Erste Erfahrungen mit neuen Förderrichtlinien der FFHSH

Diversität per Checkliste?

Mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) bezieht jetzt erstmals eine Filmförderanstalt Diversitätskriterien formal in ihre Entscheidungen ein. Wer in Hamburg und Schleswig-Holstein Filmförderung beantragt, muss zusammen mit dem Fördermittelantrag eine „Diversity Checklist“ vorlegen. Wir haben mit zwei geförderten Produktionen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Raquel Dukpa, Paulina Lorenz und Faraz Shariat von Jünglinge Film (Bild: ©Frangipani Beatt)

Als die FFHSH Ende Juni bekannt gab, dass sie zukünftig ihren Förderanträgen eine so genannte „Diversity Checklist“ beilegen würde, um beantragende Produktionen zu einer stärkeren Berücksichtigung des Themas zu bewegen, gab es ein großes Medienecho. Die Reaktionen auf die Initiative waren durchaus unterschiedlich. Doch wie schlägt sich die Diversity Checklist in der Praxis?

Genre-Vorteil

Emely Christians, Geschäftsführerin und Produzentin der Hamburger Ulysses Film, hat von der FFHSH eine Förderzusage für ihr Animationsfilm-Projekt „Butterfly Tale“ bekommen, eine Koproduktion mit einer Firma aus Kanada. Da Christians den Verleih über Partner durchführt und bei ihrem aktuellen Projekt keine Development-Förderung eingereicht hatte, beschränken sich ihre Erfahrungen auf den Fragebogen zur Produktion. Dort wurde sie nach der Diversität bei der erzählten Geschichte, bei der Rollenbesetzung, beim Team und bei der Veröffentlichung gefragt.

Emely Christians, Geschäftsführerin und Produzentin der Hamburger Ulysses Film

„Wir erzählen von einem gehandicapten Schmetterling und berücksichtigen so das Thema Leben mit Behinderung. Zudem – und das habe ich auch erst gelernt – decken wir das Thema Migration ab, weil die Schmetterlinge in der Story von Kanada nach Mexiko migrieren“, berichtet Emely Christians. Auch die Frage nach People of Colour in der Geschichte hat Christians bejahen können. „Unter den virtuellen Schmetterlings-Charakteren sind verschiedene Ethnien vertreten“, ergänzt sie. Auch die „ausgeglichenen Repräsentation der Geschlechter“ ist bei Butterfly Tale gegeben, denn die Schmetterlinge werden von einem weiblichen Charakter angeführt. „Aber gerade starke weibliche Hauptfiguren haben wir bereits seit Längerem in unseren Geschichten. Darauf haben wir immer Wert gelegt.“

Durch die Spezialisierung auf Animationsfilme hat Ulysses Film so etwas wie einen Genre-Vorteil. „Von der Herkunft und vom Geschlecht her sind wir sehr divers aufgestellt. Im Leitungsbereich und im administrativen Bereich arbeiten viele Frauen, auch in den Bereichen Drehbuch, Regie und Produktion“, berichtet Emely Christians. Allerdings würde man in den technischen Bereichen und im Bereich Animation gerne noch mehr Frauen einstellen, aber Bewerberinnen seien selten. „Hier muss dringend in den Bereichen ,Interesse wecken‘ und ,Ausbildung‘ mehr getan werden. Das ist nicht über Quote zu besetzen, denn tatsächlich gibt es kaum Bewerberinnen.”

Glaubt sie, dass die Checklist als Fördertool Druck auf Filmschaffende aufbaut, möglichst divers zu schreiben, zu entwickeln, zu besetzen um die Fördermittel zu bekommen? „Es kommt vor allem auf die Geschichte an, die man erzählen möchte. Ich denke, dass sich die Bevölkerung etwa zu je 50 Prozent aus den beiden Geschlechtern zusammensetzt und dass es wenige Gründe gibt, warum gute Geschichten nur mit Männern oder nur mit Frauen in den Hauptrollen zu erzählen sein sollten“, gibt Christians zu bedenken. „Als Produzentin würde der Check mich nicht dazu verleiten, Geschichten, oder Projekte zu verwerfen, die mich eigentlich interessieren, oder umgekehrt“. Übrigens seien bei ihren Kooperationspartnern aus Kanada solche Checks bereits seit Längerem üblich und spielten eine wichtige Rolle.

Blinde Flecken finden

Ein Unternehmen, das Diversität von Anfang an und sehr deutlich auf ihre Fahne geschrieben hat, ist das junge Kollektiv von Jünglinge Film, das bei der FFHSH sein serielles Projekt „Schwarze Früchte“ für eine Development-Förderung eingereicht hatte und eine Zusage über 50.000 Euro bekam. „Schwarze Früchte“ realisieren sie zusammen mit dem Headautor und Regisseur Lamin Leroy Gibba als dessen erstes serielles Projekt. „Wir sind dabei produzentisch tätig, was für uns eher ungewöhnlich ist, weil wir ein Kreativteam sind“, berichtet Raquel Dukpa von Jünglinge Film.

Das Unternehmen gehört sicher nicht zu den Produktionsfirmen, bei denen die Diversity Checklist eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Diversität bewirken muss. „Für uns ist Diversität nicht ein ,Thema‘, sondern eine persönliche Perspektive, weil wir auch alle queer und/oder BIPoCs sind“, stellt Dukpa klar. „Es geht bei uns nicht nur um die Geschichte, sondern auch um die Menschen, die an dem Projekt arbeiten. Unser Team ist per se schon ganz anders aufgestellt als Firmen, die von ,alten weißen Männern‘ geleitet werden.“

Allerdings sind auch dem Jünglinge-Film-Kollektiv beim Ausfüllen des Fragebogens eigene blinde Flecken aufgefallen. So fragt die Checkliste beispielsweise, ob Menschen mit einer Behinderung eine tragende Rolle in der Geschichte spielen. „Bei uns taucht ein solcher Mensch nur ganz am Rande auf. Deshalb und obwohl wir aus einer ziemlich eindeutigen Perspektive sprechen, die für den deutschen Film- und Fernsehbetrieb ungewöhnlich ist, fanden wir den Fragebogen cool, weil er unsere Blicke darauf lenkt“, erklärt Raquel Dukpa. Sie empfindet es als einen „superkrassen Missstand“, dass in der deutschen Film- und Fernsehindustrie BIPoCs einerseits meistens sehr einseitig besetzt werden und andererseits selten wirklich von ihnen erzählt wird. Stattdessen profitierten zumeist weiße Menschen von deren Inszenierung – auch wirtschaftlich.

„Bei uns hat die Diversity Checklist den Impuls ausgelöst, die Geschichte und die Figuren dahingehend noch einmal zu hinterfragen“, fasst Dukpa zusammen. „Viele weiße Medienschaffende glauben ja, dass sie ,universelle Geschichten‘ erzählen könnten, unabhängig von der Besetzung. Genau so denken wir aber nicht. Wir glauben, dass Geschichten immer von der Perspektive derjenigen beeinflusst werden, die sie schreiben. Und deshalb sehen wir hier auch so viele eurozentristische ,weiße‘ Geschichten.“ [13965]

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