Die Übung zur Geiselnahme wird heftig

Kriegs- und Krisenberichterstattung: Ein Report

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Kann man sich auf den Einsatz in einem Krisen- oder Kriegsgebiet wirklich vorbereiten? Natürlich nur bedingt, so wie ein Erste-Hilfe-Kurs einen auch nicht wirklich auf einen schlimmen Unfall vorbereitet. Aber man hat dann wenigstens Grund­lagen und ein Gerüst, an dem man sich orientieren kann. Unser Autor Ian Umlauff hat am Lehrgang SCHUTZ UND VERHALTEN IN KRISENREGIONEN beim Vereinte-Nationen-Ausbildungszentrum der Bundeswehr teilgenommen. Dass die fünf Tage auf dem Truppenübungsplatz in Hammelburg kein Spaziergang werden würden, war ihm klar. In der folgenden Reportage, beschreibt er seine Erfahrungen sehr eindrucksvoll.

Fünf Kilogramm Sprengstoff vom Typ PETN, keine 20 Meter entfernt. Für einen Moment scheint es, als würde die Druckwelle uns alle Luft aus den Lungen pressen. Die Detonation ist ohrenbetäubend, die Wucht so erschreckend – es ist geradezu einschüchternd, beklemmend. Und es ist kein Kino. Es ist echt! Hockte ich nicht in einem Graben hinter Betonwänden, ich würde diese Zeilen jetzt nicht schreiben.

Nein, wir sind nicht in Afghanistan. Wir befinden uns im unterfränkischen Hammelburg, rund 90 Kilometer östlich von Frankfurt am Main. Fünf Tage lang sollen hier dreizehn Journalisten auf den Einsatz in Krisen- oder Kriegsgebieten vorbereitet werden. Zusammen mit den anderen absolviere ich den Lehrgang Schutz und Verhalten in Krisenregionen, durchgeführt vom Vereinte-Nationen-Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Kooperation mit der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elek­tro Medienerzeugnisse (BG ETEM).

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Abschuss einer Panzerfaust. Bei einer Schieß- und Sprengdemonstration sollen die Journalisten einen Eindruck davon gewinnen, wie es ist, beschossen zu werden und Sprengungen zu erleben. Die Teilnehmer sollen abschätzen lernen, von wo aus und wohin geschossen wird und ob sie in Gefahr sind. (Foto: Ian Umlauff)

Fünf Kilogramm – das ist die Höchstmenge an Sprengstoff, die in Deutschland zu Übungszwecken gezündet werden darf, aber nur ein Bruchteil von dem, was bei vielen Autobomben hochgeht. So erklärt es uns Hauptfeldwebel Bischof (Name von der Redaktion geändert) an einem Autowrack, einem Haufen Blechfetzen, der kaum noch als Fahrzeug zu erkennen ist. Bischof, hoch gewachsen, mit kahl geschorenem Schädel und sanften, freundlichen Augen, klingt völlig unaufgeregt.

Er erläutert uns die Durchschlagkraft verschiedener Geschosse, die Wirkung von Explosionen. »Ballistic Threats« nennt sich dieses Ausbildungsthema im Dienst­plan. Mit ernsten Gesichtern hören wir zu. Es sind auch seine persönliche Erfahrungen aus dem Kosovo, aus Bosnien-Herzegowina und Afghanistan, die er da schildert. Ein Auto als Deckung? »Die Geschosse gehen vorne rein und hinten wieder raus«, erklärt Bischof. »Nicht mal der Motorblock bietet sicheren Schutz gegen den Beschuss eines Sturm- oder Maschinengewehrs.« Manchen von uns wird flau im Magen.

