Kinefinity MAVO LF und Primes

Vollsortiment für Full-Frame

Vor einigen Jahren wurde der chinesische Kamerahersteller Kinefinity für seine ersten Modelle noch belächelt. In der Zwischenzeit hat er einen weiten Weg beschritten und kann für sein aktuelles Flaggschiff MAVO LF eigene Festbrennweiten-Objektive und eine vollständige Peripherie anbieten. Wir berichteten in unserer Ausgabe 4.2020.

Fotos: Mark Zdunnek

Seit seinen ersten Kameras hat Kinefinity das zugrundeliegende Konzept gründlich überarbeitet. Korpus, Software sowie die Bedien- und Anschlussstruktur wurden neu entworfen, dies teilweise auch in eindeutiger Abgrenzung zu anderen Herstellern, mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen. Ab dem vierten Quartal 2019 kann der Hersteller nun verkünden, dass er über ein von anderen Kamera-Entwicklern gänzlich unabhängiges eigenes Kamera-Ökosystem verfügt. Dazu gehören die jüngst vorgestellten MAVO Primes, die laut Hersteller für eine Auflösung bis zu 8K ausgelegt sind.

Für den Test haben wir die Produkte des Herstellers wie üblich in realen Arbeitsumgebungen eingesetzt und sie außerdem mit Testaufnahmen detailliert überprüft. Dazu gehörten eine Multi-Kamera Live-Aufzeichnung für den Zauberkünstler Christopher Köhler – Comedy Magic sowie weitere Einsätze und Außendrehs.

Komplette Peripherie

Der Trend zum vollständigen Zubehör lässt sich unter anderem an den neuen 5- und 7-Zoll-Aufsteckmonitoren mit dem Hauslabel ablesen. Der KineMON-5U und der Kine-MON-7H Ultra-Bright Monitor sind als IPS-Panel mit 1.000 nits Helligkeit, Gorilla-Glas- Schutz und Full-HD-Auflösung ausgestattet. Zu den neuesten Erweiterungen gehören auch die in der zweiten Jahreshälfte 2019 hinzugekommenen eigenen V-Mount-Batterien KineBAT 75 beziehungsweise 150 PD. Der eigene Full-HD-OLED Viewfinder KineEVF mit eingebautem Diopter, das Ergänzungsmodul KineBACK-W und natürlich eigene SSDs mit Namen KineMAG 500G runden das Paket ab.

Kinefinity bietet mittlerweile ein eigenes Kamera-Ökosystem an.

Für Schultersupport und eine maßgeschneiderte Handgrip-Lösung arbeitet Kinefinity hingegen intensiv mit Movcam zusammen. Das auf der DarkTower Wireless Plattform basierende KineBACK-W ist eine Weiterentwicklung des Vorgängermodells KineBACK und verfügt über zwei 3G-SDI-Ausgänge, je einen TC-Ein- und Ausgang, zwei XLR-Anschlüsse, einen DC-Stromausgang, SYNC sowie eine V-Mount-Batterieplatte mit zwei D-Tap-Anschlüssen.

Mavo Primes

Die neue MAVO-Prime-Serie wurde auf der IBC 2019 in Amsterdam zum ersten Mal in fast finaler Version vorgestellt. Im Portfolio stehen nun also fünf Cine Prime Objektive für Volformat-Sensoren zur Verfügung: 25 mm, 35 mm, 50 mm, 75 mm und 100 mm. Als Set kann man die Objektive für 11.999 US-Dollar kaufen. Einzeln kosten das 25- mm- und das 100-mm-Objektiv 2.999 US-Dollar, die 35- mm-, 50-mm- und 70-mm-Optiken je 2.499 US-Dollar.

Mit Ausnahme des 25-mm-Primes mit T2.1 bieten alle Objektive eine maximale Öffnung T2.0. Dabei decken alle Objektive den exakt selben Bildkreis von 46,5 mm ab und sind damit für die Sensorgrößen der RED Monstro VV, ARRI ALEXA LF und natürlich der MAVO LF geeignet, also für praktisch die meisten geläufigen Vollformat-Sensorgrößen in der digitalen Kinematographie einsetzbar.

