Ausbildung: Autodidakt

Young Professionals sind besser, als ihr Ruf! Bo Riedel-Petzold drehte schon während der Schulzeit mit Freunden zusammen erste Kurzfilme. Nach dem Abitur begann er ein Biotechnologie-Studium, brachte sich aber nebenbei selbst das nötige Know-how bei, um als Kameramann erste Projekte durchzuführen. Wir sprachen mit ihm über unbezahlte Arbeit, Dumpingpreise und die Vorteile einer regulären Ausbildung.

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(Bild: Martin Klöckener und Christoph Morsch)

Wie waren Deine Anfänge auf dem Weg zum Kameramann?

Bo Riedel-Petzold: Nach dem Abitur stand ich vor der Frage: Was jetzt? Soll ich im Kreativbereich bleiben, meine Kameraarbeit ernst nehmen und mein Hobby zum Beruf machen? Ein Studium in dieser Richtung, oder vielleicht eine Ausbildung zum Mediengestalter beginnen? Ich habe dann erst einmal ein kurzes Praktikum in einer Produktionsfirma gemacht. Das hat mich wirklich abgeschreckt. Tagesaktuelle Drehs, von A nach B zu fahren, ein kleines Statement einzuholen, einfach draufzuhalten – das fand ich so furchtbar, dass ich beschlossen habe, bevor ich so drehe, studiere ich lieber Biotechnologie und filme nur als Hobby. Das fühlte sich an, als ob es mehr Hand und Fuß hätte. Im Sommer 2014 habe ich meinen Bachelor gemacht. Parallel zum Studium sind eine Reihe kleiner Kurzfilme mit unterschiedlichen Teams entstanden. Mit Freunden habe ich zum Beispiel an einem Kurzfilmwettbewerb teilgenommen, zum „Jahr des Waldes 2010“. Da haben wir im Bereich der Amateure gewonnen und haben festgestellt, unsere Arbeit macht nicht nur uns selber, sondern auch anderen Spaß. Danach habe ich angefangen, Musikvideos für eine befreundete Band zu drehen. Wir haben das mit einer Canon EOS 600D gedreht und diese Spiegelreflex-Kamera auch in den nächsten drei Jahren benutzt. Das hat völlig ausgereicht. Alles andere habe ich selbst gebaut, weil halt kein Geld da war. Also habe mir ich Dollies, Slider und sogar eine Steadicam zurechtgebastelt, um die Einstellungen, die ich mir vorstellte, verwirklichen können. Einmal haben wir uns im Wald eine Kabelkamera gebaut. Ich wollte unbedingt eine Szene aus der Vogelperspektive erzählen, wie jemand durch den Wald läuft. Also haben wir 30 Meter Kabel gespannt, Rollen daran gebaut und die 600D damit fahren lassen. Das funktionierte!

Das lief alles parallel zu einem Vollzeit-Studium?

Während des Studiums habe ich gemerkt, dass es eigentlich nicht das Wahre ist. Naturwissenschaften finde ich spannend, aber die wirkliche Faszination, Begeisterung und Erfüllung ist halt der Film. Einen Film zu machen, die Kameraarbeit, der Moment, wenn ein Film fertig ist, das ist etwas, was man mit anderen Menschen teilen kann. Das ist, was ich machen will. Deswegen habe ich dann auch schon während des Studiums parallel – und unbezahlt! – die ersten Imagefilme gemacht, um auszuprobieren, was möglich ist. Ich war total unsicher. Der erste Imagefilm, der so entstand, war für ein kleines Weingut, in dem dann vier Drehtage Arbeit steckten. Ich bin an jedem Drehtag 40 Minuten mit dem Zug und dann noch mal 20 Minuten mit dem Fahrrad hingefahren, allein, total überladen mit Kamera, Stativen, einem selbst gebauten 2 Meter langem Slider aus Holz und einem Baustrahler für Licht. Das war im Hochsommer. Ich bin da immer völlig verschwitzt angekommen. Danach habe ich sogar noch einen befreundeten Musiker gefragt, und der hat einen eigenen Track dafür komponiert. Den Film hat das Weingut umsonst bekommen. Das habe ich als Teil meiner Ausbildung betrachtet. Zudem bin ich zu Tagen der offenen Tür an Hochschulen gefahren, nach Berlin zum Beispiel. Dort habe ich Studenten angequatscht und gefragt ob ich helfen könnte, wenn sie mal einen Film machen, und habe so bei mehreren Studentenfilmen für eine oder zwei Wochen als Beleuchter mitgearbeitet. So habe ich mich weiterentwickelt, gesehen was es gibt und wie man was machen kann. Danach kamen die ersten kleinen, bezahlten Projekte, zum Beispiel für einen Kindergarten. Da waren wir froh, dass unsere Ausgaben gedeckt waren und sogar noch ein bisschen was übrig geblieben ist. Ich werde halt immer schief angeguckt, wenn ich mit meinem selbstgebastelten Equipment ankomme.

