Die Auswirkungen von Covid-19 auf das Editing

„Jetzt sind konkrete Absprachen wichtig“

Editing geschieht drinnen, mit überschaubarem Personal, insofern unter kontrollierbareren Bedingungen als ein Dreh am Set. Wir haben in unserer Ausgabe 10.2020 nachgefragt, wie Covid-19 sich auf die Arbeit von Editorinnen und Editoren ausgewirkt hat.

Editorin Manuela Kempf an ihrem Arbeitsplatz

Es ist ja schon mal ein gutes Zeichen, dass unser Gespräch in der Mittagspause stattfindet. Das bedeutet: Es gibt Arbeit für Editorinnen und Editoren. Womit beschäftigt ihr euch gerade?
Manuela Kempf: Ich habe gerade einen ZDF-Fernsehfilm geschnitten, der lange geplant war und dann mit einer vierwöchigen Verspätung doch noch gedreht worden ist. Wir hatten jetzt Abnahme mit dem Sender, die remote stattgefunden hat. Somit musste der Redakteur nicht nach München in den Schneideraum kommen.
Rainer Ahlschwedt: Ich bin gerade dabei, eine Staffel einer Quizsendung mit sechs Folgen zu konfektionieren. Die sind in Überlänge im Studio produziert worden und müssen jetzt von mir auf die richtige Länge gebracht werden. Sehr speziell war, dass am Freitag vorletzter Woche zwei Folgen aufgezeichnet wurden und am Sonntag darauf, also zwei Tage später, die Sendung schon ausgestrahlt werden sollte. Freitagabend haben wir angefangen zu konfektionieren. Die Abnahme war Samstagabend um 18:00 Uhr für die Sendung am nächsten Tag. Da war nicht viel Zeit!

Wie ist denn generell die Auftragslage?
Rainer Ahlschwedt: Ich hatte zwei Monate keine Aufträge, weil nichts gedreht wurde. Ich bin im Dokutainment-Bereich tätig, nicht im Fiction-Bereich, und bevor da wieder gedreht werden konnte, hat es ungefähr bis Mitte Mai gedauert, als die ersten Ausnahmegenehmigungen erteilt wurden. Dann geht es aber bei mir schnell los, denn da wird nicht mehr so viel vorbereitet wie etwa bei Fiction-Drehs.
Letztendlich läuft es so langsam wieder an und es kommen einige Anfragen. Meine Befürchtung ist, dass es so sein wird wie bei der Finanzkrise. Im ersten Jahr kamen wir mit einem blauen Auge davon, weil viele Produktionen schon fest geplant und schon im Vorjahr eingetütet worden waren. Aber im darauf folgenden Jahr hatte ich dann erst im Oktober den ersten Job, weil sich niemand traute, etwas zu produzieren und Verträge zu unterschreiben. Das ist auch jetzt meine Befürchtung.

Welche persönliche Arbeitssituation habt ihr im Moment? Wo sind eure Arbeitsplätze?
Rainer Ahlschwedt: Ich bin in der Produktionsfirma. Theoretisch könnte man das auch zu Hause machen, dafür hätte ich auch die technischen Voraussetzungen. Aber hier finden auch Abnahmen statt, die nicht remote erfolgen können, sondern da kommt der Sender vorbei, was auch wegen des hohen Zeitdrucks nachvollziehbar ist. Wenn du am selben Tag sendest, musst du halt schnell reagieren können. Hier läuft für mich alles im Normalbetrieb.
Manuela Kempf: Die Produktionsfirma hat einen Schnittplatz, in einem Postproduktionshaus angemietet, wo ich häufig arbeite. Da habe ich schon quasi meinen persönlichen Schnittplatz. Ich könnte auch zu Hause schneiden, aber mir ist es lieber, jeden Morgen hinzugehen und nicht, dass Produzent und Regie permanent bei mir zu Hause sitzen.

 


Manuela Kempf, Jahrgang 1964, ist seit 1995 freiberufliche Editorin in München und schneidet überwiegend für das Fernsehen TV-Spielfilme, Serien und Kinofilme, hier speziell Kinderfilme. Davor absolvierte die gelernte Fotografin ein zweijähriges Schnittvolontariat beim SWR in Baden-Baden und war dort einige Jahre fest angestellt. Auslandserfahrung machte sie einige Zeit in Mexiko wo sie für das ZDF-Auslandsstudio Reportagen geschnitten hat. Sie ist Mitglied im Bundesverband Filmschnitt Editor e.V.

