Brauchen wir, ähnlich wie 1962, einen neuen Aufbruch? Eine neue Filmlandschaft? Eine neue Art, Filme und Kino zu machen? Auf dem Foto: Alexander Kluge am 28. Februar 1962 in Oberhausen bei der Pressekonferenz nach der Veröffentlichung des Oberhausener Manifests.
Ende Februar 2012 fanden in München zwei Veranstaltungen zu Ehren der Unterzeichner des Oberhausener Manifests statt, als Auftakt diverser Veranstaltungen zum 50. Jahrestag seiner Veröffentlichung. Das Manifest wurde zwar in München von einer Gruppe von 26 jungen Filmemachern entwickelt und aufgeschrieben, die Veröffentlichung fand aber am 28.2.1962 im Rahmen der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage statt. Zu den Veranstaltungen im Filmmuseum München und in der Hochschule für Fernsehen und Film erschienen unter anderem neun von zehn noch lebenden Unterzeichnern sowie verschiedene Gäste zu einer Podiumsdiskussion. Wir haben hier einige der dort gemachten Aussagen und Kommentare festgehalten.

Bei der Sonntagsmatinee im Filmmuseum München zu Ehren der Unterzeichner des Oberhausener Manifests waren neun von zehn noch lebenden Unterzeichnern anwesend: Christian Doermer, Dieter Lemmel, Bernhard Dörries, Edgar Reitz, Rob Houwer, Hansjürgen Pohland, Wolfgang Urchs, Ronald Martini, Alexander Kluge (v.l.n.r.) mit Hilmar Hoffmann (ganz rechts), dem damaligen Leiter der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage. Foto: Georg Immich.
Oberhausen, Oberhausener Manifest, Filmschaffen und Filmschaffen in den frühen 1960er Jahren… Wie war das? Wie fühlte sich das an?
Hilmar Hoffmann (Kulturpolitiker und Gründer der Oberhausener Kurzfilmtage) zu der Frage, wie das Manifest nach Oberhausen kam:
«Das war mir ja bekannt, dass so etwas im Entstehen war, weil die Gruppe jedes Jahr in Oberhausen ihre Filme gezeigt hat. Weil Oberhausen damals das einzige internationale Forum war für Kurzfilme. Da hatte sich das schon angekündigt. Als es 1962 so weit war, habe ich Kluge und Reitz gesagt, ihr werdet dieses Manifest doch nicht in München vorstellen, sondern bei uns, weil wir euer Forum sind. Denn in Oberhausen war auch die internationale Presse, und so hatte das ein europaweites Echo.»
Rob Houwer (Produzent – Filme: MICHAEL KOHLHAAS – DER REBELL, TÜRKISCHE FRÜCHTE und viele andere) über den Begriff Autorenfilm:
«Das Wort Autorenfilm habe ich immer gehasst. Weil das setzt einen Anspruch voraus, als wenn ein Mensch einen Film machen würde. Dem ist nicht so. Es immer ein gemeinsames Produkt, bei dem letztendlich ein Regisseur mit der Beute weg geht. Wenn es ein Erfolg ist, ist er der große Mann. Wenn es ein Flop ist, sind es die anderen gewesen. Film ist immer eine Zusammenarbeit, aber sie muss von einem Geist bestimmt sein. Natürlich wollen die Regisseure sich das gerne an die Brust heften. Das hätten sie gerne so, aber das ist nicht die Realität.»

Michael Warner in DAVID KOHLHAAS – DER REBELL (1969; Regie: Volker Schlöndorf; Buch: Clement Biddle-Wood u. Volker Schlöndorff nach Heinrich von Kleist; Bild: Wily Kurant, AFC, ASC; Montage: Claus von Boro, 35 mm, 1:1,37, Farbe, 100 min). Foto: Columbia Filmgesellschaft/www.volkerschloendorff.com.
