Interview mit Moritz Schreiner, Mitbegründer der Royal Film Company

Analog, grün, sozial

Sind bei der Royal Film Company nostalgische Gutmenschen am Werk? Gerdt Rohrbach ging für unsere Ausgabe 12.2019 im Gespräch mit dem Mitbegründer Moritz Schreiner der Sache nach und stieß auf ein Werbefilmunternehmen der besonderen Art.

Moritz Schreiner ist gelernter Tontechniker. 1999 heuerte er, damals noch als Student, beim SWR zunächst als Kabelträger an. Danach war er EB-Assistent oder assistierte er bei kleineren Dokus. Nach sechs Monaten wechselte er zum Tatort als „helfende Hand am Set“. Von einer Aufnahmeleiterin wurde er als Assistent der Aufnahmeleitung weiterempfohlen und wurde schließlich selbst Aufnahmeleiter. In dieser Funktion arbeitete er viel in München und Hamburg unter anderem bei Olga-Film, Rat-Pack Film und der Trebitsch-Filmproduktion.

Was ist euer Kerngeschäft?
Wir sind eine Werbefilmproduktion. Aber wir wollen nicht nur Werbefilme machen. Der Hintergrund meines Teilhabers Benjamin Wiedenbruch ist der Dokumentarfilm, meiner ist der Spielfilm. Das sind die drei Säulen unserer Firma. Das Kerngeschäft ist aber definitiv die Werbung. Wir nutzen die Einnahmen daraus und entwickeln so, unabhängig von Sendern, unsere Dokumentar- und Spiel- filme.

Ihr macht auch Imagefilme. Worauf legt ihr dabei besonderen Wert?
Das Spannende bei den Erstgesprächen ist, wie die Kunden selbst ihr Unternehmen sehen, denn das ist nicht immer identisch mit dem Image am Markt. Dann suchen wir nach dem Kern und der Motivation des Auftraggebers. So können wir garantieren, dem Zuschauer ein ehrliches und positives Bild des Unternehmens zu vermitteln. Uns ist es auch sehr wichtig, mit Kunden und Unternehmen zu arbeiten, die wir gut finden, und die unserem Planeten nicht massiv schaden. So haben wir schon den einen oder anderen Job abgesagt. Wir wollen Dienstleister sein, keine Diener. Wenn wir nicht daran glauben, können wir auch nicht die Liebe reinstecken, die ein Film verdient hat. Letztes Jahr haben wir einen großen Imagefilm für ein Lkw-Werk von Daimler gedreht. Unsere Ausgangsfrage dabei war: Wie bekommen wir das so hin, dass der Zuschauer bei der Stange bleibt? Die Vorgabe war acht bis maximal zehn Minuten und das ist schon eine ganz ordentlich lange Zeit. Wir haben uns dann entschlossen, alles in einer Einstellung zu drehen nach dem Vorbild von „Birdman“. Es gibt fast nur versteckte Schnitte und man fliegt quasi in einer Einstellung durch das Werk. Wir fragen uns bei den Werbe- und Imagefilmen immer: Was können wir noch rauskitzeln, um es visuell besonders zu machen? Und sehr oft stehen wir vor der Herausforderung, dass der Film ohne Ton funktionieren muss. Die Menschen schauen heutzutage Videos auf YouTube oder Facebook in der Straßenbahn, in der U-Bahn, im Bus. Da läuft kein Ton mehr mit.

Und was ist der Spirit eines Lkw-Werks?
Der Spirit ist Stolz. In diesem Werk arbeiten 10.000 Leute und die sind verdammt stolz darauf, dort arbeiten zu dürfen. Über dieses Moment haben wir dann die Kurve gekriegt, denn so schauen sich diese Leute ihren Film an, ohne sich zu fragen: Was erzählen die uns da? Wenn sich die Leute mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsplatz identifizieren, dann muss das, was gezeigt wird, im höchsten Grade authentisch sein. Was uns selbst fasziniert hat, war, dass alle drei Minuten ein Lkw das Werk verlässt. Was für eine logistische Meisterleistung!

Ihr gestaltet auch ganze Kampagnen. Was umfasst das alles?
Um unsere Filme herum erarbeiten wir auch eine komplette Ideenentwicklung zum Beispiel über den Einsatz, das Channel Management, Überlegungen zur Zielgruppe und den einzelnen Ausspielmöglichkeiten. Hier haben wir uns eine große Expertise erarbeitet. Sobald eine Agentur oder ein Kunde uns anspricht, sitzen wir von vornherein mit am Tisch. Manchmal sagen wir sogar einem potenziellen Kunden, dass für ihn Film keinen Sinn macht. Wir erarbeiten Konzepte, die für den Kun-
den möglichst kostengünstig sind. Wir haben schon Filme ab 3.000 Euro geliefert, aber auch 300.000 Euro und mehr sind keine Seltenheit. Gute, wit- zige Ideen sind in beiden Filmen drin. Sie sehen vielleicht etwas anders aus. Wir haben eben ein Projekt für einen Öko-Wald-Zertifizierer abgeschlossen, für das wir lediglich 6.000 Euro eingenommen haben. Er hat jetzt drei kleine Filme, die er bei seinen Kampagnen richtig gut einsetzen kann.

Zu eurem Mission Statement gehört also neben der qualitativ hochwertigen Filmarbeit auch das soziale Engagement?
Weil Film ein Medium ist, das wie kein anderes dazu prädestiniert ist, Gefühle und Botschaften zu transportieren, engagieren wir uns hier. Natürlich kann man auch einfach Geld spenden. Aber was können wir als Filmproduzenten leisten? Wir sind keine Rettungssanitäter, die jeden Tag Menschenleben retten. Wir sind Filmemacher, die mit ihren Filmen auf ihre Art und Weise vielleicht Menschen retten können. So sind wir auch auf Laureus gekommen. Die Agentur, die mit Laureus zusammenarbeitete, hatte unsere Filme gesehen und war von dem sozialen Engagement fasziniert: Eine Werbefilmfirma, die soziale Projekte fördert!

Was gehört noch zur DNA eurer Firma?
Erstens ist uns ganz wichtig, wie wir mit unseren Mitarbeitern umgehen. Bei uns wird kein Freelancer im Preis gedrückt, bis er blutet. Wenn eine Rechnung eingeht, wird sie bezahlt, und zwar sofort. All das, was wir selbst als Freelancer damals miserabel fanden, machen wir nicht. Zweitens ist unserem Kerngeschäft, dem Werbe- und Imagefilm, oft die Kunstform verloren gegangen. Um dem etwas entgegenzusetzen, nehmen wir den analogen Film mit ins Boot. Und wir sind uns einig, dass man Analog- und Digitalfilm hervorragend miteinander kombinieren kann. Dabei begreifen wir Film als Stilmittel und als Element in der Kombination mit einem modernen Motion Design, mit Animationen. Zum dritten habe ich eine Fort- bildung bei der MFG Baden Württemberg als Green Consultant absolviert. Wir haben dieses Jahr den Deauville Green Award für die beste ökologische Produktion gewonnen. Man sollte einfach mal den Fokus vom reinen Geldverdienen wegnehmen und ihn darauf richten, wie man etwas Gutes machen kann. [11025]

Mehr erfahren? Warum bei der Royal Film Company der Super-8-Film ein Revival feiert, können Sie hier lesen!

 

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