Innovation aus der Heimat (12): Dream Chip Technologies baut Mini-Kameras in Broadcast Qualität

Freiheit für Entwicklung

Gerade mal drei Jahre am Markt, schon überall gefragt. Mit der ATOM one Minikamera eroberte Dream Chip Technologies 2016 die Herzen der Broadcast-Ausrüster. Seitdem haben sie eine beeindruckende Phalanx an Minikameras vorgestellt, ob 4K, wasserdicht oder Prototyp einer neuen Highspeedkamera. Wir haben das Unternehmen für unser Heft 1-2.2020 in Garbsen bei Hannover besucht und erklären, wie eine enorm rasante Entwicklung in so kurzer Zeit möglich war.

Industriegebiete sind überall gleich. Nüchtern-funktionelle Architektur weist unmissverständlich darauf hin, dass die Innovationskraft hier innerhalb der Fassaden liegt. In einem solchen Industriegebiet ist auch der Hauptsitz von Dream Chip Technologies. Innerhalb nur weniger Jahre haben die Niedersachsen geschafft, woran schon viele Start-ups gescheitert sind. Mit der Markteinführung der Full-HD-Minikamera ATOM one hatte das Unternehmen sofort die Aufmerksamkeit der ganzen Branche. Das 2016 vorgestellte, gerade mal drei mal drei Zentimeter große Gerät hatte nahezu alles, was das Herz des Broadcast-Engineers höher schlagen lässt. Von Schnittstellen für RS-485-Steuerung sowie 3G-SDI Output, über 2/3-Zoll- Sensor, bis zu 6-mm-C-Mount-Objektiv mit 89-Grad-Sichtfeld – später kam für das Farbspektrum Multi-Matrix- Support hinzu. In rascher Abfolge kamen weitere Minikameras nach. Dabei stellten sich nicht wenige die Frage: Wie konnte sich ein Unternehmen aus der niedersächsischen Provinz derart unbemerkt an die Spitze des internationalen Wettbewerbs setzen?

Mikrochips aus Niedersachsen

Die Geschichte beginnt vor knapp 30 Jahren. Es war kein Zufall, dass in Niedersachsen eine Brutstätte der Hochtechnologie entstand. 1990 gründete hier das Land Niedersachsen die SICAN, Silizium und CAD-Anwendungen Niedersachsen. Das Ziel war, in diesem Bundesland einen Standort zu schaffen, an dem für den deutschen Mittelstand Mikrochips entwickelt werden können. Mit Fördergeldern wurde eine Menge bewegt, zu Spitzenzeiten arbeiteten bei SICAN um die 500 Beschäftigte. Doch die erhofften Aufträge aus dem deutschen Mittelstand blieben aus. So wurde das Projekt im Jahr 2000 von Infineon Technologies erworben und als Sci-Worx weiter geführt. Erfolgreich war SICAN trotzdem. Denn die zehn Jahre hatten mehrere Ausbildungsgenerationen an Elektroingenieuren in dieser Spezialdisziplin rund um die Mikrochipentwicklung hervorgebracht. Davon profitiert Deutschland bis heute. Doch zunächst ging die Odyssee des Betriebes weiter. 2006 ging Sci-Worx in den Besitz des US-Unternehmens Silicon Image über. Weitere vier Jahre später wollte der Betreiber die Pforten des Betriebes in Niedersachsen für immer schließen.

Innerhalb kurzer Zeit stellte die deutsche Geschäftsführung ein Management-Buy-Out auf die Beine. 28 ehemalige Beschäftigte, ein Großteil seit den SICAN-Anfängen 20 Jahre zuvor dabei, gründeten eine neue Firma und belieferten die alten Kunden. Die Dream Chip Technologies GmbH war geboren. Seitdem bauen die Niedersachsen ihren Einflussbereich aus. 2014 belieferten sie über 60 Kunden aus allen Sektoren der Industrie mit Chiplösungen, eröffneten 2015 in Hamburg eine Nebenstelle mit acht Ingenieuren aus der Softwareentwicklung und präsentierten auf der IBC 2016 die ersten HD- und 4K-Broadcast-Minikameras. Heute zählen sie über 110 Mitarbeiter an drei Standorten in Deutschland und einem in den Niederlanden.

Kameratechnologie selbst vermarkten

Die jüngsten Kameraentwicklungen stammen aus der Entwicklungsabteilung Pro Video. Das Kernteam von Spezialisten um Diplom-Ingenieur Marko Höpken arbeitet seit Jahrzehnten im Bereich Bildverarbeitung und Kameraentwicklung. Nachdem Höpken fünf Jahre lang die Systems-Abteilung aufgebaut hatte, wurde die Pro Video Gruppe abgespalten. Seine Aufgabe war, diese zu erweitern. Dream Chip hatte im Kamerabereich in den letzten Jahren bereits diverse Geräte für den OEM-Markt entwickelt. Die Kunden waren hochzufrieden, die Qualität war gut. Doch diese Entwicklungen waren aufwändig. „Wir hätten das entweder einstellen müssen oder stark wachsen, damit es sich vom Volumen für uns rentiert“, so Höpken. Das Unternehmen entschied sich für Wachstum. Das hieß, dass sie zukünftig die Vermarktung der Minikameras unter eigenem Namen fortführen. Die OEM-Kunden haben sie dadurch nicht verprellt. Im Gegenteil: sie profitieren von den Eigenentwicklungen.