Wichtige Ausnahme: die ARRI ALEXA 65, deren Sensor-Seitenverhältnis mit 54,12 mm × 25,59 mm deutlich breiter ist.
Um den Anwendern dann auch praktisch den Anschluss an diese Kameras zu ermöglichen, stehen die Objektive mit den Mount-Alternativen PL, EF oder Sony E zur Verfügung. Somit kann man die MAVO Primes auch mit den neuen leistungsstarken Kameras wie der Canon C500 MKII oder der Sony PXW-FX9 bis hin zu aktuellen DSLR / DSLM Kameras einsetzen. Für unseren Test hatten wir die Objektive mit PL-Mount zur Verfügung.

Technische Spezifikationen

Gerade bei Cine-Objektiven werden immer wieder gezielt bestimmte Leistungsaspekte für den täglichen professionellen Einsatz gefordert. Da Kinokameras, wenn sie nicht gerade auf engstem Raum oder an Drohnen eingesetzt werden, regelmäßig sehr aufwändig mit Anbaukomponenten wie Kompendium, Remote-Follow-Fokus, Filtersets erweitert werden, stellt sich immer wieder die Herausforderung, Objektivwechsel möglichst schnell bei geringem Umbauaufwand zu realisieren. Hier kommen dann viele Aspekte wie zum Beispiel Bauform, Frontdurchmesser, Gewicht, Position und Features der Fokus- und Blenden-Ringe ins Spiel.

Die Objektivreihe der MAVO Primes umfasst sieben Optiken.

Hier treffen die MAVO-Prime-Objektive viele der oben genannten Anforderungen. Neben den praktisch einheitlichen Blendenöffnungen und Abbildungskreisen der Objektive sind ebenso die Fokuswege mit 270 Grad Drehwinkel nicht nur angenehm weit und daher präzise einsetzbar, sondern auch homogen über alle Objektive hinweg identisch. Ebenso ist auch der Iris-Weg mit ungefähr 70 Grad ausreichend lang und wie auch der Frontdurchmesser von 95 mm über die gesamte Serie hinweg gleichbleibend. Auch die Objektivlänge ist mit 117 mm (PL-Version) bei allen MAVO Primes identisch. Damit hat der Hersteller schon einmal vielen essenziellen Anforderungen der Anwender Rechnung getragen.

Die Primes lassen sich ohne Veränderung der Anbauteile wechseln.

Nicht ganz identisch sind die Gewichte der Objektive. Hier treffen die Hersteller wegen der physikalischer Gesetze auf größere Herausforderungen. Die Abweichungen halten sich jedoch bei den MAVO Primes in Grenzen und liegen innerhalb einer Spanne von 1.110 Gramm bei der 75- mm-Optik und 1.310 Gramm beim 25-mm-Prime, so dass der Unterschied innerhalb der Reihe maximal 200 Gramm betragen kann. Je nachdem, ob die Kamera bei einem Objektivwechsel auf einem Stativ, Gimbal einer Steadicam-Set zum Einsatz kommt, kann hier ein mehr oder weniger aufwändiges erneutes Austarieren notwendig werden.

Da allerdings nur das Gewicht, nicht aber die Form abweicht, ist zum Beispiel beim Einsatz eines schwenkbaren Kompendiums ein sehr zügiger Wechsel ohne andere komplexe Umbaumaßnahmen gewährleistet.

