Künstlerisch atmen

Interview mit Guillermo del Toro

In Venedig wurde Guillermo del Toro mit dem Goldenen Löwen für sein neuestes Werk “Shape of Water” ausgezeichnet. Wir sprachen für die Ausgabe 11/2017 mit ihm über seinen aktuellen Film, seine Herangehensweise an neue Projekte und die Entwicklungen der Filmbranche. 

Guillermo del Toro erhält den Goldenen Löwen aus den Händen von Biennale-Präsident Paolo Baratta.
Foto: La Biennale die Venezia / ASAC
Guillermo del Toro erhält den Goldenen Löwen aus den Händen von Biennale-Präsident Paolo Baratta.

In Venedig begeisterte Guillermo del Toro mit „The Shape of Water“, einer fulminanten Mischung aus Liebes- und Monsterfilm, Pathos und Poesie, für die er verdient den „Goldenen Löwen“ erhielt. Sein Blick in die Vergangenheit des Jahres 1962 ist gleichzeitig ein Blick auf die Gegenwart. Geändert hat sich für den teilweise in Amerika lebenden Mexikaner wenig. Am dänischen DoP Dan Laustsen schätzt er nicht nur die Technik, sondern besonders auch die Emotionalität in der Umsetzung.

Wie haben Sie den Film gestemmt?

Eine lange Angelegenheit, insgesamt sechs Jahre. Ich hatte erst eine andere Geschichte, von einer Expedition am Amazonas. Die ging aber nicht richtig auf. Bei einem Frühstück 2011 berichtete mir Daniel Kraus, mein CoAutor bei den Trollhunters-Büchern, von seiner Idee als Teenager über eine Putzfrau, die in einer Regierungseinrichtung arbeitet und sich mit dem dort gefangenen Amphibienmann anfreundet und ihn befreit. Da platzte bei mir der Knoten, genau der richtige Plot. Allein drei Jahre brauchte ich für die Entwürfe, weil ich mich nicht auf „Hellboy“ beziehen oder wiederholen wollte. Und habe sie aus eigener Tasche bezahlt. Sechs Modelle bauten wir, bis sie uns gefielen. Die Finanzierung war nicht leicht. Dem Studio habe ich die Modelle und Zeichnungen gezeigt und den Executives die Geschichte von Anfang bis Ende erzählt. Mit schwebte ein klassischer Schwarz-Weiß- Film vor, das kam aber nicht so gut an. Wenn schon einen Film mit politischer Aussage, einer Lovestory zwischen einer Frau und einem Fischwesen, dann bitte in Farbe. Das war dann meine einzige Konzession. Ich wollte einen 60 Millionen-Dollar-Look für ein Budget von unter 20 Millionen. Da nutzte es, dass ich durch meine TV-Serien gelernt hatte, flink zu arbeiten.

Hat Ihnen der Ausstieg aus den geplanten zwei Hobbit-Filmen geschadet?

Danach hatte ich 2013 „Pacific Rim“, das nächste Projekt klappte nicht. Eine komplizierte Situation. Aber sonst habe ich alle zwei Jahre einen Film gedreht. Die meisten Projekte werden gar nicht realisiert, das gehört zum Business. Ich habe in 25 Jahren 24 Drehbücher geschrieben, die meisten blieben in der Schublade. In jeden Film investiert man zwei oder drei Jahre. Bei „Hellboy“ dauerte es acht Jah – re bis zur Leinwand. Filmemachen ist kein Dating-Service, sondern eine Ehe auf Zeit. Nichts ist vorhersehbar in diesem Geschäft. Es gibt eben Momente, wo man sagt, es reicht und die Brocken hinwirft, es kann auch passieren, dass am Freitag das Aus kommt, obgleich der erste Drehtag für Montag geplant ist.

Sie versuchen einen Spagat zwischen Arthaus und Kommerz.

Ich realisiere Filme mit einem Superbudget oder mit einem moderaten wie hier und fühle mich keiner Kategorie zugehörig. Für den Arthaus-Sektor bin ich zu sehr „Genre“ und für manche Genrefilme zu sehr künstlerisch. Ich existiere an einem Platz, wo ich künstlerisch atmen kann. Nicht gerade leicht. Ich könnte vielleicht schon zwanzig Filme statt zehn gemacht haben, aber ich will meine Vorstellungen durchsetzen und bin ein ziemlicher Dickkopf bei der Arbeit.

