Nutzwert für dokumentarisches Filmen

AG DOK: Kameratest unter realen Bedingungen (2-2)

Hier der zweite Teil des Kameratests der AG DOK, die mit einem kleinen Team erfahrener Kameraleute bereits zum zweiten Mal gezielt Kameras für den professionellen Dokumentarbereich unter die Lupe genommen hat. Der konkrete Nutzwert für die Kolleginnen und Kollegen im Einsatz stand dabei im Vordergrund.

In der aktuellen Ausgabe 3/2017 wurde durch einen technischen Fehler eine frühe Fassung des Artikels veröffentlicht. Wir präsentieren Ihnen an dieser Stelle in zwei Teilen die aktuelle und von den Interviewpartnern freigegebene Version. Wir bitten um Entschuldigung.

DoP Christopher Rowe konzentriert beim Einrichten der Kamera.
Foto: Tobias Mennle
DoP Christopher Rowe konzentriert beim Einrichten der Kamera.

Der 2016er Test

Dass der Test unter dem Schirm der AG DOK stattfand, findet Kameramann Rowe spannend. So würden auch Regisseure angesprochen und das Thema bewege sich aus der eher technischen Diskussion unter Kameraleuten heraus in kreative und ästhetische Bereiche.

Im Fokus standen die aktuellen Top-Geräte aus allen Preisklassen, die dem Team in Gewicht und Formfaktor für dokumentarisches Arbeiten geeignet erscheinen. „Während vor zwei Jahren eine DSLR und zwei Camcorder am Vergleich teilnahmen, schlossen wir diese Geräte jetzt vom Test aus, mit der Absicht, Bildqualität zu priorisieren. Minderwertige Codecs, fehlende logarithmische Aufzeichnung und Kameras ohne Wechselobjektive waren Ausschlusskriterien“, begründet Felix Trolldenier die Geräteauswahl. So nahmen von einer High-End-Kamera, wie der Amira, über Fotoapparate wie die Sony α7S II bis zum Einsteigergerät Blackmagic Pocket Cinema Camera, ganz verschiedene Geräte am Test teil.

„Die günstigsten Geräte in der Auswahl können verschiedene Zwecke erfüllen: Die Blackmagic Pocket, α6300/6500 oder α7S II können als Recherchekamera dienen, als B- oder C-Kamera mit der Produktionskamera kombiniert werden, oder zum Dreh von Langfilme eingesetzt werden. In der gegenwärtigen Entwicklung zeigt sich immer mehr, dass, günstige Lichtbedingungen vorausgesetzt, eine 1000 Euro-Kamera in der Postproduktion an eine zehnmal teurere angeglichen werden kann, ohne daß anschliessend selbst Coloristen oder Kameraleute die Geräte identifizieren können“ ist sich Trolldenier sicher.

Zielstellung des Tests war es, einen Überblick über Hauttonwiedergabe, Color Science im Allgemeinen, Kontrastumfang, Auflösung und die Leistung bei wenig Licht zu erlangen. Bildqualität, Farbkorrekturmöglichkeiten und Handhabung der eingesetzten Geräte sollten verglichen werden. „Ebenfalls untersucht werden sollten die Vorteile der noch nicht allgemein bekannten „Expose To The Right“-Belichtungsmethode (ETTR), und die Bildqualität von Zeitlupen und Aliasing bei 2k und 4k Aufnahmen“, ergänzt Colorist Felix Trolldenier.

„Wir wollten mit dem Test einen systematischen Überblick über verschiedene Kameratypen geben“ erklärt Rowe und fährt fort: „Wenn ein Projekt ansteht, fehlt dem Kameramann oft die Zeit und die Möglichkeit, alle in Frage kommenden Geräte bis zur Farbkorrektur selbst zu testen. Unsere Ergebnisse können die Grundlage für eine Vorauswahl bieten.“

Die Operatoren sollten möglichst ihre eigenen Geräte mitbringen. Andere Typen wurden kostenfrei von Verleihern und Herstellern beigestellt. Drei Cine Prime EF-mount Festbrenweiten steuerte Canon bei, die Blackmagics mit kleineren Sensoren (BMCC und BMPCC) wurden mit Voigtländer Nokton Objektiven ausgestattet. Für die Kameras, die nicht über interne ND-Filter verfügen, wurden IR-Cut ND-Filter verwendet.