Silke Spahr ist seit 2016 Geschäftsführerin des Bundesverbandes Filmschnitt (BFS). Vorher hat sie mehr als 20 Jahre die Geschäfte von ARD-Vertriebstöchtern, Rechtehändlern und Verleihfirmen geführt. Nun vertritt die Volljuristin deutschlandweit die wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der Mitglieder im BFS. Silke Spahr hat einen Sitz im Verwaltungsrats der VG Bild-Kunst und im Beirat der Künstlersozialkasse.

 

 

Rainer Ahlschwedt ist seit 1995 freiberuflich als Editor tätig und arbeitet nach Stationen in Washington D.C. und München jetzt in Hamburg. In 25 Berufsjahren hat er bereits alle Genres montiert. Sein Spezialgebiet sind Dokumentationen und Dokutainment, darunter Produktionen wie „Helgoland…“, „Spiekeroog mit Judith Rakers“, „Hol mich hier raus. Ich bin ein Star“ oder „Früher war alles besser! Oder?“.

 

 


 

Ist es ein anderes Arbeiten als vor Covid-19?
Manuela Kempf: Ich habe nicht den Eindruck. Natürlich gibt es die Maskenbestimmung, es kommt jetzt nicht unbedingt jeder, der uns zuarbeitet, in den Schneideraum, und man tauscht auch nicht wild die Schneideräume untereinander. Aber sonst hat sich für mich überhaupt nichts geändert.
Rainer Ahlschwedt: Bei uns war es bis dahin überhaupt eigentlich nie ein Thema, remote zu arbeiten. Wir haben immer mit einem Redakteur zusammengesessen. Aber diese Diskussion ist jetzt stärker in Gang gekommen. Ich halte es eher wie Manuela, ich gehe auch lieber irgendwohin, als dass ich zu Hause im Keller versauere. Aber Arbeiten von zu Hause ist ein Thema geworden. Ansonsten gibt es keine großen Vorsichtsmaßnahmen. Ich habe noch keinen Schnittplatz entdeckt, wo Plexiglas verbaut wurde. Außer vielleicht Handdesinfektionsspendern habe ich nichts gesehen.
Manuela Kempf: Bei den Sendern machen sie das aber. Beim SWR oder BR haben sie tatsächlich Plexiglas-Scheiben in den Schnitträumen.
Rainer Ahlschwedt: Bei den beiden Firmen, wo ich war, gibt es das nicht.
Manuela Kempf: Bei mir auch nicht. Wir haben mit Abstand gesessen, als die Regisseurin bei mir war, draußen auf den Gängen natürlich immer mit Masken. Aber sonst ist es nicht viel anders als früher.
Rainer Ahlschwedt: Bei mir im Raum saßen bei der Abnahme drei oder vier Leute auf acht Quadratmetern. Von mir aus kann das gerne so sein, ich habe da keine großen Bedenken. Mit der Redakteurin arbeite ich jetzt schon lange zusammen, wir sind ein Team geworden und da misstraut auch niemand dem anderen. Ich möchte jedenfalls lieber nicht remote arbeiten.

Diese Schilderungen aus der Praxis klingen ja so, als hätte sich im Bereich des Infektionsschutzes beim Schnitt nicht besonders viel getan. Sieht der Berufsverband hier Handlungsbedarf?
Silke Spahr: Es gibt tatsächlich Mitglieder, die sich an uns gewandt haben und denen es unheimlich ist, dass in einigen Produktionsfirmen beziehungsweise Postproduktionshäusern nicht viel passiert. Vielleicht noch im Schneideraum selbst und beim Abstand dort, aber in den Gemeinschaftsbereichen gibt es oft keinerlei Masken und keinerlei Schutz. Alles ist so wie zuvor. Einige finden das gut und sind entspannt, aber andere machen sich wirklich Sorgen. Wir haben ja im Verband eine eigene Arbeitsgemeinschaft, die AG „Post Corona“, die sich mit den spezifischen Arbeitsschutzmaßnahmen im Schneideraum beschäftigt hat. Dort haben wir Standards definiert und mahnen diese auch an. Denn jetzt sind konkrete Absprachen wichtig! Die Einhaltung dieser Standards und der Standards der Berufsgenossenschaften liegen jedoch allein im Verantwortungsbereich der Produzenten oder Postproduktionsfirmen. In Einzelfällen habe ich mich auch schon einmal direkt an die Geschäftsführung gewandt und mit dem Verantwortlichen Lösungen gefunden, wie unsere Mitglieder noch besser geschützt werden können. Bei einem großen Postproduktionshaus mit um die 15 Schnittplätze ist die Umsetzung der Schutzmaßnahmen auch wirklich eine Herausforderung. Für Vorerkrankte ist das eventuell gar nicht zumutbar.
Manuela Kempf: Da hast du vollkommen recht. Es kommt wirklich auf das Postproduktionshaus an. Davon kenne ich ja einige hier in München. Seit wieder gedreht wird, war ich zwar nur in dem einen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass jede Firma das anders handhabt. Da gibt es einen großen Kaffeeraum, wo sich jeder trifft.

