"Some like it equal"

Gleichstellungsevent von Pro Quote Film auf der Berlinale 2018

Bei der Gleichstellungsveranstaltung von Pro Quote Film auf der Berlinale ging es hochmotiviert und kampfeslustig zu.

Anne Chlosta war für uns bei der Gleichstellungsevent von Pro Quote Film auf der Berlinale 2018.
Anne Chlosta war für uns bei der Gleichstellungsevent von Pro Quote Film auf der Berlinale 2018. (Bild: Foto: Anne Chlosta )

Am Einlass von “Some like it equal”, einer der Veranstaltungen von Pro Quote Film auf der Berlinale 2018, werden runde Sticker verteilt. Weiß auf Rot verkünden sie die zentrale Forderung des Vereins: “Mehr Frauen vor und hinter der Kamera”. In nicht einmal vier Jahren hat Pro Quote Film, ehemals Pro Quote Regie, zu bitter nötigen Diskussionen angeregt und bereits viel bewegt.

Am 14.10.2014 schließen sich zwölf Frauen zum gemeinnützigen Verein Pro Quote Regie e.V. zusammen. Sie haben einfach nachgezählt und so das ungleiche Verhältnis in der deutschen Fernsehfilm und -serienwelt bewiesen, das zwischen der Beschäftigung von Regisseurinnen und Regisseuren besteht. Nun wollen sie für mehr Geschlechtergerechtigkeit kämpfen.

Drei Jahre, viele aufschlussreiche Studien und erfolgreiche Kooperationen mit Politik und der Film- und Fernsehbranche später wird am 20.10.2017 mit dem Slogan “9 Gewerke, 1 Stimme, 10 Forderungen” Pro Quote Film geboren. Der Verein umfasst nun Frauen aus den Gewerken Produktion, Kamera, Drehbuch, Szenographie, Kostümbild, Filmkomposition/Filmton, Montage, Schauspiel und Regie. Nach wie vor verstehen die Frauen sich als politisches Netzwerk für Gleichstellung und Gendergerechtigkeit.

Sie kämpfen für einen allumfassenden Kulturwandel in der Film- und Medienbranche. In ihrem Aufruf, den Sie hier nachlesen können, fordert Pro Quote Film unter anderem die 50 %-Quote bis 2024, die gerechte und gleiche Bezahlung von Frauen und Männern und eine Vorschlagspflicht für alle Gewerke. Die Forderungen zielen auf größere Diversität vor und hinter der Kamera und dienen letzten Endes der Stärkung und Professionalisierung aller Schaffenden der Film- und Medienbranche.

Pro Quote Regie hat ein neues Bewusstsein dafür geschaffen, dass wir es mit gravierenden Missständen zu tun haben. Pro Quote Film geht in die nächste Phase: Die Problemlösung. Dazu gibt es auf der Veranstaltung unter anderem ein Gender Quiz für die ganze Branche. Spielerisch wird uns ein Vokabular an die Hand gegeben, mit dem wir uns alle auf Augenhöhe über dasselbe unterhalten können. Außerdem lernen wir etwas, was ich zunächst nicht glauben kann. Raten Sie gerne mit: Wie viele Animationsfiguren (mit Namen und einem deutlich zugeordneten Personalpronomen) im Jahre 2017 waren weiblich? Ich verrate es Ihnen: Eine Figur von zehn. Folglich waren die anderen neun Figuren männlich.

Mit erschreckenden Zahlen geht es weiter. Prof. Dr. Elizabeth Prommer vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock stellt Zahlen und Fakten aus verschiedenen Studien vor. Sie alle hier zu nennen würde den Rahmen sprengen. Daher nur ein paar Beispiele: Im Kinobereich sind im Jahr 2017 53 % der Protagonisten männlich und 42 % weiblich. Der Unterschied scheint gering. Aber in der Altersstufe 40-49 Jahre sind 64 % der Protagonisten männlich und nur noch 36 % weiblich.

Das bedeutet, Frauen über 40 sind im Kino quasi unsichtbar. Ihre Perspektiven und Geschichten fehlen. Zusammenfassend, sagt Prommer, haben im Kinobereich 48 % der Filme keine weibliche Protagonistin und nur 34 % keinen männlichen Protagonisten. Es gibt 2,8 weibliche Nebenrollen und 4,6 männliche Nebenrollen. Ein Film hat also 3,4 weibliche Rollen und 5,5 männliche Rollen insgesamt. Diese Zahlen zeigen, dass wir es hier nicht mit einem Gefühl zu tun haben, sondern dass es eine ungleiche Verteilung von Frauen und Männern vor (und eben auch hinter) der Kamera gibt. Darüber müssen wir weiterhin sprechen.

So wie Prof. Dr. Jutta Brückner in ihrem Vortrag, in dem sie den anwesenden Frauen Mut macht. “Es gibt keinen Grund mehr für Bescheidenheit, Angst und Schuldgefühle”, sagt sie, und fordert Frauen auf, für ihre Rechte zu kämpfen. Denn “kampflos werden wir sie nicht bekommen”. Die Quote gehe die ganze Gesellschaft an. Allein schon aus volkswirtschaftlichen Gründen sei die aktuelle ungleiche Situation eine “Verschleuderung von gesellschaftlichen Ressourcen”.

Regelmäßig muss Brückner innehalten und den aufbrandenden Applaus abwarten. Ihr Vortrag elektrisiert. Ganz wichtig finde ich einen Satz, der eine Angst widerlegt, die viele Männer vielleicht angesichts soviel geballter Frauenpower überkommen könnte und mit dem Brückner wiederum Applaus erntet: “Wir sprechen Männern keine Rechte ab – wir fordern nur dieselben Rechte für uns.”

Das ist das Anliegen der Sprecherinnen der Gewerke, die im Anschluss vorgestellt werden. Sie berichten über die Situation in ihren Gewerken und über die jeweiligen Lösungsansätze. Ich sehe Frauen in Aufbruchsstimmung, die sich motiviert und bestens informiert der schiefen Sachlage annehmen wollen. Und es tut sich etwas. Zum Beispiel im Gewerk Regie, das von Imogen Kimmel vertreten wird. Sie berichtet, dass vor wenigen Tagen zum ersten Mal vier Frauen in den neuen Vorstand des BVR (Bundesverband für Regie) gewählt worden seien. Das gibt Hoffnung und macht Mut.

Schließlich stellt sich der Diversity-Coach Manfred Köhnen den kritischen Fragen von Tatjana Turanskyi. Er erwähnt unsere Angst vor Veränderung. Man habe etwas, nehmen wir die Sprache, gelernt. Wenn man sie nun wieder neu lernen solle, also beispielsweise gendergerecht, rege sich Widerstand. Man empfände den erneuten Lernaufwand als Zumutung. Dieses Prinzip greift auch bei der ungleichen Verteilung von Frauen und Männern im Film- und Fernsehbereich.

Diversität werde oft als Beschränkung gesehen, meint Köhnen. Dabei sei sie eine Chance für mehr Möglichkeiten und damit letzten Endes für Professionalisierung. Um Diversität durchzusetzen, müssten, so auch der Konsensus der Veranstaltung, Frauen wie Männer an einem Strang ziehen. Der „Rückenwind“, von dem jetzt vor allem eine Hälfte der Bevölkerung profitiert, muss in Zukunft für alle von uns spürbar werden. Nach dem Besuch von SOME LIKE IT EQUAL habe ich große Lust bekommen, genau das weiter voran zu treiben. Sie auch?

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