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Kameradialog Live: Paola Calvo trifft Julia Hönemann

Frauen in technischen Filmberufen: “Keine faire Verteilung”

Im November 2017 luden wir die Kamerafrauen Julia Hönemann und Paola Calvo zum Kameradialog Live ein, präsentiert von Xinegear. Das Thema lautete „Frauen in technischen Filmberufen“. Sie und das Publikum stellten im Laufe des Abends fest, dass die Quote an Frauen und Männern im Studium zwar noch sehr ausgeglichen ist, aber nur wenige Frauen den Sprung ins erfolgreiche Berufsleben schaffen. Der Artikel dazu erschien in der Ausgabe 1-2/2018.

Julia Hönemann: Die meisten Frauen, die ich in der Regie kenne, machen eher Dokumentarfilme und weniger Spielfilm. Ich habe den Eindruck, dass es für die Regisseurinnen im Spielfilm schwieriger ist, gehört zu werden und sich durchzusetzen.
Paola Calvo: Ich mache auch mehr Dokumentarfilme und arbeite sowohl mit Männern als auch mit Frauen. Ganz subjektiv ist mein Gefühl, dass Männer die Dinge schneller durchziehen, aber das ist auch sehr persönlichkeitsabhängig. Eine Regisseurin, die ich kenne, hat vor 2,5 Jahren ein Kind bekommen, und das beeinflusst natürlich sehr den gesamten Rhythmus und die Karriere. Das ist schon eine gravierende Entscheidung, ein Kind zu bekommen in der Branche. Ich finde, dass Männer und Frauen einen unterschiedlichen Rhythmus haben, und habe das Gefühl, dass es gerade in den technischen Bereichen weniger Frauen gibt. Vor einem Jahr habe ich zum Beispiel meine erste Tonfrau kennengelernt. Die ist wirklich super. Aber ich bin vorher noch nie einer Tonfrau begegnet. Normalerweise sind Frauen in den technischen Bereichen eher Kamera-Assistentinnen oder Beleuchterinnen, aber da hört es dann auch fast schon wieder auf.
Julia Hönemann: Ich glaube, dass sich da gerade viel verändert, aber meiner Meinung nach noch viel zu langsam. Ein Dozent hat mir erzählt, dass sich inzwischen wieder weniger Frauen für den Kamerastudiengang bewerben. Ich weiß auch nicht, ob das Schwankungen sind, aber es ist schon eine Frage, warum das so ist. Für mich ist die Kamera mehr Mittel zum Zweck, denn ich bin kein großer Technik-Freak. Ich finde, Kamera ist auch gar kein so super technischer Beruf. Da ist Oberbeleuchter, Kamera-Assistenz und DIT sehr viel technischer.
Paola Calvo: Man findet allgemein weniger Frauen im technischen Bereich. Auch im Sounddesign, Mischung und so weiter. Ich bin auch jemand, der lieber mit geringen technischen Mitteln viel macht, als umgekehrt. Natürlich muss man diese Technik dann auch verstehen. Aber im Dokumentarfilm ist das auch einfacher, weil man ja sowieso nicht so viel Technik zur Verfügung hat. In meinem Jahrgang sind wir übrigens sechs Studenten, drei Frauen und drei Männer. Es gibt aber auch Jahrgänge, die nur aus Männern oder nur aus Frauen bestehen. Bildgestaltung, also Kamera, ist am Ende auch etwas sehr sensibles, und Kameramänner oder Kamerafrauen sind sehr sensible Menschen.

Wie ist denn eure Erfahrung am Set? Habt ihr das Gefühl, es gibt einen Unterschied im Umgang mit dem Kameradepartment, zwischen weiblichen und männlichen DoPs?
Paola Calvo: Ich kann leider nicht viel aus der eigenen Erfahrung sprechen, weil ich vor allem Dokumentarfilme mache und mich ja auch noch im Filmschulkontext bewege, aber ich kenne ein paar Fälle, in denen Frauen sich als Kamera-Assistentinnen mehr durchsetzen mussten und auch weniger verdienen als Männer.
Julia Hönemann: Ich glaube das ist auch eine Charakterfrage. Es gibt die Leute am Set, die das Männer- und Frauen-Rollenverständnis thematisieren beziehungsweise darauf herumreiten. An den Spielfilmsets, an denen ich war, gab es nicht so viele Situationen, in denen ich auf den Tisch hätte hauen müssen, um mich durchzusetzen. Aber ein paar schwarze Schafe gibt es schon, und ich kann mir auch gut vorstellen, dass man sich als Frau an diesen Männern auch später ganz schön die Zähne ausbeißen kann, wenn die vielleicht einmal in höheren Positionen sitzen.
Paola Calvo: Die Zusammenarbeit muss funktionieren. Zum Beispiel ein schlechter oder wenig empathischer Oberbeleuchter, der nicht macht, was du dir wünschst, ist, egal ob für Männer oder Frauen, eine Katastrophe.
Julia Hönemann: Die Auswahl des Teams ist extrem wichtig. Wenn da ein Querulant dazwischen ist, dann kann es schnell sehr anstrengend werden.