Das ist aber vielleicht eher eine Frage der persönlichen Einstellung als der Arbeitssicherheit. Man muss sich ja nicht unbedingt zu 15 anderen Leuten in die Kaffeeküche stellen.
Rainer Ahlschwedt: Meine Erfahrung ist: Jeder achtet schon auf Abstand, selbst wenn nicht unbedingt jeder mit Schutzmaske unterwegs ist. Dieses Zurückweichen oder Stehenbleiben, wenn jemand kommt, ist schon präsent. Es ist nicht so, dass hier Coronaleugner morgens zur Arbeit kommen und sagen, wir machen alles so wie im Februar. Aber es gibt natürlich immer Situationen, in denen man für ein paar Sekunden nicht darauf achtet, in einer Abnahme oder wenn der Kurier mit Material kommt.

Es ist ja technisch grundsätzlich kein Problem, als Editorin oder Editor remote zu arbeiten. Aber wenn ich das richtig verstehe, wird das gar nicht gewünscht. Lässt sich das so verallgemeinern oder gibt es da unterschiedliche Ansätze?
Rainer Ahlschwedt: Es gibt beides, das ist vielleicht fifty- fifty.
Manuela Kempf: Ja, denke ich auch.
Rainer Ahlschwedt: Ich habe das Gefühl, einige sind extrem froh, dass sie nicht zu Hause sind, weil ihre Kinder sie sonst nicht arbeiten lassen würden. Auf der anderen Seite: Eine Kollegin aus Berlin vermeidet einfach zweieinhalb Stunden öffentlichen Nahverkehr, spart Zeit und findet es toll, dass sie nicht mit der Bahn quer durch die Stadt fahren muss. Das ist so individuell, dass die AG „Post Corona“ zu die- sem Thema keinen Hinweis geben wird, weil wir nicht sagen können, was richtig und was falsch ist. Das können wir nicht vorgeben.
Manuela Kempf: Wir hatten kürzlich ein Meeting, wo Editoren vorgestellt haben, wie sie während der Corona-Zeit remote gearbeitet haben. Da gibt es ja unterschiedliche Möglichkeiten. Ein Mitglied von uns hat zum Beispiel während Corona einen ganzen Kinofilm remote zu Hause geschnitten. Für ihn war es eine tolle Erfahrung, aber es ist ihm natürlich lieber, wenn der Regisseur nebendran sitzt. Es ist halbe-halbe. Viele haben einen eigenen voll funktionstüchtigen Schneideraum zu Hause und sind es schon gewohnt, von zu Hause aus oder in ihrem Büro zu arbeiten. Das ist das etwas anderes. Aber die meisten wollen eigentlich, dass die Regisseure neben einem sitzen.
Rainer Ahlschwedt: Manche haben eben auch keinen Schnittplatz zu Hause. Ich glaube, wir können nicht voraussetzen, dass Editoren alle zu Hause schneiden können.

Da müsste man dann vielleicht an seine Produktionsfirma herantreten und sagen: „Schafft mir bitte die Möglichkeit, dass ich zu Hause schneiden kann.“
Rainer Ahlschwedt: Bevor die Produktionsfirma darauf eingeht, wird sie eher versuchen, das bei sich vor Ort hinzubekommen, wie auch immer.
Manuela Kempf: Wir werden in der Zukunft sicher Abnahmen wie wir letzte Woche remote machen, damit die Redakteure nicht mehr vom ZDF oder von Hamburg nach München reisen müssen, oder von München nach Berlin. So eine Tagesabnahme ist ja technisch recht unkompliziert und so etwas wird jetzt bestimmt öfter gemacht.
Silke Spahr: Aus Verbandssicht wäre es ideal, wenn es eine Art Wahlrecht gäbe, wo sich jede Editorin und jeder Editor entscheiden kann, ob er zu Hause oder in der Postproduktionsfirma schneiden möchte. Dann kann es jeder auf seine individuelle Situation anpassen. [13402]

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