Preisträger Kategorie Schnitt – Langform

27. Deutscher Kamerapreis: Kurzporträt Chris Wright

Chris Wright wurde 1972 in Radcliffe in Großbritannien geboren. Nach der Schulausbildung absolvierte er ein geisteswissenschaftliches Studium in Cambridge. Danach arbeitete er als Übersetzer und studierte Filmmontage an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, wo er 2003 seinen Abschluss machte. Seitdem ist er als Hörspielautor, freier Dokumentarfilmer und Editor tätig. Seit 2011 ist er zusätzlich Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Chris Wright realisierte die Hörstücke „Kleinstheim“ (2011) und „Pfarrer“ (2015) sowie die Dokumentarfilme „Pfarrer“ (2014) und „Mutterglück“ (2016). Hier war Wright nicht nur für den Schnitt verantwortlich, sondern gemeinsam mit Stefan Kolbe auch für Buch und Regie.

“Ich hatte enorme Freiheiten”

Foto: WDR/Melanie Grande

Was waren beim Schnitt von „Fighter“, einer Doku über Kämpfer in den Mixed Martial Arts (MMA), die besonderen Herausforderungen für dich? Wie hat sich das Projekt von anderen unterschieden?

Die besondere Herausforderung bei „Fighter“ war für mich die Verschiedenheit des Materials. Es gab Interviewszenen, Alltagsbeobachtungen während des Trainings und der Vorbereitungen für den Kampf, und dann natürlich die Kämpfe selbst, die mit vier Kameras gleichzeitig schon fast wie ein Spielfilm aufgenommen wurden. So eine Vielfalt ist zwar eine Herausforderung, aber es ist auch eine richtige Freude. Für mich ein wesentlicher Bestandteil des Schnitts ist der Rhythmus, und durch die Fülle an Material konnte ich die Tempi sehr wechselhaft gestalten, in dem Sinn, dass es längere Szenen gibt, die dann einen brutalen und lauten Höhepunkt aufbauen. Einen Film mit solchem Material zu schneiden, war eigentlich ein echtes Vergnügen.

Gab es durch das Material mehr Freiraum in der Gestaltung als sonst bei einem Dokumentarfilmprojekt?

Es war ein anderer Freiraum. Bei vielen Dokumentarfilmen entwickelt sich ja die Gesamtdramaturgie, also das, was der Film erzählen will, oft erst im Schnitt. Bei diesem Film war die Dramaturgie eigentlich relativ klar und durch die Abfolge von Vorbereitung und danach dem Kampf selbst schon gewissermaßen vorgegeben. Ich habe im Endeffekt trotzdem beim Schnitt viele Szenen hin- und hergeschoben, aber das war keine so große Sache. Das Wichtige war eigentlich, überhaupt das Tempo, die Pace des ganzen Films zu finden. Ich hatte enorme Freiheiten bei den Kampfszenen – vier Kameras! – da konnte ich mich wirklich austoben.

Du hast schon einige reine Hörfunk-Projekte gemacht. Wie wichtig ist für dich der Ton beim Schnitt und wie hat sich das bei „Fighter“ geäußert?

In einem MMA-Kampf gibt es sehr verschiedene Phasen, und oft bekommt man beim Zusehen gar nicht so richtig mit, was vor sich geht. Ganz am Anfang seines Kampfes hat zum Beispiel der Protagonist Andreas Kraniotakes einen Schlag abbekommen, und das hat ihn durcheinandergebracht. Das wusste ich aber nur, weil er es nach dem Ende des Matches seiner Frau am Telefon gesagt hat. Das findet man nicht so unbedingt heraus, wenn man nur die Bilder sieht. Aber so wusste ich, dass er nach diesem Schlag auf den Kopf danach richtig benebelt, neben sich für eine Weile war. Dann gab es aber auch die Phase, wo er wieder zu sich kommt und wieder stärker wird, und das wollte ich darstellen. Dabei war der Ton ein ganz wichtiges Mittel, das ich gern an den Stellen benutze, wo die Bilder einfach nicht mehr reichen. Dieser erste Schlag ist in einer Halbtotalen, man bekommt es vom Bild nicht so unbedingt mit. Dann muss es eben der Ton leisten. Ich habe dann schon beim Schnitt eine ganz surreale Ebene gefunden, wo ich zum Beispiel Tinnitus-Geräusche und Pfeifen hinzugefügt habe.

Ich lege generell sehr viel Wert auf den Ton, wenn ich schneide, und bei „Fighter“ habe ich schon im Schnitt das Sounddesign vorbereitet. Ich konnte das Material nur so schneiden, weil ich gleichzeitig wusste, dass wenn das Bild okay ist, also vielleicht nicht das Stärkste ist, dass dann der Ton zusätzlich die Abbildung übernehmen kann.

Ich mache ja selbst Dokumentarfilme mit einem Kameramann, also im Zwei-Mann-Team, und da mache ich auch selbst den Ton am Set. Deswegen denke ich viel über den Ton nach, während des Drehs und im Schnitt. Ich bin auch immer in der Mischung und wenn möglich auch zumindest teilweise während des Tonschnitts und des Sounddesigns dabei. Bei „Fighter“ war das eine tolle Zusammenarbeit mit Torus-Film, die den Ton nachbearbeitet haben.

Bei der Musikgestaltung im Film haben wir ähnlich gearbeitet. Wir haben dem Komponisten Jörg Follert einige Szenen gezeigt, von denen wir dachten, dass sie Musik haben müssten. Dann hat Jörg ein paar Skizzen abgeliefert, die ich dann angelegt, umgeschnitten oder auf ganz andere Szenen gelegt habe. Das haben wir ihm dann wieder mit ein paar Anmerkungen wieder zurückgeschickt: dieses Thema muss sich hier noch weiterentwickeln, oder hier sollte eine zusätzliche Ebene in die Musik kommen. So haben wir Schnitt und Musik parallel entwickelt. Das war eine schöne Zusammenarbeit

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“Fighter”

Buch und Regie: Susanne Binninger
Kamera: Marcus Lenz
Produktion: Corso Film in Koproduktion mit ZDF/3Sat
Redaktion: Daniel Schössler (ZDF)

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