BVFK-Vorsitzender Frank Trautmann zur Auswirkung der Coronakrise

“Es geht um Existenzen!”

Was können Kameraleute und Bildschaffende aktuell konkret tun? Die beiden Kameraberufsverbände, der Bundesverband Kinematografie und der Bundesverband Fernsehkameraleute BVFK haben für ihre Mitglieder eigene Informationssammlungen zusammengestellt. Wir sprachen mit Frank Trautmann, dem Vorsitzenden des BVFK.
BVFK-Vorsitzender Frank Trautmann (links) und BVK-Geschäftsführer Michael Neubauer, rechts, aus Anlass des gemeinsamen Berlinale Brunchs der Verbände mit Rechtsanwalt Tobias Sommer und GVL-Geschäftsführer Tilo Gerlach.

DIREKT ZU DEN INFORMATIONEN:


Es ergebe wenig Sinn, so der Konsens, der Allgemeinheit konkrete Tipps zu geben, da schon EB-Teams anders beschäftigt seien als Studiokameraleute. Wer auf Lohnsteuerkarte arbeitet und gerade die Kündigung einer Produktion erhalten hat, wird vielleicht ALG II beantragen wollen. Ein Unternehmer mit zehn Angestellten braucht Tipps zum Antrag auf Kurzarbeit. Selbstständige benötigen aktuelle Updates bezüglich der Zuschüsse, die wohl seitens der Länder kommen werden und teilweise schon zugesagt sind.

Am Montag konnten BVFK-Mitglieder ihrem Vorstand am so genannten „BVFK-Fix-Day” in einer Telefonkonferenz aktuelle Fragen zu wichtigen Themen stellen. Wie geahnt war das dominierende Thema die Coronakrise. „Eines ist unbestritten”, sagt Frank Trautmann. „Es geht um Existenzen!” Der BVFK-Vorsitzende geht davon aus, dass eine große Zahl der Verbandsmitglieder mit null Einkünften über die nächsten zwei bis drei Monate rechnen muss. „Das gilt vor allem für den Sportkamerabereich, aber auch für Events – das bricht alles weg”, so Trautmann.

Am meisten seien von diesen Absagen daher die E-Kameraleute betroffen. Diese waren für Frühjahr und Sommer für Veranstaltungen und vor allem für Bundesliga und Europameisterschaft teilweise fest gebucht. Die Bundesliga ist verschoben, die EM komplett abgesagt. Fernsehshows sind aktuell weniger betroffen. Einige werden weiter produziert – nur ohne Publikum. Trautmann findet das, bei entsprechenden Schutzmaßnahmen, richtig: „Wir wollen ja auch ein bisschen für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen. Das meine ich gar nicht süffisant, das ist eine ganz wichtige Aufgabe gerade!”

„Großes Dankeschön!”

Der BVFK-Vorsitzende nimmt aber auch wahr, dass vor allem Informationsprogramme hochgefahren werden. Hier sind weiterhin zahlreiche Fernsehschaffende im Einsatz, die für eine aktuelle Berichterstattung sorgen. „Da will ich auch mal ein großes Dankeschön an die Kameraleute loswerden! Es wird so viel ferngesehen wie schon lange nicht mehr”, sagt Frank Trautmann. „Diese flächendeckende Information ist nur möglich, weil da Leute in der ersten Reihe die Qualität sichern. Das gilt natürlich auch für Tonleute, Assistenten und viele Fernsehschaffende hinter den Kulissen.”

Trautmann glaubt, dass die Auftraggeber der TV-Kameraleute, sowohl in EB- als auch in Studio-Einsätzen, die Gefährdungslage wahrgenommen haben. „Ich hatte keinen Moment das Gefühl, dass hier im TV-Bereich die Gesundheit der Leute aufs Spiel gesetzt wird.” Wo noch gedreht wird, wie im Nachrichtenbereich, gingen die Auftraggeber dem Vernehmen der BVFK-Mitglieder nach überwiegend verantwortungsbewusst mit der Situation um. Die Hygiene sei soweit wie möglich verschärft worden, Abstände werden eingehalten. Teamgrößen wurden heruntergefahren, um die Ansteckungsgefahr weiter zu minimieren. Trautmann rät Selbständigen bei unklaren Situationen das Gespräch mit dem Auftraggeber zu suchen und eine gemeinsame Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen. „Faktisch müssen die nach DGUV-Richtlinien immer gemeinsam erstellt werden”, betont Trautmann. Dann könne man auf Grundlage der Beurteilung schärfere Schutzmaßnahmen abstimmen. Große Produktionshäuser und Sender nehmen diese Verantwortung aber laut Trautmann sehr ernst.

Bei den Themen der Fragen der BVFK-Mitglieder sieht Trautmann einen Zyklus. Zuerst waren es Fragen nach Hygiene und weiteren Schutzmaßnahmen am Arbeitsort, dann gab es sehr viele Fragen zur rechtlichen Bewertung bei Absagen nach Ausfallhonorar, AGB und Verträgen. Das ging sehr schnell vorüber, denn: „Es will ja eigentlich niemand seinen Arbeitgeber verklagen, wenn er da wieder arbeiten möchte.” Daher häuften sich danach die Anfragen zu den Hilfsfonds von Bund und Ländern. Hier gibt es flächendeckend noch wenig Konkretes. Viele Länder kündigten Maßnahmen an, doch bei vielen fehlt dafür eine bürokratische Infrastruktur. Aktuell, so Trautmann, kommen wieder vermehrt Nachfragen zur gesundheitlichen Vorsorge bei der Arbeit. Die Aufgabe des BVFK sieht Trautmann aktuell darin, Hilfestellung bei wirtschaftlicher Not zu leisten, rechtliche Unterstützung zu vermitteln und die ständigen Veränderungen im Blick zu behalten.