Für die professionelle Anwendung am Filmset gibt es natürlich noch weitere Anforderungen. So sind die MAVO Primes beispielsweise mit Fokus-Markierungen in Metern und Zoll versehen. Dies stellt im Zusammenwirken mit den in der Praxis sehr präzise justierbaren und hochwertig hergestellten Zahnkränzen ein Muss für Objektive einer ernst gemeinten Cine-Baureihe dar und wurde hier entsprechend umgesetzt. Ebenso wirkten auch die verbauten Materialien in unserem Test sehr robust und der PL-Anschluss massiv. Die Ringe sowie Konstruktion fühlen sich wertig und für den praktischen Einsatz bei Wind und Wetter und auf Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit ausgelegt an

Wirft man einen Blick auf die Naheinstellungsgrenzen der Objektivreihe, dann dürfte hier für den ein oder anderen anspruchsvollen Cineasten insbesondere ein Objektiv hervorstechen: Das 100 mm T2.0. Mit einer Naheinstellungsgrenze von gerade einmal 56 Zentimetern könnte man es auch gut als makro-tauglich bezeichnen. Zum Vergleich: Das Cooke S4 /i 100 mm T2.0 hat eine Naheinstellungsgrenze von 95 Zentimetern und die des Schneider-Kreuznach Cine Lens Xenon FF-Primes 100 mm T2.1 liegt noch einmal sechs Zentimeter weiter weg.

Weiche Faktoren

Bestehende Objektivreihen, auf deren anerkannte Ästhetik die jeweiligen Hersteller zugreifen können, berufen sich oft auf einen sehr eindrücklichen und klar wiedererkennbaren Look. Im Verhältnis dazu sind die MAVO Primes wohl nicht bei den Exoten einzuordnen, sondern eher als wertige, multifunktional einsetzbare, scharfe und

robuste Serie für einen vielfältigen Einsatz, der auf minimale Verzerrungen, keine starke Vignette und geringe Aberrationen abzielt. Andere Hersteller können auf einen sehr distinkten, aber auch durchaus bestimmenden Look verweisen, wie zum Beispiel Canon mit den Sumire Primes, die an die warme Ästhetik der in den 1970er und frühen 1980er Jahren hergestellten K-35-Serie anknüpfen und deren sehr wiedererkennbares Bokeh sich im Verlauf von der Bildmitte nach außen von einer Rundform zu einer ovalen Form verändert. Die MAVO Primes wurden aus meiner Sicht eher mit dem Ziel hergestellt, ein mit 12 Lamellen ästhetisch gestaltetes weiches Bokeh, eine technisch hohe Abbildungsqualität und Abbildungsgenauigkeit, hohen Detailreichtum, funktionale Schärfe sowie geringste Aberrationen oder Abweichungen zu den Rändern zu erzielen. Sie zeichnen sich durch Klarheit und ästhetische Flares aus.

Fazit

Die Kinefinity MAVO Primes bieten eine von Detailgenauigkeit geprägte Abbildungsschärfe. Es gibt Cineasten, die eher einen verwaschenen, abstrakten oder distinkten Vintage-Look oder eine weiche ästhetische Schärfe bevorzugen. Diesen wird die Bildschärfe möglicherweise zu hoch sein, ein Test lohnt sich jedoch sicher! Aktuelle Anwendungsfelder, zum Beispiel 4K für 2K/HD oder 6K für 4K bringen allerdings in diesem Kontext auch Vorteile mit sich. Erhöhte Schärfe bei mehr Detailreichtum der Aufzeichnung führen einfacher zu der Möglichkeit, de facto mehrere Bildausschnitte oder Stabilisierungseffekte aus demselben Bild herauszuholen. Das ist für bestimmte Anwendungsfelder und Produktionen sicher von Vorteil. Einige Anwender werden vermutlich nachfragen, ob und wann weitere Brennweiten für die Serie geplant sind. So sind Weitwinkel oder Ultra-Weitwinkel bisher nicht im Portfolio und ein in anderen Serien oft vorhandenes 135- mm-Objektiv fehlt noch. Dieses war ursprünglich bei der Erstankündigung der Objektive an Stelle des nun verfügbaren 100 mm angekündigt worden. Also besteht Hoffnung, dass der Hersteller das 135-mm-Prime noch nachreichen wird. [12181]

 

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