„Hinter der Kamera“-Podcast: Porträt der Kamerafrau Monika Plura

„Ich liebe Plansequenzen“

Im „Hinter der Kamera“-Podcast von Timo Landsiedel war für unsere Ausgabe 7–8.2020 DoP Monika Plura zu Gast. Mit ihr sprachen wir über ihre Zusammenarbeit mit Zwillingsschwester und Regisseurin Martina Plura, ihre Vorliebe für Plansequenzen und wie sie als DoP mit wenig Drehzeit in Fernsehproduktionen umgeht.

Monika Plura startete ihre Karriere als Kamerafrau im Alter von elf Jahren. Im schönen Neuwied in Rheinland-Pfalz war das keine Selbstverständlichkeit, gibt es doch etliche Städte, denen man eher den Beinamen „Medienhochburg“ geben würde. Wie es sich für echte Künstler gehört, ließ sich Plura von dieser Tatsache nicht abhalten. Sie drehte zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Martina über 60 Kurz- und Langfilme, von Horror über Dramen, Komödien bis hin zu Stop Motion. Für sie war klar, dass es zum Film gehen muss. Nach dem Abitur zog sie mit 19 Jahren zusammen mit ihrer Schwester nach Hamburg und Köln. Dort folgten unter anderem Praktika bei „7 Zwerge – der Wald ist nicht genug“ und bei der englischsprachigen Produktion „One Way“.

Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit ihrer Schwester mussten beide auch ihre eigenen Erfahrungen machen. 2008 ging Monika Plura nach Hamburg an die Hochschule für Bildende Künste (HFBK). Hier studierte sie Film, lernte Drehbuchschreiben und Regie bei Wim Wenders und Pepe Danquart. „Ich habe alles ausprobiert dort, auch viel im Fotolabor abgehangen und viel gemalt“, so Monika Plura. „Aber eigentlich wollte ich immer nur hinter der Kamera stehen und so war ich auch bei den Filmen der Kommilitonen für die Kamera verantwortlich.“ Ganz wollten die Schwestern aber das Zusammenarbeiten auch nicht bleiben lassen. Martina Plura studierte mittlerweile an der KHM in Köln Audiovisuelle Medien, Schwerpunkt Film und Fernsehen. Beide überredeten ihre Hochschulen zu einer Mini-Kooperation und so konnten sie einige Filme zusammen drehen. Sie schrieben zusammen die Drehbücher, Martina führte Regie und Monika die Kamera.

Zweimal Filmhochschule

In ihrer Bachelorarbeit an der HFBK schrieb Monika Plura unter anderem über eine ihrer ausgewiesenen Vorlieben, die Plansequenz. „Das könnte man an meinen Filmen vielleicht ablesen“, sagt Monika Plura. „Ich liebe Plansequenzen!“ So beschäftigte sie sich für die Arbeit nicht mit irgendeiner, sondern der berühmten, hochintensiven Sequenz zu Beginn von „Enter the Void“ von Gaspard Noé, fotografiert von Kameramann Benoît Debie. „In der Form hatte ich das vorher noch nie so gesehen“, erinnert sich Plura. „Und ich war so beeindruckt, dass ich unbedingt herausfinden wollte, wie dieser Film gedreht wurde.“ Doch online fand sich nahezu nichts darüber. Auch Fachbücher zu dem speziellen Film waren Mangelware. Ihr Professor Wim Wenders fragte eines Tages, wie es denn mit der Arbeit stünde, woraufhin Plura ihm ihr Leid klagte, dass sie über die Machart der Sequenz nur sehr wenig Recherchematerial fände. Kurzerhand besorgte Wenders ihr die Telefonnummer von Noé. Den Kontakt zu Debie bekam Monika über den Bruder des Kameramanns. So konnte sie direkt am Telefon mit den Experten sprechen, um ihre Arbeit mit dem nötigen, wissenschaftlichen Tiefgang zu versorgen.

Nach den gemeinsamen Abschlussfilmen wieder auf den Geschmack gekommen, bewarben sich beide Schwestern um den beliebten Masterstudiengang an der Hamburg Media School (HMS) und wurden erstmals zusammen angenommen. „Ich wollte nach dem allgemeinen Studium an der HFBK noch mal knallhart zwei Jahre alles über die Kamera lernen. Das war natürlich an der HFBK nicht so intensiv, weil es einfach ein allgemeiner Studiengang Film ist.“ Zudem vermissten beide, dass ihre stark künstlerisch geprägten Schulen keinen expliziten Studiengang Produktion hatten. Das änderte sich jetzt an der HMS. Zwischen 2012 und 2014 drehte Monika Plura im Studiengang Bildgestaltung mehrere Kurzfilme, auch mit anderen Regisseuren. Der Umgang mit den Studenten an der HMS war ein anderer, dort will man ausdrücklich auf das Gebaren in der Industrie vorbereiten – im Positiven und im Negativen. Monika Plura nahm vor allem viel technisches Verständnis mit. „Dort habe ich den Lichtmesser kennen und schätzen gelernt“, sagt Plura. Zudem betont sie, wie stark Wert darauf gelegt wurde, dass die Technik beherrscht wird. Da wurde schon mal als Übung nachts die Uni ausgeleuchtet, Kräne ausprobiert und darüber sinniert, welcher Steiger für die Leuchten der beste ist. „Wir haben wahnsinnig viel ausprobiert an Technik, so dass man danach wirklich keine Scheu mehr hat, an einem Set den Licht-LKW zu bestücken oder sein Team hin und her zu lotsen“, so Monika Plura. „Die Kombination zuerst das freie Studium, dann noch mal das knallharte, zweijährige Studium – das war für mich perfekt.“

Gleichförmige Vorstadt versus schmutziger Strip-Club: Die Kontraste in „Vorstadtrocker“

