderen auseinander setzen. Die zwei zentralen Kriterien sind für uns immer die gleichen: Die Bildqualität im Kontext des zu erzählenden Inhalts, sowie das der Gast herkommt, und mit uns darüber spricht. Das soll dazu dienen, dass sich die Leute hier, indem sie einander kennenlernen, gegenseitig inspirieren.

Ich will nicht, dass sich dieses Festival in ein großes Lamentieren über den Untergang der Menschlichkeit und der Hoffnungslosigkeit entwickelt. Auf vielen anderen Festivals wird das Programm von politisch-depressiven Filmen dominiert, wir wollen aber auch Filme zeigen die Hoffnung machen, und ich lasse mich bei der Auswahl von niemandem instrumentalisieren oder vor den Karren einer Sache spannen.

Historie auch an der Eingangstür: Die Türklingel der Tumult Stiftung, die das Festival organisiert.
Foto: Jens Prausnitz
Historie auch an der Eingangstür: Die Türklingel der Tumult Stiftung, die das Festival organisiert.

Man kann es ohnehin nie allen Recht machen, und diese Ausrichtung gibt dem Festival ja sein Profil.

Marek Żydowicz: Ich kann über fast alle Filme sprechen, weil ich 90% davon gesehen habe. Die verblieben 10% sichte ich meist deswegen nicht mehr persönlich, weil sie mir von Leuten empfohlen wurde, denen ich zu 100% vertraue.

Wir bekommen auch nicht alle Filme, die wir wollen, was aus unterschiedlichen Gründen – etwa an den Verleihern scheitern kann. Aber wenn es den Filmemachern daran liegt, dann setzen wir uns auch bis zuletzt dafür ein – und umgekehrt.

Steht denn vielleicht in 25 Jahren das Festivalzentrum nach den Plänen von Frank Gehry?

Marek Żydowicz: Das wäre mein Traum. Die Idee war fantastisch, aber ich weiß nicht ob wir darauf zurück werden, ob sich dafür überhaupt ein Platz in Polen finden wird? Ich weiß es nicht, aber Frank Gehry hat uns versichert, dass er es uns entwirft egal wann und wo auch immer. Bydgoszcz möchte den Vertrag mit dem Festival verlängern, und es gibt bereits Pläne für den Ausbau der Oper um einen vierten Kreis, der diverse Platzprobleme beheben würde, etwa für Ausstellungen oder bessere Projektionen der Dokumentarfilmsektion, ja vielleicht sogar Platz für die Workshps bietet. Ich glaube daran, dass sich die Situation auf die eine oder andere Art lösen wird. Und es bleibt immer die Option auf Emigration in ein anderes Land, wir haben in Europa und auf der ganzen Welt Freunde, vielleicht nimmt uns jemand von ihnen bei sich auf, wenn es sein muss.

Womit man wieder beim von Kieślowski beschworenen olympischen Geist wäre.

Marek Żydowicz: Genau so ist es.

Was kann man schon über die diesjährige Jubiläumsausgabe verraten?

Marek Żydowicz: Wir hatten noch nie so viele Anmeldungen für Regie- und Kameradebüts wie in diesem Jahr. Leider gibt es auch eine Entwicklung, die mich beunruhigt, die Filmemacher beginnen aufzuhören sich mit dem Filmbild auseinanderzusetzen, sie meinen offenbar das Beherrschen der Bedienungsanleitung der Kameras genüge – die Mehrheit von den über 3000 Einreichungen, die ich bisher gesichtet habe, vielleicht 600 – in der Mehrzahl der Fälle habe ich ein ungutes Gefühl, weil ich viele gestalterische Manierismen sehe, oder wie die Kamera auf ein bloßes Aufzeichnungsmittel reduziert und somit der Film einer bewussten Gestaltung beraubt wird, bei vorgefundenem Licht und ebensolchen Situationen. Nicht nur bei den Studentenfilmen, auch zunehmend bei erfahrenen Leuten, ich habe keine Ahnung was die Ursache dafür ist. Manchmal entspringt das vielleicht der Überzeugung, das Thema allein sei so wichtig, dass es schwerer wiegt, als die Form. Da ist nichts mehr, das zwingend mit filmischen Mitteln erzählt werden muss, sondern ebenso gut bereits in schriftlicher Form voll zur Geltung käme, das ist ein nicht-würdigen der Filmmaterie als künstlerischem Ausdrucksmittel, das zu mehr taugt als nur hübsch anzusehen zu sein, sondern bewegt.

Es wird eine David Lynch Ausstellung geben, mit 400 Ausstellungsstücke, die noch nirgendwo gezeigt wurden, von Gemälden, Grafiken, Fotografien, über Musik, die Filme aus seiner Zeit in Philadelphia sowie Dokumentarisches, ein fast 80 minütiges making-of von “Wild at Heart”, seine Werbespots und Musikvideos. Außerdem zeigen wir die ersten beiden Episoden von “Twin Peaks – The Return”, und er wird auch selber kommen.

Darf auch mit Peter Deming gerechnet werden?

Marek Żydowicz: Ich denke schon.

Vielen Dank für dieses ausführliche Interview.

Dem Newsletter bzw. der Webseite kann man auch entnehmen, das etwa John Toll der diesjährige Preisträger für sein Lebenswerk ist, und Paul Hirsch als Cutter ausgezeichnet wird. Auch eine Raoul Coutard Retrospektive ist bereits angekündigt, und die Erfahrung der letzten Jahre hat bestätigt, dass man dort alle relevanten Filme für (nicht nur) den Kamera-Oscar zu sehen bekommen wird, selbstredend mit deren Schöpfern im Schlepptau.

In den Schatten gestellt wird das alles aber von der einzigartig Atmosphäre, in der man in einer Woche mehr lernen kann, als manche in einem ganzen Filmstudium. Wer das für eine leere Phrase hält, darf sich gerne an etwa Michael Schreitel oder Markus Förderer wenden, die beide zuerst als Studenten auf das Camerimage Festival kamen, um Jahre später mit ihren Filmen in die Wettbewerbe, Programme und Jurys zurück zu kehren.

Marek Żydowicz’ Leidenschaft für Film war während des Interviews immer wieder förmlich mit Händen greifbar, und man konnte gar nicht anders als sich davon anstecken lassen. Einen idealeren Gastgeber als ihn kann man sich nicht wünschen – vorausgesetzt man hat das Spielen nicht ganz verlernt, und das Einhalten elementarer Regeln sowie den gegenseitigen Respekt von den Hinterhöfen hinüber ans Filmset gerettet, wie Marek und sein Team es jedes Jahr auf’s Neue unter Beweis stellen, dann fühlt man sich selbst wieder so jung und erfrischt, wie das Kind in einem, voller Neugier auf alles, was die nächsten 25 Jahre zu bieten haben werden.

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