Wolfgang Urchs (Animationsfilmer, er selbst sieht sich als Hersteller von «grafischen Filmen» – Filme: ZEIT FÜR TRÄUMER, PETERCHENS MONDFAHRT und viele andere) über seine filmischen Anfänge nach dem Krieg:
«Ich bin in Kalkutta aufgewachsen, jede Woche ist unserer Mutter mit uns einmal ins Kinos gegangen. Da liefen dann immer Disney-Filme, die ‹silly symphonies›. Die haben meinen Bruder und mich so sehr beeindruckt, dass wir abends noch stundenlang über die Filme diskutierten, soweit das in diesem Alter möglich war. Da habe ich zu meinem Bruder gesagt, wenn wir groß sind, werden wir Zeichentrickfilme machen. Leider ist mein Bruder gefallen. Ich musste also allein durch die Wüste, die es damals war. Es gab ja nichts. Es gab kaum Bleistifte, keine Tusche, keine Folie, die unbedingt notwendig ist für einen Animationsfilm. Da sind wir mit einem Leiterwagen, ich wohnte damals in Solln, nach München in die Krankenhäuser und haben nach Röntgenbildern gesucht. Aufgestapelt und in den Leiterwagen gepackt, wieder zurück und dann von den Röntgenbildern die Schicht abgewaschen. Danach waren es richtige Folien, die man bearbeiten konnte. Darauf habe ich dann gezeichnet. So fing es an.»
Trailer zu Wolfgang Urchs’ PETERCHENS MONDFAHRT (1987 – 1990) im Kika:
Auf jeden Fall Aufbruch! Was brachte das mit sich?
Jutta Brückner (Regisseurin, Autorin, Produzentin – Filme: HUNGERJAHRE, EIN BLICK – UND DIE LIEBE BRICHT AUS und viele andere) darüber, woran sie beim Stichwort Oberhausener Manifest denkt:
«Wir haben uns das selbst erarbeiten müssen. Jeden Schritt. Kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Eine massive Wand, vor der wir gestanden haben. Die wenigsten waren an den Filmhochschulen. Alle hatten schon mal das Wort Oberhausen gehört. Ich wette, dass niemand das Manifest gelesen hatte. Das musste auch niemand, denn es war vollkommen klar, was damit verbunden war. Es war der Startschuss für ein Filmemachen, das im Extremfall hemmungslos subjektiv und doch gleichzeitig etwas zu sagen hatte. Und alle Frauen, die damals angefangen haben, hatten das ungeheure Bedürfnis, etwas aus ihrem eigenen Leben, aus ihrer Situation, zu den Bildern, mit denen sie leben mussten, zu sagen, und jetzt durften sie. Also insofern war Oberhausen für uns eine Existenzgrundlage. Ohne Oberhausen wäre gar nichts möglich gewesen.»

TUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND – DAS LEBEN DER GERDA SIEPENBRINK, ein Dokumentarfilm von Jutta Brückner (1975; Bild: Francisco Alcala-Toca; Montage: Jutta Brandstaedter; 16 mm, 1:1,37, schwarzweiß, 65 min). Foto: www.juttabrueckner.de.
Und heute?
Bernhard Dörries (Autor, Regisseur – STADLER, DAS ERBE DER WITTELSBACHER und vieles andere) über den Zeitpunkt der Ehrung:
«Die Berühmtheit oder wie man es auch nennen soll, liegt einzig auf den ersten Filmen, die sozusagen zum Manifest geführt haben oder das Manifest mitbegründet haben. Die Ehrung, die hier stattfindet, kommt meines Erachtens nach 20 Jahre zu spät. Alle Toten sitzen mit hier am Tisch, und ich möchte diese Toten ehren, die sonst kein Mensch ehrt. Die auch nicht in den entsprechenden Publikationen gewürdigt werden. Sie werden dort so behandelt, als ob sie noch leben würden. Das ist aber nicht der Fall. Sie können nicht mehr sprechen, nur ihre Filme sprechen noch zu uns. Das finde ich sehr traurig. Diese Ehrung hätte sehr viel früher stattfinden müssen. Dann hätte auch jeder etwas davon gehabt.»
Christian Doermer (Schauspieler, Autor, Regisseur – Filme: DAS BROT DER FRÜHEN JAHRE, DU und viele andere) über die Atmosphäre in Oberhausen und bei heutigen Filmfestivals:
«Wir haben in den frühen Jahren in Oberhausen, als das Festival noch im Europakino stattfand, erfahren welche Präsenz, welche Bedeutung, welche Faszination ausgehen kann von den Gesprächen und Diskussionen, die nach einer Filmvorführung stattfinden. Das hat man heute bei den Filmfestivals, bei der Berlinale und anderen, nicht mehr. Da werden der Regisseur und ein paar Mitwirkende auf die Bühne gerufen und dann ein paar Minuten mit dem Moderator und dem Publikum reden. Das ist eigentlich ein falscher Weg. Das ist eine Vergeudung von Mitteln. Es muss gelingen auf den Festivals eine Atmosphäre entstehen zu lassen, wo wieder über Filme und ihre Bedeutung diskutiert wird.»
