Kamera-Ausbildung: Hochschulen in Deutschland

Babelsberg: „Das Studium hier ist immer noch sehr frei“

Susanne Schüle ist Professorin für Cinematography an der Hochschule für Filmuniversität Potsdam-Babelsberg Konrad Wolf. Valentin Selmke und Johannes Greisle studieren aktuell im Master-Studiengang Cinematography.

Austausch auf Augenhöhe: Johannes Greisle (links), Susanne Schüle, Valentin Selmke (Bild: Bernd Siering)

Susanne, dein Weg als Kamerafrau begann ja hier in Babelsberg und hat dich 2009 wieder hierhin geführt. Wie war dein Einstieg in den Beruf?

Susanne Schüle: Ich habe nach dem Abitur zuerst eine Fotografenlehre gemacht, bin dann viel gereist, habe viel fotografiert, und wollte danach eigentlich Fotografie studieren. Über die Kunstakademie in Berlin, durch die Beschäftigung mit der Fotografie und der Kunst, bin ich dann erst zum Film gekommen. Ich habe an der Akademie mit anderen Studierenden eigene Filme gedreht und habe gemerkt, dass die Kameraarbeit das ist, was mich wirklich fasziniert. 1992 habe ich dann erfahren, dass man hier an der Filmhochschule Kamera studieren kann. Es war damals auch die einzige Möglichkeit dafür. Das hat sofort geklappt. Es war der zweite Jahrgang nach der Maueröffnung, und ich war die einzige Frau in der Klasse. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt, was vielleicht auch der Grund ist, warum ich wieder als Professorin zurückgekehrt bin. Ich mochte diese Zeit des Studiums, des Ausprobierens sehr, und ich habe in dieser Zeit auch meine wichtigsten Regiepartner kennengelernt.

Johannes und Valentin, in welcher Phase des Studiums befindet ihr euch?

Valentin Selmke: Hannes und ich sind jetzt beide im dritten Fachsemester im Master-Studium. Wir haben davor drei Jahre lang den Bachelor gemacht. Das Studium ist ja so aufgebaut, dass man erst drei Jahre den Bachelor als Grundstudium hat und dort sowohl im dokumentarischen als auch im szenischen Bereich Arbeiten ausprobieren kann und Übungen hat. In dieser Zeit kann man auch seine Partner für zukünftige Projekte finden.
Im Master-Studium bekommt man dann – und das halte ich für sehr vernünftig – noch einmal einen ganz neuen Input, ganz einfach weil ja auch noch einmal neue Leute an die Universität kommen. Man ist dann aber nicht mehr jeden Tag ganz fest an der Uni, sondern hat Zeit, selbst seine eigenen Projekte anzukurbeln und sich auch wieder mehr mit sich selbst auseinanderzusetzen und nicht immer nur „abzuliefern“.
In den ersten zwei Jahre hatten wir hier ein Mentoren- und Klassenprinzip. Das fand ich wirklich gut, denn wenn man als Neuling hier ankommt, prasselt doch eine Menge auf einen ein. Ich habe das in diesen zwei Jahren total genossen. Wir waren so eine kleine, starke Truppe und hatten zwei Professoren, die unsere Vertrauenspartner waren. So etwas gibt es, glaube ich, sehr selten. Es gibt nur wenige Studiengänge, wo man so intensiv auch stundenlang in Zweier- oder Dreiergesprächen diskutiert und sich über die Stoffe austauscht. Ich finde, es ist eine hohe Qualität an der Filmuniversität hier, dass man in den ersten zwei Jahren sehr häufige und sehr intensive Auseinandersetzungen mit seinen Kommilitonen und Professoren hat. Ich fand das gut.

Susanne Schüle: Es ist halt wirklich ein Klassenprinzip. Jedes Jahr werden nur acht bis zehn Studierende aufgenommen, und die machen dann erst einmal drei Jahre ihren Bachelor. Wir ordnen dieser Klasse einen Professor zu, der die Studierenden am Anfang sehr intensiv betreut. Es kommen zwar auch in den Übungen oder im Unterricht die anderen Professoren dazu, aber es gibt am Anfang erst einmal eine einzelne Ansprechperson. Denn in der Kamera-Ausbildung geht es ja nicht nur darum, dass man sich handwerklich ausprobiert, sondern es ist eine starke künstlerische Auseinandersetzung. Das hat ja viel mit persönlicher Perspektive auf die Welt zu tun und der Auseinandersetzung mit sich selber, mit der eigenen Wahrnehmung und wie man im Team arbeiten kann. Es ist eine sehr komplexe Anforderung, die ein Kamera-Studierender bei einem Film leisten muss. Da tauchen Fragen auf, wie man mit Stoffen umgeht oder wieso ein Dreh nicht so gut funktioniert hat. Es geht um ganz vieles: die künstlerische Auseinandersetzung, die handwerkliche sowieso, aber auch viel Zwischenmenschliches, was den Studierenden beschäftigt. Da sind wir der Meinung, dass es wichtig ist, auch da Hilfestellung zu geben.