Das ist der Grund, warum Journalisten in Krisengebieten in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sein sollten, im Fachjargon Sonderschutzfahrzeuge genannt. Schutz­klasse VR7 wird dringend empfohlen für Kriegsgebiete. Und unsere modernen mitteleuropäischen Hauswände mit optimierter Wärmedämmwirkung? Der Schutz gegen Gewehrbeschuss wäre lächerlich gering. Und Holz? Je nach Baumart müsse der Stamm schon mindestens 60 Zentimeter dick sein, um Schutz vor den Geschossen einer Kalashnikov zu bieten. Und trocken sollte er sein. Feuchtigkeit im Holz wirke als Schmiermittel, lasse die Geschosse noch leichter durchdringen.

»Sehen Sie hier einen Baum, der ausreichend Schutz böte?«, will Bischof wissen. Vielleicht 200 Meter entfernt liegt der Waldrand, aber alle Bäume dort wirken plötzlich erschreckend mickrig. Bis zum Horizont erspähen wir gerade mal zwei Bäume mit Schulterbreite. Ein Weltklassesprinter bräuchte mindesten 30 Sekunden dorthin. Betretene Gesichter. Aber Bischof weiß Rat: Sollten wir gerade in einem Bergdorf in Afghanistan sein, könnten wir uns in eines der Häuser der Einheimischen verkriechen. Deren dicke Wände, gemauert mit Ziegeln aus getrocknetem Lehm, Steinchen und Pflanzenfasern wirke wie ein moderner Verbundwerkstoff. Geschosse hätten da nur wenig Chancen, dafür aber wir.

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Beim Journalistenlehrgang im VN Ausbildungszentrum in Hammelburg erklärt ein Hauptfeldwebel den Journalisten, wo sie am besten Schutz suchen können, wenn sie in einem Gebäude beschossen werden. (Foto: Ian Umlauff)

Acht bis 13 Lehrgänge für Journalisten führt das VN Ausbildungszentrum in Hammelburg pro Jahr durch. Außer Journalisten drücken im VN Ausbildungszentrum der Bundeswehr- Infanterieschule des Heeres auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und künftige Blauhelmsoldaten die Schulbank, insgesamt bis zu 16.000 pro Jahr, darunter rund 200 Journali­sten. »Die Ausbildung ist extrem aufwendig«, erklärt Lehrgangsleiter Oberstleutnant Volker Dewenter.

Alleine die Demonstration von scharf schießenden Waffen und echten Explosionen kostet rund 10.000 Euro an Material. Die Teilnehmer sollen einen Eindruck gewinnen, wie es sich anfühlt, wenn in der Nähe eine Maschinenpistole abgefeuert wird, ein Sturmgewehr, ein MG, eine Granatmaschinenwaffe oder in zwei Meter Entfernung eine Panzerfaust. Kostenpunkt: 1.800 Euro pro Übungs­geschoss. Welche Art Waffe schießt da? Großes oder kleines Kaliber? Von wo und in welche Richtung? Bin ich in Gefahr?

Weil Platzpatronen sich anders anhören als scharfe Munition, wird hier scharf geschossen. Scharfe Munition erzeugt nach dem Abfeuern einen zweiten Knall, wenn das Geschoss die Schallmauer durchbricht, und eventuell einen dritten beim Einschlag. Alleine das klingt schon wie ein mehrfaches Echo. Genau dafür will man uns ein Gefühl vermitteln. Mit Überschallgeschwindigkeit jagen Geschosse nah an uns Journalisten vorbei. Schon jetzt hat die Ausbildung der Tage zuvor gefruchtet. Spätestens als alle Waffen gleichzeitig über uns hinweg und an uns vorbei feuern, will man sich unweigerlich auf den Boden stürzen.

»Ist das nicht alles übertrieben?«, fragen manche, die Rollenspiele und Demonstrationen echter Waffen und Explosionen? Die Realität gibt Antwort: Am Freitag vor Lehrgangsbeginn wird in Syrien der Kriegsreporter James Foley, ein Kameramann, entführt. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe, das heißt nach 60 Tagen, ist er noch immer nicht wieder in Freiheit. Nur fünf Tage später, es ist der zweite Lehrgangstag, warnt eine Rundmail des Hamburger Journalistenzentrums vor den Gefahren beim Einsatz in Krisengebieten. Unmittelbarer Anlass: Im Gazastreifen sind wieder zwei Journalisten ums Leben gekommen – zwei Kameraleute.