Jutta Brückner über den Einfluß der Förderinstitutionen auf Filmprojekte:
«Ich merke, bei dem was ich gerade vorbereite, dass ich auf die ungeheuren Widerstände stoße, die wir alle schon thematisiert haben. Es schleicht sich auf diesem Weg etwas ein, was man selber wahrscheinlich nicht als Lüge wahrnimmt, was aber manchmal schon sehr nah an die Lüge herankommt. Dass man sehr bereit ist, von einem bestimmten Punkt an zu sagen: Naja, vielleicht sehe ich das doch falsch. Vielleicht hat XY, der mir da etwas geraten hat, doch Recht. Vielleicht sollte ich es dann doch anders machen. Das ist einmal in Ordnung, wenn man es fünf-, sechsmal macht, ist es nicht mehr in Ordnung.»
Maximilian Linz (DFFB-Student – Film: DIE FINANZEN DES GROSSHERZOGS) über seine Analyse der Exposés gefördeter Filme in Deutschland:
«Wenn man sich die Produktionsspiegel der großen Filmförderanstalten durchliest, zum Beispiel des ‹Stars› unter der deutschen Filmförderung, des DFFF, dann wird man keine einzige Geschichte finden, die den Europäer neu denkt. Es gibt zwei große Signifikanten in den Synopsen, der eine ist Liebe, ohne dass das näher ausgeführt wird, was das bedeutet; der andere Signifikant ist Deutschland. Wenn man die Häufung der Worte und Begriffe versucht zu bestimmen, die in diesen Synopsen vorkommen, und man sich eine Wolke vorstellt, dann hätte man zwei große fette Begriffe: Liebe und Deutschland. Das ist der kategorische Imperativ, unter dem Film in Deutschland stattfindet. Am Ende steht: Die Hauptfigur liebt Deutschland. Für jeden, der noch halbwegs alle Tassen im Schrank hat, ist das keine Arbeitsgrundlage.»

Die 1966 gegründete Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) hat heute ihre Räume in den oberen Stockwerken des Sony-Centers, direkt am Potsdamer Platz. Foto: Nach einem Bild auf www.dffb.de.
Romuald Karmakar (Autor, Regisseur – Filme: DER TOTMACHER, DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER und viele andere) über Eingriffe von Produzenten und Redakteuren:
«Wenn Sie sich mal mit dem Regieverband beschäftigen oder dort umhören, die sammeln dort Fälle. Es gibt offenbar immer mehr Situationen, wo Produzenten den Regisseuren den Final Cut aus der Hand nehmen. Von Produzenten, die im Grunde genommen die Entscheidung über einen mit Filmförderungsmitteln gedrehtes Kinoprojekt, einem Fernsehredakteur überlassen.»

Frank Giering und Anne Ratte-Polle in Romuald Karmakars DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER (im Berlinale-Wettbewerb 2004; Bild: Fred Schuler, ASC; Montage: Patricia Rommel, BFS; Produktion: Pantera Film GmbH, Berlin; 35 mm, 1:1,85, Farbe, 95 min). Foto: Bavaria Film International.
Von 1962 bis heute: Alexander Kluge und Edgar Reitz, zwei der Unterzeichner des Manifests, schaffen Verbindungen und öffnen wieder den Raum. Der muss aber noch filmisch gefüllt werden!
Alexander Kluge (Schriftsteller, Regisseur, Produzent – Filme: ABSCHIED VON GESTERN, DER KANDIDAT und viele andere) über das Jahr 1962 als Wendepunkt:
«Ich möchte für einen Moment einmal Ihre Fantasie strapazieren. Stellen Sie sich vor Deutschland vor 50 Jahren, 1962. Die Welt war sehr jung zu diesem Zeitpunkt. Es findet das erste Konzert der Beatles statt, das erste Konzert der Rolling Stones. Zur selben Zeit, in der wir in Oberhausen krakeelen, gibt es in Hamburg eine Flutkatastrophe an der Nordsee, und ein junger Mann, ein Senator, Helmut Schmidt, schafft seinen politischen Durchbruch. Es ist das Jahr der Spiegel-Krise. Es ist das Jahr der Kuba-Krise, dem gefährlichsten, hitzigsten Punkt im Kalten Krieg.