Zeit des Umbruchs: Michael Shannon (links) spielt den Regierungsbeamten Richard Strickland
Foto: Twentieth Century Fox
Zeit des Umbruchs: Michael Shannon (links) spielt den Regierungsbeamten Richard Strickland

Was hat Sie zu diesem „Monster“ inspiriert?

Es gibt eine tolle Tradition von Amphibienmännern in BMovies, die liebe ich. Aber ich beziehe mich auch auf die japanischen schwarzen Karpfen, Salamander oder anderes Getier. Die Kreatur sollte jedenfalls schwarz sein. Besonders angetan haben es mir die Monsterfilme aus den 1950er Jahren wie Jack Arnolds „Der Schrecken vom Amazonas“ mit dem Kiemenmenschen, halb Meeres- und halb Landlebewesen. Mir machte es Spaß, den Spieß umzudrehen, nicht die fremde Kreatur sollte der gefährliche Bösewicht sein, sondern ein Mensch.

Erforderte dieses Wasserwesen eine besondere Lichtsetzung?

Das Licht gibt der Kreatur erst den letzten Schliff. Dan Laustsen und ich haben schon bei „Crimson Peak“ zusammen gearbeitet, ein genialer DoP, wir verstehen uns optimal. Er denkt nicht nur technisch, sondern auch emotional. Darauf kommt es bei jedem DoP an. Wie bei einem Dirigenten, nur dass er mit Licht die Emotionen rüber – bringt. Wir wollten Bewegung – mit Kränen, Dollies und Steadicams –, alles größtenteils in monochromatischen Farbtö- nen und einem entsättigten Look. Das Licht und seine Schatten wirken sehr expressionistisch. Um dem Wesen ein Geheimnis zu lassen, wurde es nur sehr schwach ausgeleuchtet.

Haben Sie die Rollen quasi den Schauspielern auf den Leib geschrieben?

Sally Hawkins als stumme Putzfrau, Octavia Spencer als ihre Freundin und Michael Shannon als sadistischer Regierungsbeamte standen von Anfang an fest. Schon vor Jahren habe ich Sally versprochen, einen Part für sie zu schreiben. Ich kannte sie aus der BBC-Serie „Fingersmith“ und aus Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“.

Ohne Worte: Sally Hawkins und Doug Jones.
Foto: Twentieth Century Fox
Ohne Worte: Sally Hawkins und Doug Jones.

Sex spielt eine große Rolle.

Für mich ist „The Shape of Water“ eine „Schöne und das Biest“-Legende. Die ist bei manchen sehr rein, bei anderen wieder pervers. Keine dieser Seiten interessierte mich. Ich wollte eine Love-Story, zu der ganz natürlich Sex gehört. Sally Hawkins ist auch nicht die weiße Prinzessin auf dem Sockel. Sie regelt alles nach Plan, drei Minuten Masturbation am Morgen, drei Minuten Eier kochen, das Haus verlassen. Dennoch kann sie diese Reinheit ausstrahlen. Man sollte keinesfalls Reinheit mit Unschuld verwechseln. Für die Duschszene mit ihr und dem Monster habe ich sechs Stunden gebraucht, wenn wir mehr oder weniger gefilmt hätten als die Schatten, hätte die delikate Szene nicht funktioniert. Es ging mir um die Sinnlichkeit.

Die Liebe ist so fragil und bedroht.

Beide sind beschädigt, brauchen keine Worte, verstehen sich durch Gefühle. Das Gefährlichste auf der Welt ist Perfektion. Nur diese Motherfucker von Faschisten und Nationalisten streben sie an. Nicht-Vollkommenheit bedeutet auch Toleranz und dafür stehen Monster. Sie sind Außenseiter und präsentieren sich so, wie sie sind, können nicht lügen. Perfekte Elemente für eine Fabel. Die wahren Monster sitzen heute in Anzügen und Krawatte in den Führungsetagen der TV-Anstalten.

Fühlen Sie sich auch als Außenseiter?

Was glauben Sie? Als Kind in Mexiko dachte ich an Christopher Lee, Boris Karloff, James Whale und Lon Chaney. Darüber konnte ich mit niemandem reden. Ich bin total mexikanisch, sehe Leben und Tod anders als ein Amerikaner. Gelder für meinen ersten Film in Mexiko zu generieren, ein Melodram über einen 70-Jährigen, der in einen Vampir verwandelt wird, war wahrlich kein Kinderspiel.

Starke, visuelle Handschrift: Regisseur und Autor Guillermo del Toro mit Sally Hawkins (links) und Octavia Spencer.
Foto: Twentieth Century Fox
Starke, visuelle Handschrift: Regisseur und Autor Guillermo del Toro mit Sally Hawkins (links) und Octavia Spencer.