Also: Der 3. Ausbildungstag. Thema: Geiselnahme. In Krisengebieten wie Afghanistan eine regelrechte Industrie – und sehr lukrativ. Ähnliches gilt für den Irak, aber auch für Mittel- und Südamerika sowie Teile des afrikanischen Kontinents. Wie laufen Geiselnahmen ab? Opfer sind meist Zivilisten, Mitarbeiter von NGOs. Und Journalisten. Wo liegen die Gefahren? Was tun, wenn es einen erwischt? Deeskalieren sei die Devise, erklären Dewenter und Truppenpsychologe Florian Nasterlack noch im warmen Unterrichtsraum. Die Ruhe bewahren, keine Aggressionen provozieren, mit den Kräften haushalten. Die Wahrheit sagen in allen Punkten, die die Geiselnehmer im Internet überprüfen können. Sich wertvoll machen. Journalisten sind wertvoll, genauso Geiseln mit Familie. Am besten man ist beides – je höher das mögliche Lösegeld, desto höher die Überlebenschancen. Man darf sich nicht verausgaben, muss dem Stress standhalten, der Angst. Entspannung sei das A und O. »Machen Sie sich klar:«, sagt Dewenter mehrmals, »Sie sind zwar eine Geisel, aber Sie sind noch am Leben!« Um Lösegeld zu bekommen, müssen die Geiseln am Leben bleiben. Das wüssten die Geiselnehmer ganz genau. Tot sei man wertlos.

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Überreste eines durch eine Autobombe zerstörten PKWs. Auch die Wirkung von Sprengstoff und Munition auf Fahrzeuge bekommen die Teilnehmer des Journalistenlehrgangs in Hammelburg erklärt. (Foto: Ian Umlauff)

Die Übung zur Geiselnahme werde heftig, deutet der ­Offizier vage an. Sie ist der Höhe­punkt des Lehrganges. Hier sollen wir alles einsetzen, was wir gelernt haben. Wenn sie über unserer Kräfte gehe, sollten wir unseren Entführern das Wort »Exit!« zuflüstern, am besten dreimal. Dann sei der Spuk für uns vorbei. Schämen bräuchten wir uns dafür nicht. »Wir wollen niemanden traumatisieren!«, betont der Offizier. Selbst wenn wir aus der Übung ausstiegen, hätten wir schon eine ganze Menge gelernt, vor allem über uns selbst. Stunden später. Bei ständigem Nieselregen haben wir eine irreguläre Straßensperre hinter uns gebracht, eine gute Gelegenheit für eine Geiselnahme. Nichts.

Danach ein regulärer Checkpoint. Keine bandenartige Miliz, sondern reguläre Truppen hinter Betonbarrikaden, einheitlich bewaffnet und uniformiert, barsch im Auftreten, aber diszipliniert. Man will uns gerade weiterfahren lassen, wir entspannen uns wieder, da krachen Schüsse. Reflexartig finden wir uns auf dem Boden. Ein heftiges Feuergefecht bricht los, lässt uns im Straßengraben Schutz suchen. Sekunden später ist das hämmernde Stakkato der automatischen Waffen verhallt, laufen die Soldaten hektisch hin und her, auf Russisch wütende Befehle brüllend. Verwundete schreien. Wieder Schüsse. Mit vorgehaltener Waffe und in gebrochenem Englisch zwingen uns die Soldaten, ihren Verwundeten Erste Hilfe zu leisten. Jeder Westler habe umfassende medizinische Kenntnisse, glaubt man offensichtlich auch hier. Stress- und Adrenalinpegel sind hoch, es herrscht totales Durcheinander.

