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Abschied von Martin Kukula

Am 1. November starb Kameramann Martin Kukula. Regisseur Urs Egger ­erinnert an einen Kollegen und Freund, den viele vermissen werden.

Martin Kukula
(Bild: Alan Peebles)

Es fällt sehr schwer, von Martin als jemandem zu sprechen der war und nicht mehr ist. Das ist unfassbar.

1993 bin ich nach Berlin gezogen und habe Martin ziemlich bald kennengelernt, über meinen Schweizer Kollegen Manuel Siebenmann. Und 1994 drehten wir dann ein erstes Projekt, DIE STADTINDIANER mit Richy Müller. Das war das allererste von 16 Projekten, 16 Filmen, die wir seither zusammen gemacht haben. Das letzte war ein Film im Dezember 2012, MÜNCHEN MORD.  Er lief im Juni am Münchner Filmfest, und leider konnte Martin nicht dabei sein.

Bevor wir mit den STADTINDIANERN loslegen konnten, ging es erstmal darum, die Drehorte zu finden. Martin zeigte mir Frischling also Berlin, und das war großartig. Denn er war ein begeisterter Wahl-Berliner, der seine Stadt liebte und immer von neuem erforschte – und es gab damals viel zu entdecken, der Mauerfall war nicht allzulange her. Martin kannte sich auch mit den Bewohnern gut aus, er erklärte mir dann beim Dreh, der etwas muffige Dolly-Mann sei eben kein Berliner, sondern ein Spandauer, die wären ja erst sehr spät eingemeindet worden. Als wären Berliner mitunter nicht auch muffig!

Kukula-Lassgard_Egger

Martin war ein passionierter Film-Mensch und hat einen oft mit der Frage begrüßt: »Und, warst Du im Kino?« Er hatte ein tolles Auge und ein starkes Gefühl für filmische Auflösung. Er liebte es, zu drehen, Film zu belichten, er konnte gar nie genug davon kriegen. Oft habe ich abends gedacht, wir wären fertig und war am Packen meiner Sachen, da sah ich ihn plötzlich irgendwo wie er ein zusätzliches Detail oder Stadt- oder Landschafts-Bildner drehte, und er sagte: »Wer weiß, vielleicht brauchst Du’s ja im Schnitt «. Ich hab’s immer gut gebrauchen können. Sehr gut sogar.

Die vielen Einstellungen, die Martin so ermöglichte, schlugen sich naturgemäß in neuen Bestellungen von Filmrollen nieder. Und das kam dem Herstellungsleiter zu Ohren, und er schimpfte mit uns. Zuviel verdrehtes Material. Da hörte ich zum ersten Mal von einem »zu hohen Drehverhältnis« – ein Ausdruck, der für Martin wohl immer und glücklicherweise ein Fremdwort blieb.

AN_DIE_GRENZE

Was außerhalb seines Sucherbilds los war, auch dafür hatte Martin hatte ein waches Auge. AN DIE GRENZE war ein Film über junge DDR-Grenzer, über das Erwachsenwerden, das Totschlagen der Zeit und über Wald und Natur in Thüringen, durchschnitten vom Todesstreifen. Martin hat plötzlich zwischen zwei Takes die Kamera hochgezogen, zu einem Bussard, die über den Bäumen kreiste – und so beginnt im Film die Geschichte nun.

Bei KENNEDYS HIRN in Mozambique drehen wir eine Menschenmenge, die über einen hohen Damm näherkommt. Auf einmal schwenkt Martin mitten in der Aufnahme schnell nach rechts hinunter, wo in derselben Sekunde ein kleiner afrikanischer Junge spielerisch den Damm runterrutscht, auf seinen Füßen runtersurft.

KENNEDYS HIRN

Ein wunderbarer, lebendiger Moment. Martin war ein Mensch voller Neugier, und er liebte die Menschen und somit erst recht die Schauspieler. Es ging ihm immer zuerst um den Inhalt, was soll erzählt werden, und wie unterstützt und befördert man die Emotion der Schau­spieler, gibt ihnen gleichzeitig Raum. Das klingt jetzt sehr allgemein, aber die Schauspieler liebten Martin, weil er sie nicht durch Lichtsetzungen und haargenaue Positionen einschränkte und – vor allem und viel wichtiger – weil sie seine Achtsamkeit und Empathie spürten. Er interessierte sich für sie über die Rolle hinaus. Er gab ihnen Vertrauen. Sie fühlten sich bei ihm aufgehoben.

 

In den letzten Jahren haben wir im Vorfeld eines Films natürlich über den Stil gesprochen, viel mehr aber nicht. Wir haben einfach geprobt, den Schauspielern zugeschaut, und wenn die Szene dann stand, haben wir sie ohne lang zu reden gedreht. Wenige Gesten der Verständigung genügten. Das klingt sehr einfach – und so war es auch. Meistens. Denn wir haben durchaus auch gestritten, uns aber dann eigentlich fast immer geeinigt. Es gab auch Ausnahmen. Martin konnte sehr hartnäckig sein. Bei der Mankell-Verfilmung DIE RÜCKKEHR DES TANZLEHRERS hatte er ein frühes schwedisches Drehbuch gelesen, welches die Geschichte etwas anders erzählte als unser Buch. Martin wollte nun immer wieder Szenen des anderen Drehbuchs verfilmen und drohte sogar einmal mit seiner Abreise, wenn wir nicht wenigstens die eine Szene drehen würden. Die Szene wurde schlußendlich nicht gedreht und Martin ist auch nicht abgereist. Auf der Rückfahrt sagte er dann: »Von dieser Arbeit werden wir lange zehren« – und so kam es auch.

Diese Vertrautheit im Arbeiten ist ja längst zu einer engen Freundschaft geworden, und niemand ist so oft hinaus zu uns auf Land gekommen wie Regula und Martin, in früheren Tagen zusammen mit den Kindern May und Jakob. Martin brachte immer den Tagesspiegel mit, sein Leibblatt. Immer wenn wir weit weg arbeiteten und ich am Wochenende nach Hause flog – Martin hasste es zu fliegen und wäre am liebsten wie Kubrick immer mit dem Schiff gefahren – so musste ich ihm den Tagesspiegel mitbringen, am liebsten die Sonntagsausgabe. In den letzten Wochen hat Martin oft von seinen Reisen erzählt, von Schweden, Afrika, England, den USA. Oft habe ich ihn auf diesen Reisen irgendwo stehen sehen, wie er wissbegierig mit den Locals ins Gespräch kam. Ich kann mir vorstellen, wo immer er jetzt sein mag, das macht er auch jetzt…

Martin als Freund gehabt haben zu dürfen, dafür bin ich unendlich dankbar. Und ich weiss gar nicht, wie ich – wie wir alle – ohne ihn jetzt klarkommen sollen.

 

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