Warum wählten Sie ausgerechnet 1962 als Handlungsjahr?

Ein wichtiges Jahr für Amerika, der Höhepunkt des weißen „American Dream“. Die Zukunft schien rosarot. Auf den Straßen kurvten schicke Cadillacs, die Küchenausstattungen glänzten, die Frauen wippten im Petticoat. Morgens kam der Milchmann, abends saß man vor dem Fernseher. Das alles spielte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, dem Wettlauf im All und der beginnenden Bürgerrechtsbewegung. Im Weißen Haus regierte John F. Kennedy. Als er einige Monate später erschossen wird, bricht dieses Camelot wie ein Kartenhaus zusammen. Der Vietnamkrieg breitet sich aus, die Gesellschaft spaltet sich. Wer heute sagt „Make America great again“ träumt von 1962, der Zeit mit gut laufenden Fabriken, neuen Robotern, prosperierender Landwirtschaft, prächtigen Highways. Dabei gab es Probleme wie Rassismus, Sexismus, Klassenunterschiede. Und die gibt es immer noch.

Also blickt „The Shape of Water“ in die Gegenwart?

Zweifellos. Es geht nicht nur um Politik, sondern auch darum, wie Hass, Aufspaltung und Zynismus unsere Gesellschaft bestimmen. Wer über Zynismus redet, gilt als smart, wer Liebe als Lösung vorschlägt, als ein elender Dummkopf. Man traut sich fast nicht mehr, über Gefühle zu sprechen. Gegen diesen Trend setzt mein Film einen Kontrapunkt mit Hoffnung und Erlösung, auch wenn das Märchenhafte immer wieder durch die harte Wirklichkeit gebrochen wird. Eine Vermählung zwischen Sci-Fi-Movie und Märchen.

Dabei schockiert aber dieses Aufeinanderprallen von Poesie und Fantasie auf der einen und ungeheure Brutalität auf der anderen Seite.

Diese Bruchstelle ist wahrscheinlich für das Publikum schwieriger als für mich, ich habe einige sehr brutale Szenen sogar herausgeschnitten. Beides muss nebeneinander existieren können in meinen Filmen. „Pans Labyrinth“ war auch schön und brutal zugleich.

Inwieweit beeinflusst die aktuelle politische Situation Ihr künstlerisches Schaffen?

Als in USA lebender Mexikaner wurde ich schon Jahre vor Trump mit Nationalismus und Ungleichheit konfrontiert, auch wenn die Obama-Administration versuchte, die Grä- ben zu verkleinern. Allerdings hätte ich mir nie diese schamlosen und schockierenden Nazi-Aufmärsche vorstellen können.

Szenenfoto aus „The Shape of Water“ mit Sally Hawkins als Elisa und Octavia Spencer als Zelda.
Foto: Twentieth Century Fox
Szenenfoto aus „The Shape of Water“ mit Sally Hawkins als Elisa und Octavia Spencer als Zelda.

In Cannes wurde ein Netflix-Film noch ausgebuht, in Venedig lief die Netflix-Produktion „Our Souls at Night“ ohne größere Proteste. Was halten Sie von der Tendenz zu Streaming-Diensten?

Das ist der Beginn einer neuen filmischen Sprache, ein neuer künstlerischer Ansatz, kein Videogame, kein Film, etwas Eigenes. Ich hoffe, dass ich noch drei oder vier Filme drehen kann, für die das Publikum ein Kinoticket kauft. Das Medium Film, wie wir es heute kennen, wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren radikal ändern.

Zum Guten oder zum Schlechten?

Hoffen wir mal zum Guten. Es ist reaktionär, nur in die Vergangenheit verliebt zu sein. Das Jammern über die guten alten Zeiten ist falsch. Was bringt das? Unsere Art, Geschichten zu erzählen, hat Einfluss auf unser politisches und soziales Leben. Schauen Sie sich die derzeitige Politik an, statt Wahrheit dominieren Fake News. Es kommt darauf an, wer die Geschichten und Inhalte besser präsentiert, auch beim Runterladen. Früher bin ich nach San Francisco gefahren, um Akira Kurosawas „Kagemusha – der Schatten des Kriegers“ zu sehen. Inzwischen kann ich ihn zu Hause anschauen, oder wo auch immer. Ich möchte mich aber noch eine Zeit lang auf Filme konzentrieren.

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