Einer der Verwundeten hat eine große Bauchverletzung. Gedärme hängen heraus. Plötzlich ein Pfiff. Die Übung ist zu Ende. Ich nehme meine Hand weg von der Bauchwunde aus Plastik, helfe dem »Schwerverletzten« auf die Beine. Dankend lächelt der junge Bundeswehrsoldat mich an. Das Rollenspiel war furchteinflößend realistisch, auch ohne Filmblut. In solchen Situationen sofort in Deckung, raus aus der Schusslinie und zurückziehen, hatten wir im theoretischen Unterricht gelernt. Hier aber sah jetzt wieder alles ganz anders aus.

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Beim Lehrgang in Hammelburg werden Journalisten unter Feuer genommen. Sich hinwerfen, orientieren, noch bessere Deckung suchen, heißt es in solchen Momenten. (Foto: Ian Umlauff)

Funktioniert das Gelernte überhaupt? »Jede Situation ist anders«, erinnert uns Hauptfeldwebel Griech (Name von der Redaktion geändert), »wir können Ihnen nur Handlungsleitlinien geben.« Klare Verhaltensmaßregeln gebe es nur in wenigen Fällen. Stattdessen sollen wir ein Gespür dafür entwickeln, wie komplex die Situationen in Krisengebieten sein können, ein Gefühl, welches Verhalten das Richtige sein könnte. Schließlich können wir weiterfahren, drei Kleinbusse mit Journalisten hintereinander, jeder mit deutlich sichtbarer Beschilderung: Presse! Wir sind unbewaffnet!

Die Sonne ist bereits untergegangen, als wir auf offener Straße immer langsamer werden, schließlich zum Stehen kommen. Wir sitzen im hintersten Fahrzeug, diskutieren gerade mögliche Gründe für den Stopp, da tauchen neben unserem Bus Maskierte auf, wedeln herum mit Kalashnikovs. Laut brüllend reißen sie die Fahrzeug­türen auf, zerren uns aus den Autos. »Das ist die Entführung!«, denke ich. Jetzt bloß nichts Falsches tun! Dann aber, ehe wir es uns versehen, brausen unsere Kleinbusse davon, ohne uns. Mit unserer Ausrüstung stehen wir allein im Dunkeln mitten auf der Straße. Der Bande ging es nur um die Autos, nicht um uns.

Wie aus dem Nichts steht auch Hauptfeldwebel Bischof wieder neben uns, erklärt aber gleich: »Ich bin gar nicht da. Ich bin nur hier, um Ihre Sicherheit bei dieser Übung zu gewährleisten. Alleine und nachts dürfen Sie sich auf dem Truppenübungsplatz nicht bewegen.« Reflektierende Warnschilder und Armbinden knotet er uns um, dazu orange Warnleuchten. Dann verstummt er, verschränkt die Arme und grinst bedeutungsvoll. Wie gelernt, bestimmen wir einen Anführer für unsere Gruppe. Einen Kompass zu benutzen, wird für unnötig befunden, obwohl es mittlerweile stockdunkel ist. Wir ziehen los. Nach einer Weile hat eine Kollegin Schwierigkeiten beim Laufen. Wir nehmen ihr das Gepäck ab, lassen sie das Tempo bestimmen, werden immer langsamer. Weil sie ganz hinten geht, kommen immer wieder laute Rufe von vorne: »Tempo o.k.?« Ein Höllenspektakel! Grelle Taschenlampen leuchten wild hin und her. Die »Übungskünstlichkeit« mit den orangefarbenen Warnleuchten verstehen wohl einige von uns falsch. Möglichst schnell und unauffällig, am besten unsichtbar und lautlos sollten wir versuchen, unser Ziel zu erreichen. Was wir aber tun, ist das Gegenteil. Eine lärmende Grundschulklasse bei der Nachtwanderung, kommt es mir in den Sinn, krakeelende Feuermelder! Hallo, Hinterhalt, hier sind wir!

