Die Entstehung von „Club Europa“

Mit dem Treatment in den Dreh (2/2)

Hier der zweite Teil unseres Berichtes zur Entstehung von “Club Europa”. Der Film von Studenten der Filmakademie Ludwigsburg zeigt die Geschichte eines Flüchtlings in Berlin.

Foto: Produktion / FABW
Eine Schlüsselszene mit extremer Beleuchtungssituation. DoP Stefanie Reinhard mit ARRI Alexa.

Lichtverlauf und Farbentwicklung

„Wir wollten innen eine subjektive Handkamera, die sich an den Emotionen der Figuren orientiert,“ berichtet Stefanie Reinhard. „Beim Dreh selbst war die wichtigste Regel, einen Nenner mit der Regie zu haben, und mit Emotion und Rhythmus mit den Schauspielern zu gehen.“

Die Bewegungen der Kamera außen sollten zu denen der Kamera innen einen Kontrast bilden, daher entschied man sich für einen Dreh per Gimbal. Hier kam die Sony PMW-F55 zum Tragen, die in den DJI Ronin montiert wurde. Dies allein nur, weil die Alexa zu schwer für den Gimbal war.

In der Vorbereitung hatte man sich auf die Entwicklung von Moods geeinigt, die sich über den Film hinweg ändern, passend zur Dramaturgie. Jeder Figur wurden Farbpaletten zugeordnet, diese flossen in Kostüm und Szenenbild ein. Das Art Department kam aus Berlin und erarbeitete intensiv mit den Ludwigsburger Filmemachern, wie sich Berlin anfühlt, und das im Zusammenhang mit der erzählten Geschichte.

„Wir haben versucht, einen warmen Raum zu erzählen, bis in der Filmmitte der Brief kommt. Ab dann wird es immer kühler“, erklärt Fanziska M. Hoenisch das Konzept, und Stefanie Reinhard fügt an: „Warme Inseln in der kalten Außenwelt, die Stück für Stück an Wärme verlieren. Kühle Highlights schon zu Beginn deuten diesen späteren Verlauf an. Ein dramaturgischer Lichtverlaufwechsel hin zur Darstellung einer härteren und düsteren Welt sowie eine eigene Farbentwicklung innerhalb der Figuren sowie auch in der Gesamtstimmung des Filmes war mir sehr wichtig.“

Foto: Produktion / FABW
Nicht nur Filmstudenten kennen das Arbeiten in luftigen Höhen nur zu gut.

„Geprobt wurde in Berlin selbst, an öffentlichen Orten in der Stadt, und auch in der Filmvilla. Szenen wurden nicht geprobt, lediglich die Konstellationen der Figuren zueinander. Bis zum ‘Bitte’ gab es da diese gute Anspannung,“ berichtet Franziska M. Hoenisch von den zwei Wochen direkt vor dem Drehbeginn, „aber die Anschlüsse und Motivationen waren geprobt. Wir sind mit dem Treatment in den Dreh gegangen, wir haben keine ausgeschriebenen Dialoge.“

Geeinigt hatte man sich auf ein Seitenverhältnis von 1,66 zu 1, aus gestalterischen Erwägungen: „Die Wohnung ist eine Metapher für Europa, wie groß ist der Lebensraum, wie stelle ich ihn dar? 1,66 ist schmaler als 1,85 und 2,35, aber dem goldenen Schnitt am nächsten. “Das hat mir damit die Gelegenheit gegeben, mit Kadragen und Gegenüberstellungen und dynamischen offenen Kompositionen zu arbeiten,“ erklärt DoP Stefanie Reinhard.

Die Gegensätze in Europa werden somit beispielhaft auch in der WG spürbar. Wenn die Schauspieler ihre Szenen improvisieren, muss das auch die Kamera: „Wir haben viel vorbereitet, zum Beispiel welcher Rhythmus, welche Stimmung transportiert werden soll, aber es gab keine Shotlist. Daher kam bei jedem einzelnen Bild die Frage der Kadrage auf. Für wen ist gerade Platz, für wen ist kein Platz“, so Reinhard. „Und vor allem: ‚Wer steht zu wem wie?’ Diese Beziehungen verändern sich ja im Laufe des Films, in ein Vorher-Nachher, wenn dieser Brief kommt“, ergänzt Regisseurin Franziska M. Hoenisch.

Internationales Team

Besonders interessant sei die Entwicklung rund um die Leute, die an diesem Projekt beteiligt seien, sagt Franziska M. Hoenisch: „Die Leute, die da arbeiten, bekennen alle Farbe zur Problematik. Wir hatten ein internationales Team aus allen Ecken der Welt. Kolumbien, Serbien, Schweiz, Neuseeland, Holland und so weiter. Im Cast wie im Team gab es verschiedene Sprachen. Die Setsprachen waren deutsch, englisch und französisch, auch haben wir in drei Sprachen inszeniert, was einen teilweise an die Grenzen führt. Als Team mussten wir uns verstehen und lesen lernen. Dann haben wir serbische Weihnachten gefeiert, was mit dazu beigetragen hat, dass wir eine echt schöne Stimmung hatten in unserem Team. Manche waren sogar selbst von so einem Status betroffen und wollten mitmachen, weil es auch ihre Geschichte war.“

Foto: Produktion / FABW
Die Filmvilla Potsdam.

Tatsächlich hat auch Hauptdarsteller Richard Fouofié Djimeli eine Flucht hinter sich. Er ist selbst Filmemacher, sein Film „139 … Les derniers prédateurs“ gefiel jemand Einflussreichem nicht, er wurde daraufhin gefangengenommen und gefoltert, und floh schließlich über den Seeweg nach Spanien.

Solch ein Schicksal nachvollziehen kann man natürlich nicht einfach so, doch wenn das Filmteam aus Süddeutschland in Berlin bei diversen Familien in ungenutzten Kinderzimmern und auf Gästebetten diverser Gastgeber unterkommt, wenn Unternehmen Technik, Catering und Heizkanonen stellen, um den Film möglich zu machen, dann entbehrt das nicht einer gewissen Parallele zum wirklichen „Club Europa“.

Foto: MOP/Sebastian Woithe
PREIS FÜR DEN GESELLSCHAFTLICH RELEVANTEN FILM “CLUB EUROPA” von Franziska M. Hoenisch

Ende Januar erfuhr das Team um Regisseurin Franziska M. Hoenisch eine der schönsten Ehrungen für so ein ambitioniertes Projekt. “Club Europa” wurde auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2017 mit dem “Preis für den gesellschaftlich relevanten Film” ausgezeichnet. Die Jury bestand aus Produzent und Musiker Florian Koerner von Gustorf, Filmeditorin Karina Ressler, Regisseur und Autor Stephan Richter, Schauspielerin Andrea Sawatzki und Regisseur Sven Taddicken. In der Begründung der Jury hieß es: “In dem Augenblick, in dem wir jemanden in unserer Intimsphäre zulassen, beginnt die wahre Auseinandersetzung.” Es bliebt zu hoffen, dass der Film jenseits des Festivalpublikums eine Chance bekommt, dem Kinopublikum zugängig gemacht zu werden. Denn die Debatte über das miteinander leben, über Integration und vor allem über die Rolle Europas in der Problematik wird immer wichtiger.

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