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Bo Riedel-Petzold mit selbst gebautem Equipment. (Bild: Martin Klöckener und Christoph Morsch)

Die Sachen funktionieren, aber sehen eben aus, wie selber gebaut und wirken nicht sehr professionell. Derzeit drehe ich mit einer Panasonic Lumix GH4, auch so ein Gerät, das nicht wirklich nach einer Filmkamera ausschaut. Die Leute fragen dann halt schon misstrauisch, ob so eine Fotokamera denn gute Bilder macht… Wir haben vor einem Jahr zu dritt eine GbR gegründet und fangen allmählich an, damit Geld zu verdienen. Wir haben eine Webseite gebaut, sind bei Facebook und haben Akquise betrieben, um zu sehen, ob es Leute gibt, die uns vertrauen, und Filme finanzieren können und wollen. Das ist jetzt angelaufen. Wir hatten im letzten Jahr einige Projekte im Musik-Bereich, zum Beispiel ein Promotion- Video für eine Band. Mit denen haben wir uns für zwei Tage in einem Keller eingesperrt, in einem wunderschönen Gemäuer, und haben insgesamt vier Filme gemacht. Das vielleicht spannendste Projekt war ein Recruiting-Film für ein Bonner Unternehmen, das auf der Suche nach Auszubildenden war. Der Film ist zwei Minuten lang geworden und recht abstrakt gehalten. Wenn wir beim Kunden sind, schlagen wir immer ein Konzept vor, das mehr Mainstream ist, und eines, bei dem wir versuchen, etwas Eigenes, Außergewöhnliches zu machen. Bei diesem Film haben wir so ein Konzept durchbekommen. Das hat Spaß gemacht.

Man könnte einwenden, dass Du mit Deiner nichtoder unterbezahlten Arbeit ohne reguläre Ausbildung anderen, gut geschulten Kameraleuten die Arbeitsplätze weggenommen hast.

Da bin ich mir nicht so sicher. Auf der einen Seite stimmt es schon, dass ich in meinen Anfängen mit meinen Dumpingpreisen jeden anderen ausgestochen hätte. Die ersten Arbeiten habe ich ja tatsächlich umsonst gemacht, und bei den folgenden darf man das Honorar als höchstens eine Aufwandsentschädigung sehen. Man muss aber auch betrachten, was für ein Produkt ich in diesem Rahmen angeboten habe, und zu welchen anderen Produkten es überhaupt ernsthaft in Konkurrenz stand. Das waren Produktionen, bei denen ich mit meiner Canon 600D alleine losgezogen bin und einfach mal gemacht habe. Ich finde, mein Produkt mit professionellen Imagefilmen zu vergleichen, funktioniert an dieser Stelle nicht. Ich habe einen Randmarkt bedient und Filme gemacht, die in keinem anderen Rahmen entstanden wären. Diese Dumpingpreise habe ich nie als Ausbeutung, sondern als einen Teil meiner Ausbildung gesehen, wie man es sich als Autodidakt aneignet. Eine andere Ausbildung würde auch Zeit und Geld kosten.