Vorhandene Sachkenntnisse zusammenzubringen klappt nicht immer, erklärt uns Bischof später. Ein Anführer sollte die Kompetenzen der anderen nutzen, sagt er uns, und dass wir an keinem Heckenschützen ungeschoren vorbeigekommen wären, so laut und hell erleuchtet, wie wir herumgelaufen sind. Unser Weg führt quer durch Bonnland, dem Übungsdorf mitten auf dem 4.000 Hektar großen Truppenübungsplatz. Im Übungsszenario gehört es zu Nordrhönland, einer der kriegführenden Parteien, und ist uns Journalisten potentiell feindlich gesinnt. Trotzdem sollen wir da durch, bestätigt Bischof. Wieder machen wir diverses falsch, versammeln uns mitten auf der Straße, deutlich sichtbar unter der einzig funktionierenden Straßenlaterne im Ort, laut debattierend, wohin es nun weiter­gehen soll. Schließlich, nach nur fünfeinhalb Kilometern Fußmarsch, erreichen wir ein »Hotel«. Vielen von uns kam der Fußmarsch viel länger vor. Mobile Truppenküche, Feldbetten, vor Türen und Fenster genagelte Wolldecken. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr erwarten wir geradezu den »Zugriff«, Phase 1 der Entführung, wie wir gelernt haben. Die Übungskünstlichkeit lässt erneut grüßen.

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In zahlreichen Krisen- und Kriegsgebieten zählen Geiselnahmen, hier eine nachgestellte Szene, zu den größten Gefahren für Journalisten. In Journalistenlehrgängen zählen sie daher zum festen Ausbildungsprogramm. (Foto: Ian Umlauff)

Aber sie lässt auf sich warten, die Phase 1. Bis zum nächsten Morgen, als das »Hotel« von schwerbewaffneten Maskierten gestürmt wird. Im größten Raum werden wir hastig zusammengepfercht, bekommen die Augen verbunden. Jetzt beginnt es also, unser kleines Martyrium. Wir werden herumgestoßen, in einen Bus verfrachtet, herumgekurvt. Phase 2. So sehr wir uns auch bemühen, die Orientierung ist unweigerlich verloren. Am Ziel angekommen, die Augen noch immer verbunden, werden wir unwirsch durchsucht, dann ungeduldig in einen großen Raum bugsiert. Phase 3. Drangsalierung, Schikanen, Einschüchterungen, Angst einflößende Verhöre in grollend- gebrochenem Englisch, qualvolle Zwangshaltungen bis zur völligen Erschöpfung. Stunden-, tage-, wochenlang?

»Dies ist nur eine Übung!«, schießt es mir durch den Kopf, als es zu arg wird. Geschlagen, zu Boden geworfen, mit Wasser übergossen werden wir nicht. Die Geiselnehmer fassen mich zu vorsichtig an, als sie mich irgendwohin führen, finde ich. Ein Trost, den es im Ernstfall nicht gäbe. Dann versuche ich, mich wieder darauf einzulassen, sie zu vergessen, die Übungskünstlichkeit. Auch die Übung ist schon schlimm genug. Nicht irgendwann »Exit« zu flüstern, wird zum Kampf gegen mich selbst. Mit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen stehe ich weit nach vorne an einen Pfosten gelehnt, versuche mich ruhig und für die Entführer unauffällig zu verhalten, während Kollegen brutal drangsaliert werden. Die Schmerzen in Beinen und Oberarmen sind schier unerträglich.

Meine Zunge klebt am Gaumen. Mir kommt die im Unterricht besprochene Entspannungstechnik in den Sinn. Tatsächlich, sie bringt etwas Erleichterung. Wir könnten uns auch aus dem Entführungsgeschehen wegträumen, hatte uns der Truppenpsychologe erklärt. Schwierig, wenn man ständig auf die Entführer hören muss. Auf die Ansprache in gebrochenem Englisch falsch oder gar nicht zu reagieren, würde alles nur noch verschlimmern. Wie lange stehe ich schon so? Arme und Beine beben vor Schmerzen. Meine Hände fühle ich längst nicht mehr. Bloß keine sichtbare Bewegung machen, nicht die Aufmerksamkeit auf mich ziehen! Ein- und Ausatmen. Wie lange geht das schon so? Ist es noch Vormittag? Sicher bin ich mir nicht mehr. Bestimmt sind es schon Stunden, die ich praktisch blind bin. Ein- und Ausatmen. Die Entführer haben sich eine der Frauen vorgenommen. Sie wimmert, schluchzt. Wo endet Drangsalierung, wo beginnt Folter? Abwechselnd spanne ich die Muskeln an, um sie dann einen kurzen Moment besser entspannen zu können. Die Frau schluchzt immer jämmerlicher. Ob ihr das hilft? Alles in mir verkrampft sich. Ein- und Ausatmen, Ein- und Ausatmen.