Für das Tag/Außen-Motiv wählte Rowe einen schattigen Teil des Berliner Treptower Parks, am Ufer der Spree, mit Blick auf Wasser und Himmel. „Eine wesentliche Herausforderung war es, hintereinander miteinander vergleichbare Bilder bei natürlichen Lichtverhältnissen zu drehen“ berichtet Rowe. „Wir mussten uns im Voraus auf einen Tag festlegen, an dem alle Beteiligten Zeit haben und an dem auch noch die gesponserten Geräte zur Verfügung stehen würden – da konnten wir nicht auch noch Rücksicht auf das Wetter nehmen!“ Sein Albtraum war Sonne mit vorbeiziehenden Wolken, sein Wunschtraum konstante Sonne. Der Drehort war so gewählt, dass die Sonne, falls vorhanden, als Seitenlicht durch die Bäume gefiltert auf das Modell fallen würde.

Tagdreh bei diesigem, kühlem Wetter in Berlin
Foto: Tobias Mennle
Tagdreh bei “perfekt bedecktem Tag, an dem sich das Licht kaum änderte”.

Am Testtag selbst war der Himmel dann gleichmäßig bedeckt. „Eigentlich ideal, was die Vergleichbarkeit der Bilder angeht, aber keine große Herausforderung für die Kameras in Bezug auf den Kontrast“ erinnert sich Rowe.

Bei der Tag/Außen-Einstellung lag das Hauptaugenmerk auf der Hauttonwiedergabe bei natürlichem Tageslicht sowie dem Kontrastumfang. Die Parameter Entfernung, Blende und (mit Ausnahme der BMPCC und der BMCC) Brennweite waren für alle Kameras gleich. „Dies führte zwangsläufig, durch die Unterschiede in der Sensorgröße, zu unterschiedlichen Bildausschnitten, selbst zwischen den verschiedenen S-35 Sensoren, erlaubte aber einen aussagekräftigen Vergleich des Bildeindrucks unter möglichst gleichen Bedingungen“ merkt Rowe an.

Die einseitige Abdeckung des Himmels durch die Bäume ließ einen natürlichen Kontrastunterschied auf den Gesichtshälften des Modells entstehen. Dieser wurde mit „negative fill“ mittels einer großen Fahne verstärkt. So machte man das Beste aus dem relativ gleichmässigen Licht.

Der Kontrastumfang im Gesicht betrug knapp 3 Blenden, der Himmel im Hintergrund lag weitere 2 2/3 Blenden darüber. Die Arbeitsblende für den ersten Take wurde von Rowe mit einem Sekonic L558 Cine ermittelt, bezogen auf die vom Hersteller angegebene native Empfindlichkeit; bei den meisten Kameras im Test waren dies 800 ISO. Damit die optische Wirkung der Tiefenschärfe gleich blieb, wurde bei allen Kameras mit einer 2.8 gedreht. Die Belichtung wurde mit ND-Filter und Shutter angepasst.

Beim zweiten Take ging es darum, als Vergleich zu der „Normalbelichtung“, ein Bild mit optimaler Belichtung laut ETTR-Methode zu drehen. Für Rowe war es wichtig „nur die Bordmittel der jeweiligen Kameras wie Histogramm, Waveform oder Zebra zu benutzen und keine externen Messgeräte“. Beim Dokfilm-Dreh habe man schließlich meistens auch keinen DIT an der Seite und müsse die (in manchen Lichtsituationen oft wechselnde) Belichtung schnell und nur mit Hilfe der Sucheranzeigen korrekt einstellen können. So sollte der Praxisbezug des Tests gewahrt bleiben.

Die Belichtung wurde so eingestellt, dass der Himmel als hellster Bildinhalt im Waveform kurz unter 100% lag, oder, bei Kameras ohne Waveformanzeige das Histogramm kurz vor dem rechten Rand der Anzeige endet. Daraus ergab sich eine Belichtung zwischen null und zwei Blenden über der Normalbelichtung und zeigte, wie unterschiedlich der Belichtungsspielraum der verschiedenen Sensoren in den Lichtern ist.

Jeder Durchlauf dauerte etwa zwei Stunden. „Mögliche Lichtschwankungen mussten wir dabei in Kauf nehmen, doch ich habe mit dem Belichtungsmesser dauernd nachgemessen und das Licht blieb ziemlich konstant “ freut sich Christopher Rowe noch nachträglich.

Abends traf sich das Team in der Friedrichstraße, um bei vorhandener Straßenbeleuchtung die Grenzen der Kameras im Low-Light zu testen.

„Der Nieselregen machte die Arbeit nicht gerade angenehm“ erzählt Rowe, „aber die Struktur von feinen Tropfen im Gegenlicht erwies sich als sehr aussagekräftiges Testmotiv.“

Der spannendste Teil des Vergleichs fand ein paar Wochen später in Trolldeniers Studio in Berlin Friedrichshain statt. Die einzelnen Sequenzen wurden von den Teilnehmern im Blindtest, lediglich mit Nummer versehen, gemeinsam gesichtet.