Das muss man sich alles einmal vorstellen und ich glaube, es gibt so etwas wie den 62er. Wir sind alles Vor-68er, wie wir hier sitzen. Wir sind stolz darauf 62er zu sein. Das ist der Wendepunkt an dem ein Verteidigungsminister, Franz-Josef Strauß, zurücktreten musste. 1962 ist ein Wendepunkt, von dem man sagen kann: unsere Republik bekommt jetzt einen anderen Charakter.»

Alexandra Kluge als Anita G. in Alexander Kluges ABSCHIED VON GESTERN (1966; Bild: Thomas Mauch, Edgar Reitz; Montage: Beate Mainka-Jellinghaus; Produktion: Kairos Film, München; Independent Film GmbH, Berlin; 35 mm, 1:1,37, schwarzweiß, 88 min). Foto: www.kluge-alexander.de.
…über die Forderung der Oberhausener nach Freiheit von den branchenüblichen Konventionen:
«Dieser Nicht-Schematismus ist das, was wir mit Freiheit meinen. Kino ist nicht nur eine Angelegenheit des Kommerzes, dass man eine Kinokasse hinstellt und eine Urinlänge lang Zuschauer beheimatet, die frontal auf einen Film gucken. Film ist ein Raum. Den haben wir in unseren Köpfen seit der Steinzeit. Wir sind vermutlich übriggeblieben, weil wir dieses spielerische Talent immer schon hatten.»
…über die Themen der Oberhausener:
«Da gibt es ein paar, die wir sehr ehren sollten, die tot sind. Zum Beispiel Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky, die haben damals im Jahre 62 NOTIZEN AUS DEM ALTMÜHLTAL gemacht. Die sind mit der Kamera dahin gegangen, wo die Provinz ist. Wo es nicht wichtig ist, wo keine Hauptstadt ist. Wenn man sich das heute mal vorstellt. Man würde einen Jahresrückblick machen im Altmühltal oder in der schwäbischen Alp oder in Oberhausen, im Ruhrgebiet. Dann würde man auf Themen kommen, die bei KERNER nicht vorkommen und auch bei SPIEGEL-TV nicht. Und jetzt würde ich sagen, ich würde mit jedem, der hier sitzt, gerne zusammenarbeiten. Das eine ist ein Kameramann und Produzent, das andere ein Journalist. Also energische Leute. Die würden jetzt sagen und die haben es damals gesagt. Machen wir es ganz einfach wie in der FEUERZANGENBOHLE. Wir stellen uns vor: zehn Filme. Davon können sieben Mist werden, aber drei gehen in die Höhe. Wir machen Entwürfe in einer Welt, in der sieben Milliarden Menschen eine Herausforderung bilden, aber auch sieben Milliarden Auswege enthalten. Es gibt Themen genug. Wenn an der Straße von Hormus gestritten wird, ob wir vielleicht im April oder Mai einen Krieg kriegen, dann ist das auch eine Sichtweise. Die führt mich bis zum Krimkrieg zurück, als die Fotografie erfunden wurde.»
…über Publikumserziehung:
«Das Wort ‹Erziehung von Publikum› haben wir nie in den Mund genommen. Wenn ein Publikum ein Gefäß hat, wird es das Gefäß benutzen. Sehr gut war, was jemand gesagt hat, dass die Lebenszeit begrenzt ist. Dass man nach Arbeitstagen müde ist, das ist wahr. Das stimmt. Aber das andere, was nicht wirklich stimmt, ist dass das Publikum erzogen werden müsste. Interesse überrascht zu werden, Interesse etwas Neues zu erfahren, Interesse an Zusammenhang, das haben fast alle Menschen.»
Edgar Reitz (Regisseur, Autor, Produzent – Filme: MAHLZEITEN, HEIMAT und viele andere) auf die Frage, was am Oberhausener Manifest noch aktuell ist:
«Die Forderung nach Freiheit für die Filmkunst. Da sind die drei Freiheiten: die Unabhängigkeit von den Klischees der Branche, die Freiheit von den Geldgebern, von den sogenannten Förderern und die Freiheit von Interessengruppen. Das sind Ideale, die in dieser Zeit um so brennender sind für die jungen Leute, die so früh schon lernen, sich anzupassen. Denen immer etwas gepredigt wird von Einschaltquoten, von Denkgewohnheiten, von dramaturgischen Rezepten, die funktionieren oder nicht. Alle diese Dinge zu hinterfragen, das ist der Geist von Oberhausen und der gilt nach wie vor.»
