Steadicam & Co.

Gimbal vs. Steadicam: Eine Praktiker-Einschätzung

troescher_steadicam_swUnsere Artikelserie zur Bildstabilisierung regt zur Diskussion an. So hat Wolfgang Tröscher, Steadicam-Operator aus München, in einem Kommentar erste Praxiserfahrungen geteilt. Wir veröffentlichen den Text seiner Einschätzung aufgrund des Detailreichtums noch einmal separat (mit Dank an den Autoren!):

Zur Zeit wird in der Steadicam-Community heftig über das Thema “Brushless Gimbals”, also z.B. MoVI, diskutiert.

Ich sehe das anders. Und das nicht nur, weil ich selbst Steadicam-Operator bin, sondern weil Brushless Gimbals gewisse Nachteile im Vergleich zur Steadicam haben. Ich wage es hier mal, eine Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – vorzunehmen:

Vorteile Brushless Gimbal

  • Enorm flexibel, insbesondere was die Höhe der Kamera angeht (erreicht man mit einer Steadicam nur sehr aufwendig mit Systemen wie Alien Revolution oder Tango). Man kann das System mit Rollerblades, auf einem Pferd, auf einem Fahrrad etc. nutzen.
  • Für das Operating weniger Erfahrung notwendig (soll aber nicht heißen “keine Erfahrung”)
  • In der Anschaffung relativ günstig (Konkurrenzprodukte zum MoVI, die auch 5 kg Zuladen verkraften, gibt es ab ca. 5.000 EUR – und auch Freefly Systems wird über kurz oder lang den Preis angesichts der zunehmenden Konkurrenz senken müssen).

Vorteile Steadicam

  • Präzisere Einstellungen möglich.
  • Brushless Gimbals korrigieren nur in den 3 Achsen, nicht aber was die Höhe der Kamera angeht (nun wird diskutiert, ob man ein MoVI nicht auf einen Federarm wie bei der Steadicam montieren kann, aber dann verliert man wieder den oben erwähnten Vorteil der Flexibilität).
  • Nur eine Person nötig (beim Brushless Gimbal benötigt man einen zusätzlichen Operator, der per Funk die Motoren steuert). Der “Follow-/Majestic-Mode” bei MoVI & Co ist in der Praxis häufig zu unpräzise.
  • Sehr robuste Technik, da im wesentlichen nur Mechanik zum Einsatz kommt. Selbst wenn die Steadicam-Elektronik versagt, kann man immer noch damit arbeiten. Ein leerer Akku beim MoVI und es geht gar nichts mehr.
  • Schneller drehbereit. Ein erfahrender Operator hat seine Steadicam in wenigen Minuten in “Dynamic Balance”. Eine MoVI muss per Laptop und über USB oder Bluetooth kalibriert werden. Das kann ggf. dauern
  • … und last not least ist eine Steadicam – entsprechendes Rig vorausgesetzt – für große bzw. schwere Kameras geeignet. Ein Brushless Gimbal ist ist nicht nur wegen der Technik in der maximal Zuladung begrenzt, sondern auch bzgl. des Handlings (wenn man nicht gerade über Oberarme wie Popeye verfügt). Nun gibt es die Idee, ein MoVI an eine Easy-Rig zu hängen, aber dann gilt auch hier wieder der Verlust der Flexibilität).

Mein persönliches Resümee

MoVI und Co. werden sicherlich in Zukunft ihren Platz finden, insbesondere bei actionlastigen Szenen (Verfolgungsaufnahmen mit dem Auto), bei Luftaufnahmen (wo diese Technologie schließlich ihren Ursprung hat) oder bei Produdtionen, die sich schlicht keinen Steadicam-Operator leisten können. Die Steadicam wird sie aber meines Erachtens nicht ersetzen.

Somit bietet es sich an, dass ein Steadicam-Operator seine Einsatzmöglichkeiten durch den Erwerb eines Brushless Gimbal erweitert. Denn egal welche Technik eingesetzt wird: Letztendlich zählt das Gespür für das Einfangen von interessanten und auch im übertragenen Sinn “bewegten” Bildern. Und Steadicam-Operatoren bringen hierfür meist jahrelange Erfahrung mit, die auch durch elektronisch geregelte, bürstenlose Motoren nicht ersetzt werden kann.

http://www.wolfgang-troescher.de

Foto oben: Wolfgang Tröscher in Steadicam-Weste

© www.wolfgang-troescher.de

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