Doch diese Entscheidung brachte auch Veränderungen mit sich. Zunächst musste eine Infrastruktur geschaffen werden, in der sich das Team um Höpken auf die Entwicklung konzentrieren konnte. „Ein großer Teil unserer Freiheit kommt daher, dass wir aus dem Tagesgeschäft rausgenommen wurden.“ Es kann nicht sein, dass Kundenprojekte unter der Entwicklung von Eigenproduktionen leiden und umgekehrt. Zudem hat die internationale Erfahrung vieler Kollegen einen Teil der US-amerikanischen Kultur des Scheitern-Dürfens mit ins Unternehmen gebracht.

Hier darf auch mal etwas ausprobiert werden. So war die 4K-Kamera ATOM one 4K mini 2016 eigentlich als Highspeedgerät geplant. Man schwenkte in der Entwicklung um. Ein Highspeedprototyp wurde erst auf der IBC 2019, mehrere Modellvarianten später, vorgestellt. Mit der Etablierung eigener Kameras am Markt musste das Team auch zusätzliches Know-how in das Unternehmen holen. „Was wir damals nicht inhouse abbilden konnten war Mechanik und Optik“, erklärt Höpken. „Bei den OEM-Geräten lieferten wir nur Board, Chip und Software. Alles andere kam von unseren OEM-Partnern.“

Von OEM-Produkten zur Eigenvermarktung: Die Vorgänger der ATOM one

Neuentwicklung

Schnell zeigte sich, dass auch diese Komponenten aus dem Hause Dream Chip stammen mussten. „Wir waren zu langsam, wenn wir auf Partner warten mussten. Wenn wir etwas entwickeln ist mein Anspruch, so schnell wie möglich etwas in der Hand zu haben, über das wir sprechen können“, erläutert Höpken seinen Ansatz. Das Andocken des Know-hows von Mechanik, Optik, Kamerakopf und Gehäuse ging laut Höpken relativ schnell. Was jetzt noch kommen wird, ist ein eigens für die Minikameras zuständiger Service und Customer Support. Aktuell wird das von Sales und Entwicklung übernommen, das ist aber ineffizient.

Das momentane Line-up orientierte sich stark am Feedback der Anwender auf den Messen. Diese wollten unbedingt eine wasserdichte Version der Full-HD-Kamera haben. Außerdem erfuhren die Dream-Chip-Entwickler von den unterschiedlichen Ansprüchen der Objektive an die Sensoren. So machte man nicht einfach eine 4K-Variante, sondern brachte gleich drei Modelle auf den Markt: Eine mit kleinem Sensor für Minioptiken, eine mit 2/3-Sensor für Standard-Objektive sowie eine mit Global Shutter und 1-Zoll-Sensor. Die Entwicklung der Geräte lief parallel, laut Höpken: „Ein Riesenkraftakt!“

2018 stellte Dream Chip erstmals den Barracuda vor. Der Encoder/Decoder bietet H.265-Videostreaming über fünf Inputs, und streamt entweder fünf 1080p30-HD-SDI-Kameras, vier 1080p60-HD-SDI-Kameras oder eine 4Kp60- Kamera – inklusive AAC-Audio-Streaming. Damit erweiterte das Team sein Portfolio auch in den Peripherie-Bereich der Kameras. Auch hier gab es durch diverse OEM-Projekte bereits einen Vorsprung. Ebenfalls auf Kundenwunsch hin entwickelte das Team zudem einen Motorcontroller für die eingesetzten Objektive. Dieser kann fest mit dem Chassis der Kameras verbunden werden. Die Steuerungsanschlüsse sind ja ohnehin seit der ersten Generation vorhanden.

Synergien

Der Innovationsvorsprung, den Dream Chip Technologies anderen Mitbewerbern voraus hat, liegt in der jahrzehn- telangen Erfahrung in Entwicklung von Mikrochips und deren Software begründet. Dessen ist sich Marko Höpken bewusst. Neben dem kleinen Kernteam von ProVideo sind noch rund 20 Prozent der Dream-Chip-Mitarbeiter in Fertigung und weiteren Zulieferfunktionen für den Kamerabereich tätig. Die übrigen der insgesamt etwa 110 Be- schäftigten widmen sich dem Kerngeschäft der ASIC und FPGA-Entwicklung, Embedded-Software-Lösungen sowie Board- und Systemdesign. So entwickelten Höpkens Kol- legen in 2017 den ersten deutschen ADAS-Chip auf dem Feld der Global Foundry 22nm-FDSOI-Technologie. Diese kommen maßgeblich in den KI-Lösungen für Autonomes Fahren zum Einsatz. Zudem engagiert sich Dream Chip in mehreren Forschungsprogrammen für ihre Kern-Know-how und in den benachbarten Feldern. [11424]

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