In der Krise tritt für Frank Trautmann eines der wichtigsten BVFK-Themen der letzten Jahre negativ hervor: „Die Honorare sind so gering, dass viele Kameraleute nichts zurücklegen konnten, um für eine solche Situation angemessen vorbereitet zu sein.” Die Rücklagen reichten vielleicht zwei bis drei Wochen. Eine adäquate Rücklage für Krisenzeiten sollte eine Monatszahl überbrücken können, die den Plural rechtfertigt. Ein Stresstest, den wieder die letzten in der Nahrungskette bezahlen. Was aus den versprochenen Zuschüssen der Sender für die Produktionsfirmen wird und in welchem Maße diese bei den Freelancern ankommen, wird abzuwarten sein.

Der BVFK-Vorsitzende rät daher den Verbandsmitgliedern, jede der kommenden Hilfsmöglichkeiten wahrzunehmen. „Der Schaden wird groß sein”, ist sich Trautmann sicher. „Man wird nicht umhin kommen, einen Mix aus Hilfsangeboten zusammenzustellen.” Da die aktuelle Prognose der Verbände von rund drei Monaten Flaute ausgeht, wird eine Maßnahme vermutlich auch nicht ausreichen.

Was heißt das dann für die Zukunft? Was muss die Branche von der Krise lernen? „Wenn sich die Lage wieder verbessert hat, werden wir an der Honorarschraube drehen müssen”, fordert Trautmann. „Wir kriegen jetzt gerade vorgeführt, was das bedeutet, wenn man keine Rücklagen bilden kann.” Das müsse drin sein. Auch wenn Kredite aufgenommen wurden, müssen diese ja von irgendetwas zurückgezahlt werden. Das funktioniere nur mit höheren Honoraren. [12389]


Desinfektion von Equipment

Mittlerweile sollte das korrekte Waschen und Desinfizieren der Hände uns allen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Wer aktuell noch dreht, zum Beispiel bei Studioproduktionen, wie „heute show”, im Morgen-Magazin oder für die zahlreichen Nachrichtenformate, muss aber auch sicherstellen, dass sein Equipment regelmäßig desinfiziert wird. Der BVFK rät dazu, vor und nach der Benutzung der Handkamera in jedem Fall Griff und Okular zu desinfizieren. Bei der Arbeit an der Studiopumpe sollte dies mit Zoomgriff, Schärfenrad, Lenkring und gegebenenfalls auch dem Kopfhörer geschehen.

Der BVFK erläutert weiter: „Zur Desinfektion sind Mittel mit nachgewiesener Wirksamkeit, mit dem Wirkungsbereich “begrenzt viruzid” (wirksam gegen behüllte Viren) anzuwenden. Mittel mit erweitertem Wirkbereich gegen Viren wie “begrenzt viruzid PLUS” oder “viruzid” können ebenfalls verwendet werden. Geeignete Mittel enthalten die Liste der vom RKI geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren (RKI-Liste) und die Desinfektionsmittel-Liste des Verbundes für Angewandte Hygiene (VAH-Liste). Bei behördlich angeordneten Desinfektionsmaßnahmen ist die RKI-Liste heranzuziehen. Bitte die empfohlene Einwirkzeit beachten!”

Zusammengefasst wird angeraten, eine „tägliche Wischdesinfektion mit einem Flächendesinfektionsmittel mit nachgewiesener, mindestens begrenzt viruzider Wirksamkeit” vorzunehmen.


Im zweiten Teil des Artikels sprechen wir mit BVK-Geschäftsführer Dr. Michael Neubauer über seine Einschätzungen für den Branchenteil des Bundesverbands Kinematografie.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Als erstes auch von mir ein großes Dankeschön für euren ständigen Einsatz. Ich bin froh über das was Frank Trautmann zum Thema “…in Zukunft….Honorarschraube…“ schreibt.
    Jetzt hat es quasi alle Filmschaffende erwischt und die Stunde der Wahrheit was das Thema Rücklagenbildung angeht liegt auf dem Tisch. Jede/r kann in sich gehen und die eigene finanzielle Situation überprüfen. Ist es in der Vergangenheit gut gelaufen? Sind genügend Rücklagen vorhanden? Nun stelle sich jede/r vor, es erwischt einen alleine. Es muss nicht immer dramatisch sein, aber es kann immer passieren. Und dann? Wie oft gehen wir, obwohl wir krank sind trotzdem drehen? Wie oft wird Equipment angeschafft, aber nicht vernünftig in Rechnung gestellt?
    Diese ganze Katastrophe birgt eben auch die Chance Klarheit zu schaffen was unsere zukünftigen Honorare angeht.

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  2. Danke für diesen informativen Beitrag zum Thema. Schwere Zeiten für unsere Branche :/

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