Kamerafrau aus Berlin

Drei Fragen an Anne Misselwitz

In der Rubrik “Drei Fragen an” stellen wir in jedem Heft eine Filmschaffende oder einen Filmschaffenden mit drei kurzen Fragen zu Arbeitsschwerpunkt, beruflichem Engagement und Freizeit vor! In der Ausgabe 7-8.2020 nutzte Anne Misselwitz die Chance, sich der Branche vorzustellen.

Foto: Cornelia Klein

1. Was ist dein Arbeitsschwerpunkt?

Bisher ist es mir gelungen, dass sich meine Arbeit im szenischen und im dokumentarischen Bereich die Waage hält. Ich habe viele Kino-Dokumentarfilme gedreht und einige abendfüllende Spielfilme. Seit einigen Jahren drehe ich auch TV-Serien für die öffentlich-rechtlichen Sender, was wiederum eine ganz eigene Sportart ist durch den Zeitdruck und das enorme Drehpensum. Ich bin sehr froh über diese Vielseitigkeit, denn die Anforderungen an mich als Kamerafrau und die Arbeitsweisen sind jeweils sehr verschieden und profitieren doch sehr von einander. Auch wenn die Anforderungen an das Bild in seiner Gestaltung und Wirkung ähnlich sind – Bilder sprechen ja immer die gleiche Sprache. Beim dokumentarischen Beobachten laufen meine Entscheidungsprozesse über Bildgestaltung und Bildinhalt überwiegend intuitiv und unabgesprochen ab. Durch meine unmittelbare Entscheidung darüber, was zu sehen ist und was nicht, in dem Wechsel zwischen Nähe und Distanz, ist auch immer meine Haltung in dem Bild sichtbar. Das gelingt mir besonders gut, wenn ich mich mit der Kamera auf der Schulter wie ein Fisch im Wasser, mitten im Geschehen fühle. Dann bin ich weniger mit dem Kopf, sondern mehr mit meiner Erfahrung, dem Herz und meiner Neugier verbunden. Auch im szenischen Arbeiten, wo ich erst einmal viel mehr Vorab-Kontrolle über das Bild habe, ist Intuition der Kern meiner kreativen Arbeit. Hier liegt die Kreativität oft in

der intensiven Vorbereitung, die es mir ermöglicht, zu experimentieren und Wirkungen ganz bewusst und geplant festzulegen. Aber auch am Set müssen Entscheidungen oft unter dem Druck der weglaufenden Zeit und der Irreversibilität intuitiv getroffen werden. Das langjährige dokumentarische Arbeiten hat mein Vertrauen in meine Intuition und die Fähigkeit, schnell zu handeln geschult. Dabei kommt mir als Bildgestalterin besonders im dokumentarischen Bereich eine ganz besondere Verantwortung und Autorenschaft über die Bilder zu.

2. Bist du in einem Verband aktiv?

Ich schätze die Arbeit von Berufsverbänden als Interessenvertretung und besonders als Netzwerkmöglichkeit sehr. Ich bin Mitglied im BVK, der AGDok, der Deutschen Filmakademie und Pro Quote Film. Die mir wichtigste Mitgliedschaft gilt den Cinematographinnen, dem Netzwerk von Kamerafrauen im deutschsprachigen Raum. Hier bin ich auch im Vorstand aktiv. Wir haben uns 2017 vereint, um für die bessere Sichtbarkeit von uns Bildgestalterinnen zu sorgen und unsere Präsenz in allen Genres des Filmschaffens zu erhöhen. Die damals veröffentlichten Studien zur Situation von Frauen in der Filmindustrie haben uns gezeigt, dass unsere individuellen Erfahrungen auf größere Zusammenhänge schließen lassen und haben dies mit Zahlen belegt. Zum Beispiel ist der Frauenanteil der Absolvent*innen von Kamerastudiengängen bei 25 Prozent, aber nur rund 10 Prozent können sich anschließend im Berufsleben etablieren. Der Gender-Paygap beträgt in Deutschland sogar 57 Prozent. Die meisten Kamerafrauen arbeiten nach wie vor im Low-Budget-Spielfilm-Bereich und im ebenfalls oft schlecht bezahlten Dokumentarfilm. Gängige stereotype Wahrnehmungsmuster stehen uns noch oft im Weg. Es gibt also noch viel zu tun, damit sich sowohl in der Wahrnehmung als auch im Blick auf ganz konkrete Engagements und Bezahlung etwas ändert. Dabei ist es eigentlich common sense, dass Qualität nicht geschlechtsspezifisch ist, ebenso wenig wie Führungsqualitäten und Durchsetzungsvermögen. Auf der Webseite der Cinematographinnen sind über hundert kompetente und talentierte Kamerafrauen zu finden. Wir organisieren Workshops und Events, wir vernetzen uns mit anderen Gewerken, tauschen uns aus und empfehlen einander weiter. Man wird noch mehr von uns Cinematographinnen hören und vor allem sehen.

3. Wofür schlägt dein Herz außerhalb der Arbeit?

Da meine Arbeit viel Reisen, unterschiedlichste Eindrücke und immer wieder neue, intensive Begegnungen involviert, merke ich zunehmend das Bedürfnis nach Natur, Licht, Luft, Bewegung, Ruhe und Reduziertheit. Diesbezüglich empfinde ich diese Corona-Zwangspause als ein Geschenk, als Möglichkeit, wichtige und wesentliche Dinge zu erkennen und wieder zu beleben. Und vor allem auch wertvolle Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Natürlich im Schatten der wirtschaftlichen Talfahrt und der Ungewissheit, wann und wie es für mich und für die gesamte Branche weitergeht. Auch hat sich nun für mich ein fast ausgebuchtes Jahr in absolute Stille verwandelt. Noch kann ich diesem Gefühl, endlich mal Zeit zu haben, viel abgewinnen. Ich beginne wieder zu zeichnen, ich habe schon viel gebaut und angepflanzt und schaue dem Gemüse beim Wachsen zu. Ich lese viel und mache Online-Kurse, im Moment zu Meditation und Da Vinci Resolve. Aber dann könnte ich auch bald, gestärkt, wieder anfangen zu arbeiten – hoffentlich!  [12818]

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