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So fing es an: Der selbst gebaute Slider im Einsatz mit der 600D. (Bild: Martin Klöckener und Christoph Morsch)

Ich hatte die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und zu experimentieren, herauszufinden was funktioniert und was nicht. Heute bin ich an dem Punkt, wo es finanziell in Ordnung ist. Wir haben in der Vergangenheit deswegen Filme machen können, weil wir für die Kunden, die sich für uns entschieden, günstig waren. Wir haben für Honorare gefilmt, wo keine Selbstständigkeit funktionieren kann, wir aber ein kleines Portfolio gesammelt haben. Als sich das entwickelt hat, war es nicht unser Hauptberuf. Wir sind ja auch nicht die Einzigen – es machen viele junge Leute Filme, und viele arbeiten zu Dumpingpreisen. Ich sehe aber auch, dass man sich damit selbst und auch den Markt kaputtmacht. Man muss diesen Punkt erkennen, ab dem man ein Produkt anbieten kann, das sein Geld wert ist und es dann auch einfordern.

Zu einem Zeitpunkt, an dem es mit Deiner Firma gut zu laufen beginnt und Du davon leben könntest, hast Du Dich entschieden, die Arbeit dort aufzugeben und stattdessen ein Kamera-Studium zu beginnen. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Es läuft tatsächlich gerade warm. Wir haben jetzt eine Kooperation mit einer Werbeagentur, über die einige Aufträge hereinkommen, auch größere. Aber für mich persönlich ist diese Ebene der Werbung zu inhaltslos. Letztlich machen wir dort belanglose Filme, die nach einem halben Jahr vergessen sind. Mich reizen Spielfilme, oder Dokumentarfilme, Projekte, die eine Geschichte erzählen und eine Aussage haben. Werbung hat eben nicht so viel zu erzählen. Das Geld würde jetzt stimmen, aber die Inhalte stimmen nicht. Ich möchte als Kameramann Spielfilm machen, und da bin ich mit der Firma auf dem falschen Weg. Es ist eine andere Welt, und in diesem Sinne ist die Firma eine Sackgasse. Deshalb versuche ich es jetzt über eine Filmhochschule, wo ich studieren werde und den klassischen Weg gehe – entweder in Potsdam an der HFF oder an der Filmakademie in Ludwigsburg.

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Arbeit, Equipment – und Kalkulation – sind professionell geworden: Bo Riedel-Petzold an der Sony FS700. (Bild: Martin Klöckener und Christoph Morsch)

Bei beiden habe ich nach meiner Bewerbung eine Zusage bekommen, jetzt muss ich mich entscheiden. Wahrscheinlich gehe ich nach Ludwigsburg. Dabei war ich mir immer völlig unsicher, ob das überhaupt klappt. Die Idee, mich zu bewerben, geisterte schon seit ein paar Jahren durch meinen Kopf. Ich habe mich aber nie getraut, weil ich mich nicht richtig bereit dafür fühlte. Entsprechend gestresst war ich dann, als ich die Bewerbungsaufgaben bekommen habe. In der zweiten Runde an der Filmakademie in Ludwigsburg gibt es ja diese 90- Stunden-Aufgabe. Freitags bekommt man drei Themen zur Auswahl. Dann hat man bis Dienstag früh 90 Stunden Zeit, dazu ein Drehbuch zu schreiben, den Film zu drehen, zu schneiden und ihn auf DVD gebrannt persönlich in Ludwigsburg wieder abzugeben. Dass es so gut gelaufen ist, kann ich immer noch nicht wirklich glauben.

Welche Vorteile erwartest Du von diesem Studium?

Vor allem interessiert mich die künstlerische Ausbildung als solche. Ich möchte mich intensiv mit dem Medium Film auseinander setzen, gefordert werden, mich weiterentwickeln. Darüber hinaus werde ich noch so viel handwerklich lernen, was mir als Basis dienen kann, meine kreativen Ideen umzusetzen. Zudem kommt man in der Filmwelt fast nur über Kontakte voran, und während des Studiums lernt man eben die Leute kennen, die später auf dem Markt die Filme machen. Das sind einfach gewisse Cliquen, und wenn man sich Regisseure anguckt, haben die meistens einen festen Kameramann. Es geht darum, Leute kennenzulernen, mit denen man gut zusammenarbeiten kann und ein Team ist. Mein Weg, dorthin zu kommen, ist über eine Filmhochschule.


Homepage von Bo Riedel-Petzold:

www.boriedelpetzold.de

Unternehmens-Website: www.holyhammer.de

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