Valentin Selmke: Das finde ich wirklich extrem wichtig. Filmarbeit ist ja Teamwork und in jedem Team gibt es verschiedene starke Charaktere, und am Ende möchte man ein Produkt zusammen machen. Es gibt Menschen, die können in einem Team zusammenarbeiten und andere eben weniger, aber es ist im Nachhinein spannend zu sehen, dass man viele Konfliktlösungen hatte und dass man mit unterschiedlichsten Charakteren zu tun hatte. Das prägt einen auch für weitere Projekte.
Aber was hier noch besonders ist: man verspürt hier nicht von Anfang an einen vehementen Leistungsdruck, sondern hat erst einmal Zeit, auch Fehler zu machen, auszuprobieren. Natürlich ist immer ein gewisser Druck da, aber man wächst ja auch die ganze Zeit, will neue Sachen machen und den Anschluss nicht verlieren. Die HFF baut halt nicht einen künstlichen Leistungsdruck auf, den man später draußen auf dem freien Markt ohnehin schon hat. Dadurch kann man sich ganz anders entwickeln und muss nicht nur funktionieren.

Susanne Schüle: Es ist wichtig, dass wir alle aus der Praxis kommen. Alle Professoren sind selbst als Kameramänner und -frauen tätig. Dadurch kennen wir die Konflikte, die beim Drehen entstehen können. Einerseits versuchen wir natürlich das Curriculum und die Stundenpläne umzusetzen, auf der anderen Seite wissen wir, dass es bei einer künstlerischen Arbeit auch Scheitern und Umwege gibt. Es gibt Burn-Out, es gibt Stress, auch in der privaten Beziehung. Das Studium hier ist kein striktes Abarbeiten eines Lehrplans, sondern wir reagieren sehr aus der Erfahrung, die wir als Kameraleute gemacht haben.

Wir versuchen, flexibel zu reagieren. Wenn zum Beispiel ein Studierender einen wichtigen Dreh bekommen hat, aber eigentlich zu einem theoretischen Fachseminar kommen müsste, dann muss man darüber reden. Das ist ja auch unser großer Konflikt hier, dass wir einerseits wollen, dass die Studierenden viel drehen und möglichst früh auch mit Projekten von draußen in Kontakt kommen – oder mit Projekten, die auch Geld einbringen. Wir sind froh, wenn wir sehen, dass ein Kamera-Studierender schon Anschluss am Markt findet. Auf der anderen Seite bieten wir natürlich hochkarätige und auch teure Seminare an, und möchten, dass sie auch besucht werden. Wir versuchen aber, den Studierenden die Freiheit zu geben, sich künstlerisch weiterzuentwickeln, und das bedeutet manchmal, dass nicht alles nach dem Lehrplan geht, den wir vorgeben.

Der Studiengang „Cinematography“ ist mit maximal zehn Studierenden pro Jahrgang relativ klein, die HFF selbst aber schon auf den ersten Blick riesig.

Johannes Greisle: So viele Studiengänge wie hier gibt es an keiner Filmhochschule. Ich finde, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Bis auf Kostüm und Maske ist jedes Department hier vertreten. Und das ist natürlich ein riesiger Pool von Menschen und Kontakten. Wir sind ja in unserem Master-Studium gerade in so einer Transitphase, wo wir noch an der Uni sind, aber auch schon viel draußen drehen. Das muss auch so sein, denn eines Tages ist das Studium zu Ende, die Blase platzt, und man steht draußen auf dem freien Markt. Und dann kann man sich davon, dass man in jedem Seminar war, nichts kaufen. Aber wir drehen jetzt schon mit Leuten aus der Hochschule und das ist ein großes Geschenk.

Susanne Schüle: Das Besondere ist wirklich, dass wir hier so interdisziplinär arbeiten. Hier an der HFF sind tatsächlich so viele unterschiedliche Studiengänge vertreten, die im Prinzip die ganzen Gewerke der Filmbranche abdecken. Dadurch kommen unsere Studierenden automatisch in Kontakt mit potenziellen Arbeitspartnern.

Johannes Greisle: Man bekommt aber auch die Möglichkeit, an anderen interdisziplinären Kursen teilzunehmen. Das wird einem tatsächlich ans Herz gelegt: setzt euch doch mal in ein Seminar bei der Produktion, schaut doch mal beim Ton herein, guckt doch mal, was die Szenografie macht. Es gibt ohnehin viele Übungen, die so angelegt sind. Aber es wird einem auch oft gesagt, sich mal in ein anderes Seminar zu setzen, und man bekommt hier auch die Zeit dazu. Ich würde behaupten, dass trotz der Strukturen von Bachelor und Master das Studium hier immer noch sehr frei ist.

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