Wir hatten es ja schon kurz angedeutet, darum noch einmal daran angeknüpft die Frage, ob ihr meint, dass es vielleicht auch etwas mit der Größe des Teams zu tun hat, dass scheinbar weniger Frauen Spielfilme machen, als Dokumentarfilme?
Paola Calvo: Ich hätte auch keine Angst vor einem großen Team. Die Größe des Teams hat mit meiner Entscheidung, ob Dokumentarfilm oder Spielfilm, nichts zu tun. Ich mag es einfach nicht so gern, so extrem lange zu planen und alle Details auszudenken und dann bemerkt man am Set, dass alles ganz anders ist und man doch alles anders machen muss, als man geplant hatte. Das heißt aber nicht, dass ich keine Spielfilme machen möchte. Ich will auf jeden Fall ganz viele Horrorfilme machen.
Julia Hönemann: Am großen Set hat man als DoP trotzdem auch nur seine zwei oder drei Ansprechpartner. Die anderen sind zwar alle da, aber für den Kameramann beziehungsweise die Kamerafrau sind Regie, Oberbeleuchter und Kamera-Assistent die wichtigsten Leute, mit denen man direkt kommuniziert. Wenn ich mit denen gut klarkomme, dann blende ich die anderen eigentlich alle aus. Ich fühle mich durch ein großes Team nicht unter Druck gesetzt. Unabhängig davon, ob Mann, oder Frau, geht es ja auch immer darum, wie man sich darstellt. Frauen stapeln vielleicht lieber etwas tiefer und halten sich mit den Ansprüchen an technische Ausstattung etwas zurück, als Männer das zum Beispiel tun würden.

Gibt es von Seite der Filmproduktionen bei Frauen stärker den Zweifel daran, ob ein Newcomer den Film schaffen kann, als bei männlichen Kollegen?
Paola Calvo: Ich würde mir wünschen, dass diese Bewertung unabhängig vom Geschlecht gemacht wird und allein die Fähigkeiten und die Persönlichkeit betrachtet werden.
Julia Hönemann: Mir ist es schon passiert, dass mir Teammitglieder nach dem Dreh erzählt haben, dass Leute mich gesehen haben und aufgrund meiner eher zierlichen Statur gezweifelt hatten, ob ich das schaffen kann. Dabei waren sie selber auch nicht gerade besonders muskulöse und kräftige Typen.
Paola Calvo: Ich habe auch ein paar Projekte gemacht, bei denen es hinterher hieß „ich bin froh, dass wir das zusammen gemacht haben, weil du als Frau da so sensibel mit umgegangen bist“. Das war dann zwar ein schönes Kompliment, aber es gibt eben auch viele Kameramänner, die genauso sensibel sind und das auch machen können. Ich glaube, es gibt dieses Bild vom Kameramensch, der extrem viel von Technik versteht, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es da wie immer beides gibt.

Mein momentaner Eindruck ist, dass die Strukturen, in denen ihr euch bisher bewegt habt, keine auffälligen Unterschiede zwischen Männern und Frauen machen. Würdet ihr das unterstreichen?
Paola Calvo: Ich will nicht sagen, dass keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Branche gemacht werden. Ich denke, dass die Basis, also die Filmschulen, in Bezug auf Geschlechter fair und ausgeglichen sind. Aber in der Filmindustrie gibt es ganz sicher ein Problem. Da kommen dann nicht alle mit, und es ist auch keine faire Verteilung mehr zwischen Frauen und Männern. Aber ich habe das Gefühl, dass immer mehr Frauen nachkommen. Vielleicht wird es sich dadurch auch ausgleichen. Ich habe gerade meinen ersten Kinofilm gemacht und versuche selber erst seit kurzem, in der Industrie Fuß zu fassen. Vielleicht ist es gerade gar keine schlechte Zeit. Es gibt ja inzwischen auch die Initiative „Pro Quote“, die hoffentlich einiges bewegen wird. Auch von Seiten der Förderungen gibt es die Entscheidung, mehr Projekte von Frauen zu unterstützen. Zurzeit ist es aber definitiv so, dass größtenteils Männer in der Filmbranche das Sagen haben.
Julia Hönemann: Ich glaube, in den technischen Bereichen werden Frauen in Bezug auf ihre Fähigkeiten schon mal leichter unterschätzt, aber bei den Schauspielerinnen geht es leider noch deutlich weiter. So etwas habe ich aber persönlich noch nie erlebt.

