Relevanz und Identitätsstiftung

Dokumentarfilme auf der Berlinale 2018

Die 68. Berlinale bewies erneut die thematische und stilistische Vielfalt aktueller Dokumentarfilme. Sie bewiesen, wie wichtig Dokumentarisches für die Identität einer Gesellschaft sein kann und ermöglichten Blicke in für die Zuschauer oft fremde Welten. Erstmals wurden in einer Broschüre alle 116 Dokumentarfilme des Festivals vorgestellt. Zum zweiten Mal dotierte die legendäre Uhrenmanufaktur Glashütte einen Dokumentarfilmpreis mit 50.000 Euro; dafür nominierte Festivalleiter Dieter Kosslick 18 Filme quer durch alle Sektionen.

Screenshot aus dem Gewinnerfilm "Waldheims Walzer" von Ruth Beckermann
Screenshot aus dem Gewinnerfilm “Waldheims Walzer” von Ruth Beckermann (Bild: Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)

Diesen Preis gewann Ruth Beckermann für “Waldheims Walzer”. Der UN-Generalsekretär Kurt Waldheim kandidierte 1986 in Österreich als Bundespräsident. Dabei holte ihn seine NS-Vergangenheit ein, für die es eindeutige Belege gab. Er leugnete stur jede persönliche Verantwortung und sah sich als guten Soldaten. Beckermann griff damals selbst zur Videokamera, um die Proteste gegen Waldheim zu begleiten. Der Erfolg rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa und ihre Regierungsbeteiligung in Wien machen diesen Essay über Geschichte, Verdrängung und nationalen Stolz ausgesprochen aktuell.

Eine lobende Erwähnung erhielt Luiz Bolognesi für seinen poetischen “Ex Pajé” (Ex Shaman) über den indigenen Stamm der Paiter Suruí in Brasilien. Die aktuelle Regierung opfert deren Ansprüche rein ökonomischen Interessen. Im Zentrum des Films steht ein christianisierter Schamane, der für die Revitalisierung von Traditionen kämpft und an die übernatürlichen Kräfte des Regenwaldes glaubt. Ganz bewusst wurde von Kameramann Pedro J. Marquez im Cinemascope-Format ohne zusätzliches Licht gedreht.

Die Bedrohung der Wälder durch Konzerne zeigt ebenfalls der argentinische Altmeister Fernando E. Solanas, der zusammen mit Nicolás Sulcic für das Bild verantwortlich war, in seiner Reise ins Herz der Dunkelheit (“Viaje a los pueblos fumigados”; Reise in die vergifteten Dörfer). Er zeigt, wie die Düngung und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bei der industrialisierten Landwirtschaft die Bevölkerung vergiftet, massive gesundheitliche Schäden sind die Folge. Solanas zeichnet ein verheerendes Bild der Zustände, aber auch dort wächst der Protest: ökologischer Anbau scheint eine gute Alternative.

“Die grüne Lüge” von Werner Boote (Bild: Dominik Spritzendorfer, Mario Hötschl) zeigt, dass multinationale Konzerne trotz dieser gewissenslosen Ausbeutung gerne mit Nachhaltigkeit und fairer Produktion werben. Die “Greenwashing”-Expertin Kathrin Hartmann erläutert detailliert, wie die Verbraucher belogen werden.

Der für mich stärkste Film zum Thema Flucht war “Eldorado” von Markus Imhoof, der das globale Problem mit persönlichen Erfahrungen verknüpft und auf historische Flüchtlingsgeschichten verweist. Für den Film begibt er sich auf das Mittelmeer und zeigt die engagierten Rettungsaktionen der italienischen Marine. Kameramann Peter Indergand ist nah dran am Geschehen, und seine Bilder, wie die Flüchtlinge von übervollen Booten gerettet werden, berühren stark. Doch „Eldorado“ geht weiter in die Aufnahmelager und Camps der Illegalen, die für die Mafia in der Landwirtschaft schuften. Die Erträge, hier sind es Tomatendosen, werden von der EU subventioniert nach Afrika geliefert. Letztlich verdient Europa so am Elend der Flüchtlinge, die wie Sklaven ausgebeutet werden.

Der Flughafen Tempelhof spielte eine wichtige Rolle in der  Geschichte Berlins, heute ist er Freizeitgelände, und in den ehemaligen Hangars ist ein Flüchtlingslager eingerichtet. In “Zentralflughafen THF” begleiten Karim Aïnouz und sein Kameramann Juan Sarmiento G. fast eineinhalb Jahre lang Flüchtlinge in ihrem langen Warten auf Anerkennung, bleiben letztlich aber sehr an der Oberfläche. In Nicolas Wagnières Essayfilm “Hotel Jugoslavija” (Bild: Denis Jutzeler, Benoît Peverelli) steht das Belgrader Hotel symptomatisch für die Geschichte und den Zerfall des Landes.

Die Flüchtlingspolitik der EU ist ein zentraler Kritikpunkt der rechtspopulistischen Regierung in Polen. Dies stellt Alexandra Wesolowski, Studentin an der HFF München, auf der Goldenen Hochzeit ihrer Tante fest. In ihrem Film “Impreza – Das Fest”, visuell gestaltet von Denis D. Lüthi, unterstützen alle in ihrer Familie die neue Politik und sehen die EU als Sodom und Gomorrha.

In der Volksrepublik Kongo klammert sich der langjährige Präsident Kabila an die Macht. Dagegen gibt es heftige Proteste der Bevölkerung, die von der Polizei brutal niedergeschlagen werden. Der Regisseur Dieudo Hamadi porträtiert in “Khinshasa Makambo” drei Akteure dieses Widerstandes. Der Film wurde von ihm selbst konsequent mit Handkamera unter gefährlichen Bedingungen gefilmt und ist immer hautnah am Geschehen.

Sergei Loznitsa hat seine Methode, in ruhigen, langen Einstellungen Orte zu porträtieren, zur Perfektion entwickelt. Für “Den’ Pobedy” (Victory Day) ist dies das Sowjetische Ehrenmal in Berlin Treptow für die gefallenen Soldaten der Roten Armee. Er drehte dafür selbst und wurde von Diego Garcia und Jesse Mazuch unterstützt. Jedes Jahr am 9. Mai wird dort der Tag des Sieges gefeiert. Es ist eine ausgefallene Mischung aus Erinnerung, Patriotismus, Volksfest und Ausgelassenheit.

Ein eher kurioser Found-Footage-Film ist “L’Empire de la perfection” (In the Realm of Perfection) von Julien Faraut. Es geht um den in den 1980er Jahren äußerst erfolgreichen und eigenwilligen Tennisstar John McEnroe. Das französische Sport-Institut begleitete ihn regelmäßig, um Lehrfilme zu produzieren. Aus dem Material kompiliert Faraut einen spannenden Essay zu Sport und Kino.

Ein ausgesprochen starker Film über ein Stück westdeutscher Vergangenheit ist Gerd Kroskes “SPK Komplex” (Bild: Susanne Schüle, Anne Misselwitz). Zentrale Aspekte der Studentenbewegung waren die Pädagogik sowie der Umgang mit psychisch Kranken. In Heidelberg gründete das Ehepaar Huber das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) und versuchte sich dabei an neuen Formen der Therapie. Kroske zeigt, wie das linke Kollektiv von Polizei und Verfassungsschutz systematisch als kriminelle Vereinigung überwacht wurde. Einige der Kollektiv-Mitglieder schlossen sich der RAF an. Zwar konnten dem Kollektiv selbst keine terroristischen Aktivitäten nachgewiesen werden, dennoch wurde das Ehepaar Huber zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

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