…über das kulturelle Klima der Zeit:
«Nach der Nazi-Generation waren wir die erste Generation, die wieder die Orientierung suchte am Kulturgeschehen der Welt überhaupt. Da sah man nicht nur im internationalen Film überall neue Impulse aufkommen, sondern auch in den anderen Künsten, vor allem in der Musik. Die Musik erlebte in den 1950er und 60er Jahren eine unglaubliche Aufbruchswelle. Das gleiche erlebten wir in der Malerei, in den anderen Künsten, in der Architektur. Man erlebte auf einmal ein neues Stadtbild, neues Stadtgefühl. Glasfassaden erhoben sich im Zentrum der zerstörten deutschen Städte. Und alle diese Dinge gaben uns das Gefühl, mit dem Film vollkommen in der Isolation, weit abgeschlagen vom Leben der übrigen Künste zu sein. Das war einer der Impulse, warum wir versuchten, mit unseren Kurzfilmen zumindest diesen Anschluss zustandezubringen.»
Edgar Reitz’ HEIMAT – hier auf Youtube ein englisch untertitelter Trailer zu den ersten Folgen (1981 – 1984):
…zur Frage der Nachwuchsförderung:
«Unser Problem war: Wie mache ich meinen ersten Spielfilm? Das hat manchmal Jahre gedauert, aber irgendwie haben einige es geschafft. Heute heißt die Frage: Wie mache ich meinen zweiten Film? Denn den ersten Film nimmt man schon als Examensfilm mit, wenn man aus dem Studium kommt. Für die Erstlingsfilme gibt es vielfältige Förderungsformen. Es gibt kein Land der Erde, in dem so viele Erstlingsfilme entstehen wie in Deutschland. Wir haben mal kürzlich eine Statistik gemacht: In den letzten zehn Jahren sind in Deutschland über 600 Erstlingsfilme gedreht worden. Von den 600 Regisseuren kennen wir nur noch fünf. Das Problem ‹Wie mache ich meinen zweiten Film?› ist bei uns so viel größer geworden als ‹Wie mache ich meinen ersten Film?›. Da ist etwas merkwürdig.»

Alexander Kluge, Edgar Reitz und Produzent Günther Rohrbach (v.l.n.r.) im Februar 2012 bei der Jubiläumsveranstaltung zum Oberhausener Manifest im Münchner Filmmuseum. Foto: Georg Immich.
…über die Möglichkeiten einer neuen Kinolandschaft:
«Es ist auch eine Zeit angebrochen, in der diese starr gewordene Filmtheaterlandschaft sich ganz bald aufbrechen kann. Es ist so leicht geworden, einen Beamer irgendwohin zu stellen und spontan Kino zu machen. Es ist so leicht geworden, Filme, die es gibt, zur Aufführung zu bringen, und es wird immer leichter und beweglicher werden. So wie das Aufnahme-Equipment handhabbar geworden ist für jeden, so wird auch das Vorführ-Equipment sehr bald in jeder Hand möglich sein. Dazu gehört einfach ein Impuls, und das war, was Alexander da vorhin mit seiner kleinen Rede ausgelöst hat. Diese Idee: Lass uns doch zehn Filme machen, das könnte man genauso gut ausdehnen und sagen: Lass uns doch zehn Kinos machen. Das ist jederzeit machbar.»
Ist wieder ein Aufbruch nötig? Und wenn ja, hat er schon angefangen? Gibt es dafür ein Umfeld, einen Markt? Und vor allem: Gibt es überhaupt einen Willen? Die Schlüsse mag jeder am Filmschaffen Beteiligte selber ziehen. Sollte sich etwas rühren, wird’s im FILM & TV KAMERAMANN stehen – Print, iPad und online stehen.
Foto oben
© Oberhausener Kurzfilmtage
Links
58. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen (26.4. bis 1.5.2012)
Oberhausener Manifest – Sonder-Website der Oberhausener Kurzfilmtage
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