Aleksandra Medianikova (Aus dem Publikum): Ich bin gerade in der Ausbildung zur Kamerafrau und studiere Kamera an der HFF Babelsberg. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in Vorstellungsgesprächen immer zuerst als das hübsche Mädchen wahrgenommen werde und gar nicht auf der beruflichen Ebene. Erst im zweiten Schritt, wenn die Leute mein Demoband gesehen haben, bemerken sie, dass ich auch etwas kann. Auch auf Festivals habe ich das Gefühl, dass ich erst mal gar nicht als potenzielle Kamerafrau wahrgenommen werde. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, meine Kleidung zu überdenken und mir Gedanken zu machen, was ich tragen darf oder kann und ob das richtig ist. Ich komme aus Russland und hatte dort schon Kamera studiert, aber dort gibt es so gut wie keine Chance für mich als Frau in der Filmbranche. In Russland sind in der Filmbranche 99 Prozent Männer und ein Prozent Frauen. Es gibt ein paar Kamerafrauen, aber ohne gute Kontakte und sehr viel Power kann man es als Frau nicht schaffen. Es ist alles extrem konservativ und patriarchisch in Russland. In Moskau ist es etwas besser, aber in Sankt Petersburg, wo ich herkomme, ist es fast unmöglich.
Paola Calvo: Hat sich für dich die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, gelohnt?
Aleksandra Medianikova: Für mich war es eine sehr gute Entscheidung. Hier habe ich die Chance, Jobs zu bekommen und Filme zu drehen, aber es ist immer noch sehr schwierig, ernst genommen zu werden.
Julia Hönemann: Ja das kenne ich auch. Mir ist es schon beim Technik-Verleih passiert, dass die mich gar nicht als die Kamerafrau wahrgenommen haben, sondern immer davon gesprochen, dass der Kameramann gleich wiederkommt. Als mein Assistent dann zurückkam, hat er die Situation aufgeklärt. Dann war denen das aber ziemlich unangenehm, denn die hatten mir gar nicht wirklich zugehört.
Paola Calvo: Ich erlebe es auch immer wieder, dass ich vor allem auf Filmfestivals nicht als Filmemacherin wahrgenommen werde, sondern als gut- oder halbwegs gutaussehende Frau. Was ich beruflich mache, interessiert erst mal kaum jemanden. Ich wurde immer wieder mehr als Flirt wahrgenommen, hatte ich den Eindruck. Das hat mich zum Beispiel auf der Berlinale zuletzt sehr geärgert, denn man ist ja dort, um Business zu machen, und dann wollen alle mit dir nur über Gott und die Welt reden. Das Businessgespräch wird geradezu vermieden, oder gar blockiert.

Ich habe aber noch eine ganz andere Frage an dich, Julia. Du bist doch auch in der Deutschen Filmakademie. Wie nimmst du die Institution wahr, auch in Bezug auf den Frauenanteil?
Julia Hönemann:
Da habe ich bisher keine negativen Erfahrungen gemacht, aber natürlich sind die Frauen dort auch unterrepräsentiert. Ich würde sagen, dass in der Sektion Kamera etwa 120 Kameraleute sind, und davon sind vielleicht gerade mal 15 Frauen.

Wir hatten am Anfang schon kurz das Thema Technik und wie sehr sich Kameramänner oder auch Kamerafrauen für den technischen Aspekt des Kameraberufs interessieren. Würdet ihr sagen, dass es da einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt?
Paola Calvo:
Ich glaube nicht, dass es da einen Unterschied gibt. Zumindest habe ich das in meiner Laufbahn und im Studium so nicht erlebt. Ohne technisches Wissen kannst du den Beruf gar nicht ausüben.
Julia Hönemann: So sehe ich das auch. Du musst ja wissen, welche Möglichkeiten dir die Technik gibt und wo die Grenzen sind. Das Interesse für die Technik ist bei mir auf jeden Fall da, aber das Interesse an der Bildgestaltung überwiegt. Also, ich überlege mir vorher, wie das Bild aussehen soll und dann was ich dazu brauche, um es zu machen. Danach beschäftige ich mich mit der Technik und weiß dann nachher auch, wie ich sie bedienen muss, wenn ich sie nicht schon vorher kannte. Ich gucke mir dann aber auch nicht aus Spaß zum Beispiel noch zwanzig andere Kameras an. [3352]

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