Auf den ersten Blick sind für den Beobachter, bei den am Tag entstandenen Bildern, Unterschiede schwer zu erkennen. Erst als Trolldenier erläutert, dass für manche Sequenzen nur geringe Manipulation genügen, um ein ansprechendes Bild auf die Leinwand zu bringen, während andere Sequenzen intensiver bearbeitet werden mussten, werden die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Kameras deutlicher.

„So tiefen Einblick in diesen Prozess haben Kameraleute nicht oft“ merkt Rowe an. „Beim Grading ist die Zeit im Studio begrenzt. Hier aber konnten wir so lange vergleichen, verändern und Fragen stellen wie wir wollten.“

Zeit ist ein kritischer Faktor, wenn elf Kameras je zweimal drankommen müssen.
Foto: Tobias Mennle
Zeit ist ein kritischer Faktor, wenn elf Kameras je zweimal drankommen müssen.

Beim ETTR-Test stellte sich heraus, dass selbst die hochwertigsten Kameras von der Methode profitieren – die „überbelichteten“ Bilder sind deutlich rauschärmer. Nur bei der Ursa Mini waren in der ETTR-Aufnahme Magenta Flecken in den stark belichteten Hauttönen zu beobachten, die in der „normalen“ Belichtung nicht zu sehen waren.

Im Low-Light Test zeigte sich deutlich, welche Kameras für Nachtaufnahmen mit wenig Licht besser geeignet sind. Neben dem als „ISO-Wunder“ bekannten Sony α7S II konnten die Canon C300 Mk II überzeugen und die Varicam LT, die als Alleinstellungsmerkmal eine zweite native ISO von 5000 aufweist. Der Nieselregen machte vor allem den Kameras zu schaffen, die mit stark komprimierenden, H.264-basierten Interframe-Codecs arbeiten – Blockartefakte waren deutlich zu erkennen.

Die Ergebnisse

Resultat des Tests war nicht eine Hitliste der besten Geräte. Dazu seien die getesteten Typen zu unterschiedlich gewesen. Auf der AG Dok-Website findet man, neben Links zu den farbkorrigierten Videos und der Möglichkeit, unbearbeitete DPX-Frames herunterzuladen eine Beurteilung jeder einzelne Kamera mit Hinweisen auf praxisrelevante Stärken und Schwächen.

Das Ergebnis, so Felix Trolldenier, läßt sich nicht plakativ zusammenfassen, „jede Produktion hat individuelle Ansprüche bzgl. Funktion, Workflow und Budget. Aber im Hinblick auf die Qualität und Bearbeitbarkeit der Bilder, Eigenheiten der Codecs und Einfachheit der Workflows, kann jeder aus unseren Erfahrungen seine eigene Schlüsse ziehen“, bilanziert der Colorist. Gunter Becker


Vorschlag für einen Seitenbalken zum Thema ETTR (von Felix Trolldenier und Christopher Rowe)

Jede Kamera produziert ein Eigenrauschen. Offensichtliches Rauschen zeigt sich bei höheren ISO Werten oder unterbelichteten und nachträglich aufgehellten Aufnahmen. Schon bei normaler Belichtung kann unterschwelliges Rauschen in Schattenpartien auftreten. Das Aufzeichnen eines starken Signals wirkt dem entgegen, indem der Abstand von Signal zum Grundrauschen (SNR, signal-to-noise ratio) optimiert wird.

Mit der Methode ETTR (Expose To The Right) wird der Belichtungsspielraum ausgenutzt, um das SNR zu verbessern. Bildinformationen werden möglichst weit nach rechts im Histogramm geschoben, ohne das Signal zu clippen. Im Gegensatz zu der „klassischen“ Belichtung, bei der die Lichtwerte möglichst gelichmäßig um den Mittelpunkt der Übertragungskurve verteilt werden wird versucht, möglichst viel Licht zu sammeln, um den Abstand zwischen den dunkelsten relevanten Bildinformation und dem Grundrauschen des Sensors zu vergrößern. Dabei verringert sich die effektive Empfindlichkeit je nach Motivkontrast und Sensoreigenschaften um bis zu 2 Blenden.

Die Methode wird Filmerfahrenen Kameraleuten bekannt vorkommen – schon beim Farbnegativ wurde eine gezielte Überbelichtung genutzt, um mit einem „dichten“ Negativ die Körnigkeit zu reduzieren.

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