Kamera soll unterstützen

Der Abschlussfilm „Da nicht für“ entstand wieder zusammen mit ihrer Schwester Martina. Der 24-Minüter erzählt drei Geschichten von drei sehr unterschiedlichen Männern, einem Straßenjungen, einem alten Mann im Rollstuhl und schließlich dessen Sohn. Alle drei eint, dass sie alle auf ihre Weise um Autonomie kämpfen. „Mein Ansatz war, dass ich jeder Figur ihre eigene Bewegung, ihre eigene Bildsprache geben wollte“, so Monika Plura. Das haben sie und ihre Regisseurin jedoch nicht in den Vordergrund stellen wollen. Ihre Bildgestaltung ist da klassisch: „Eine gute Kamera fällt am besten gar nicht auf, sondern unterstützt einfach die Geschichte.“ So stellte Plura den alten Mann im Rollstuhl stets sehr statisch oder mit ruhigen Dollybewegungen immer auf dessen Augenhöhe dar. Der Straßenjunge, der sich schleichend durch sein Leben bewegt, bekam das Stilmittel Steadicam, die ihm schwebend, manchmal fahrig folgt. Der Sohn des alten Mannes ist hektisch und überarbeitet und wurde von Plura mit Handkamera charakterisiert.

Schon kurz nach „Da nicht für“ drehte die Kamerafrau dann „Am Strand“, das Kurzfilm-Regiedebüt von Schauspielerin Nele Müller-Stöfen. Hier war das spannende Element, dass sich die von Laura Tonke dargestellte Figur blind stellt. Das wird von der Kamera nur durch Nahaufnahmen angedeutet, hier agierte laut Plura die Bildsprache sehr im Hintergrund. „Am Strand“ jedoch leitete auf ganz andere Weise hinüber zu Pluras Debüt, denn hier lernte sie Schauspieler Fabian Busch kennen, dessen Darstellung im Kurzfilm ausschlaggebend für die Besetzung in „Vorstadtrocker“ war.

Jenseits ihres Studiums drehte Monika Plura nicht nur Werbung für Ritter Sport oder Veuve Cliquot, sondern engagierte sich auch ehrenamtlich und leitet die Film-AG am Osterbek-Gymnasium in Hamburg sowie Videokurse für Kinder und Jugendliche. Für die ehrenamtliche Arbeit erhielt sie zusammen mit ihrer Schwester das Stipendium der Johann-Löwenherz-Stiftung in Neuwied. Die Jury hob hervor, dass beide „Frauenthemen in ihren Filmen aufgreifen und sich mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz in Neuwied besonderes für Frauen beziehungsweise Mädchen einsetzen.“

Milieus gestalten

Nach dem Studium folgte 2015 der Debütfilm für die NDR-Reihe „Nordlichter“. Gleich in der Einführungssequenz der 90-minütigen Krimikomödie „Vorstadtrocker“ tritt auch Pluras Leidenschaft für Plansequenzen zutage. Aus der Vogelperspektive sehen wir eine kreisförmig um einen Teich angelegte Wohnsiedlung. Die Kamera senkt sich herab und folgt den morgendlichen aufbrechenden Pendlern auf dem Weg zur Arbeit und findet so den Weg zu den beiden Protagonisten des Films.

Das Ganze wurde mit einer Drohne gefilmt, die langsam hinabsteigt, den Komparsen folgt und dann vom Kameraoperator übernommen wird, der zu den beiden Hauptfiguren, gespielt von Lisa Wagner und Fabian Busch, führt. Hier gibt es dann den ersten Schnitt, nach dem dann die Steadicam übernahm. Der TV-Film „Vorstadtrocker“ kommt erfrischend düster für eine Komödie daher. „Mich haben am meisten die Milieus gereizt“, erzählt Monika Plura. Das waren einerseits ein Strip-Club auf dem Hamburger Kiez und andererseits die spießige Vorstadt. „Schon von der Lichtgestaltung wollte ich nicht, dass es so klassisch aussieht wie die typische Sat.1-Komödie“, so Plura. „Das sollte schon ein bisschen anders aussehen. Mir gefällt das Spiel mit Dunkelheit, Licht und Schatten.“

„Vorstadtrocker“ spielt genüsslich mit Geschlechterklischees und stach dafür völlig zu Recht auf den 37. Biberacher Filmfestspielen mehrere etablierte TV-Recken im Rennen um den „Biber“ für den „Besten Fernsehfilm“ aus. Die Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Martina prägt Monika Pluras Karriere bis heute. Die Vertrautheit von Geschwistern könnte auch einer professionellen Arbeitsbeziehung im Wege stehen. Dadurch, dass beide letztlich schon seit 20 Jahren am Set zusammenarbeiten, ist ihre Kommunikation über Film sehr klar und direkt. „Man hat halt keine Scheu voreinander und man muss sich keinen Kopf machen, was jetzt der andere denkt, ja, man weiß sogar oft, was der andere denkt“, so Monika Plura. Beide können in der Vorbereitung sehr frei und kreativ „herumspinnen“, bremsen sich aber auch gegenseitig, um das Ganze in produktive Bahnen zu lenken. Am Set sei es dann oft so, dass sie gar nicht mehr miteinander sprechen müssen. Das konnte schon mal dazu führen, dass sich die Regie-Assistenz außen vor gelassen fühlte. Daraus leiteten die beiden einen Grundsatz für ihre Arbeit ab, gemeinsam, aber auch einzeln: „Das finde ich eh immer ganz wichtig, dass jeder immer weiß, was gerade Sache ist.“ Sie mag es überhaupt nicht, wenn die ganze Crew wartet, aber nicht kommuniziert wurde, was gerade der Grund ist. [12829]


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