Dokumentardreh mit der Canon C300

Die richtige Kamera für echte Nähe

In unserem Heft 7-8/2018 berichtete DoP Minsu Park über die Dreharbeiten zu seiner mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentation “Sewol – Die gelbe Zeit”. Im ersten Teil des Artikels schilderte er, wieso er als Kamera die Canon C300 wählte. Aber wie erleichterte die Technik seinen Zugang zu Thema und Protagonisten?

(Bild: Minsu Park)„Ich hatte keine Zeit zur Vorrecherche. Ich habe gleichzeitig recherchiert und gedreht“, erzählt Park. Er nahm Kontakt zu den Angehörigen auf und verbrachte viel Zeit mit ihnen. Seine Dokumentarfilmerfahrung half ihm, dennoch war es allein ein ganz anderes Arbeiten. „Spielfilme zu machen ist ganz anders. Man hat ein großes Team und viele Rollen, die Arbeit ist getrennt“, So DoP Park. „Beim Dokumentarfilm ist man oft alles in einer Person. Ich habe gemerkt, dass die Kameraarbeit hier eine wichtigere Rolle spielt, weil sie viel der Dramaturgie herstellt.“

Während der sechswöchigen Dreharbeiten war Minsu Park ständig in Südkorea unterwegs. Er begleitete die Angehörigen der Opfer in ihrem Alltag und bei den Demonstrationen für eine Aufarbeitung des Unglücks. „Für mich war es wichtig, nah zu sein“, erklärt Minsu Park sein Konzept. „Die Zuschauer müssen mit dem Protagonisten kommunizieren. Mit dem Ob- jektiv kann ich näher sein, als ich es als Kameramann bin, die Zuschauer können dann diese Grenze zum Protagonisten überwinden. Dadurch kann ich echte Nähe herstellen.“

Drehen oder nicht drehen?

Oft hatte Park schon beim Kennenlernen die Kamera dabei, auch wenn sie nicht lief. Einfach, damit sich sein Gegenüber an ihn und die Situation gewöhnen konnte. Ein „zu nah“ hat er dabei nicht erfahren, dafür aber immer wieder Situationen, in denen er entscheiden musste, ob er etwas mitdreht oder nicht. Die Mutter eines bei dem Unglück gestorbenen Mädchens hatte ihn eingeladen, bei ihr zu übernachten. Spätabends ging sie in das Zimmer ihrer Tochter, umarmte deren Foto und weinte bitterlich. „Ich habe sie von nebenan gehört, wie sie geweint hat“, erinnert sich Minsu Park. „Da hatte ich einen kurzen Moment für die Entscheidung, ob ich die Kamera raushole. Aber ich habe mich dagegen entschieden.“

Minsu Park zeichnete in Full HD auf. Die Aufzeichnung fand auf SD-Karten mit 64 Gigabyte statt, die Park am Ende des Drehtags auf mehrere Festplatten sicherte.
Im Film sind immer wieder Aufnahmen von den Mobiltelefonen der Opfer zu sehen. In den Videos sind teilweise Szenen vom Tagesanbruch zu sehen, Frühstück, Herumgealber von Teenagern. Dann schließlich die Panik an Bord, letzte Botschaften verzweifelter junger Menschen, in Angst um ihr Überleben. Park setzt diese ohne Kommentar gegen die ruhigen Bilder der Proteste, der Erinnerungen seiner Protagonisten von diesem Tag des Unglücks.

Die Geräte wurden aus dem Wrack geborgen. Eine Universität rettete die Daten. Park erhielt diese Videos von den Angehörigen. An der Hochschule für Fernsehen und Film München hatte Park ein Team aus Kommilitonen, die den Film mit auf die Beine gestellt hatten. Gregor Koppenburg und Britta Schwem schrieben das Buch, die Produzenten Christine Ajayi und Maximilian Plettau unterstützten produktionsseitig. Für Regiestudent Koppenburg hatte Park zuvor schon beim 21-Minüter „Guerre / Krieg“ die Kamera geführt. Plettaus Nominalfilm produzierte, der Bayrische Rundfunk trat als Ko-Produzent auf.

Neun Monate Schnitt

Mit rund 120 Stunden Material ging Park in den Schnitt. Rund neun Monate saß er mit Editor Christoph Hutterer und Schnittassistent Jonas Windwehr im kreativen Editing und dem Colorgrading. „Wir haben viel diskutiert“, sagt Minsu Park über diese Zeit. Ursprünglich waren nur zwei Protagonisten geplant. Im Schnittraum wurden vier daraus. Zu eindrucksvoll die Bilder der Klagenden, zu stark der Wunsch nach Antworten. Die fertigen 78 Minuten gingen dann auf die Festivaltour.

In Südkorea ist der Film leider bis heute nicht im Kino gelaufen. Das bedauert Minsu Park selbst sehr. Es gab Versuche, ihn auf einem Festival zu platzieren, doch diese schlugen fehl. Erklären kann sich Park dies nicht. Doch gesellschaftlich ist das Thema immer noch ein Tabu in Südkorea. Politisch und rechtlich hat sich in den vier Jahren etwas getan. Der Premierminister musste gehen. Der Kapitän, der innerhalb der ersten halben Stunde das Schiff verließ, wurde zu einer 36-jährigen Haftstrafe verurteilt, die überlebende Besatzung zu 15, 20 und 30 Jahren.

Schon 2017 feierte „Sewol – Die gelbe Zeit“ auf dem DOKfest München seine Premiere und wurde kurze Zeit später mit den Eberhard-Fechner-Preis für Dokumentarfilme beim Studio Hamburg Nachwuchspreis ausgezeichnet. Am 13. April erhielt das Team um Minsu Park den Grimme-Preis 2018 in der Kategorie Information & Kultur – drei Tage vor dem vierten Jahrestag der Katastrophe. Im Gespräch mit der Moderatorin An- nette Gerlach widmete Park den Preis seinen Protagonisten. Würde Minsu Park wieder als DoP und Regisseur in Perso- nalunion arbeiten? Das tut er schon! Das nächste Projekt Parks befindet sich gerade in der Vorbereitungsphase. Ein Recherchedreh hat schon stattgefunden, das Exposé ist fertig. Es geht um Schulkinder im Himalaya, die für ihre Bildung große Gefahren auf sich nehmen. [5594]

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