Als er kommt, der Pfiff, ist das völlig unerwartet. »So, dies ist nun das Übungsende!«, lässt sich Oberstleutnant Dewenter laut und deutlich vernehmen – und auf Deutsch. »Lassen Sie die Augen noch einen Moment verbunden, aber nehmen Sie schon mal eine bequemere Körperhaltung ein.« Endlich! Ich hole tief Luft, richte mich langsam und wankend auf. Ich lasse den Kopf kreisen, um den Hals zu entkrampfen, schüttele die Arme aus. Nur langsam weichen die Schmerzen, fühle ich wieder meine Hände. Schließlich traue ich mich und nehme die Verdunkelungsbrille ab. Wie lange hätte ich das noch durchgehalten, bevor ich zu Boden gegangen wäre? Was hätten die Entführer dann mit mir oder den anderen gemacht? Meine Augen gewöhnen sich erstaunlich schnell wieder an das Licht. Im Kreis hocken wir »Entführungsopfer« auf dem Boden einer alten, feuchten Baracke. Die »Entführer« sind dieselben jungen Bundeswehrsoldaten, die auch die letzten Tage als Rollenspieler an unserer Ausbildung beteiligt gewesen sind.

Außerdem sechs Sicherheitsoffiziere, die überwacht haben, dass wir die Zwangshaltungen nicht länger aushalten mussten als erlaubt. Auch zwei Sanitäter standen bereit. Sie haben uns ständig beobachtet, bei manchen den Puls geprüft und, wo nötig, unbemerkt Erleichte­rungen angeordnet. Niemand sollte einen Kreislaufkollaps erleiden oder Schlimmeres. Insgesamt rund 40 Bundeswehrangehörige zur Ausbildung von 13 Journalisten. Schließlich noch eine Truppenpsychologin, die uns verständnisvoll und ein bisschen mitleidig anlächelt. Auch sie hat die Übung überwacht. Aber niemand ist völlig zusammengeklappt, so dass er aus der Übung »herausgenommen« werden musste. Nur einer hat gleich zu Anfang »Exit« gesagt. Stark erkältet sollte man besser nicht sein, wenn man entführt wird. Anstrengung und Erleichterung stehen uns Journalisten ins Gesicht geschrieben.

Wir sind dankbar, dass es vorbei ist, vielleicht auch ein bisschen stolz. Das Erlebnis dieser fünf Tage hat uns verändert. Ihr sei klar geworden, »wie naiv und leichtsinnig« sie vielleicht manchmal gewesen sei, sagt eine Kollegin, obwohl sie schon lange in einem Krisengebiet lebt und von dort berichtet. »Vier Stunden hat die ›Entführung‹ gedauert«, sagt Bischof, der auch hier wieder dabei war. Er hat einen der fiesen Vernehmer gespielt, Griech den anderen. Griechs Darstellung fanden seine Opfer besonders einschüchternd, geradezu Oscar-verdächtig. »Schwerstarbeit« sei das für sie beide, erklärt Bischof. Die Psychologen würden auch sie im Auge behalten, um sicherzustellen, dass sie nicht zu sehr in ihre fiese Rolle abdrifteten. »Bei Spezialkräften dauert die Übung bis zu 26 Stunden«, erklärt der Hauptfeldwebel. »Und da wird nicht so zimperlich vorgegangen.«

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