Orangefarbene Tupfer mitten in Bayern: Der neue Film von Marcus H. Rosenmüller

Technik klassisch, Genre Komödie, jüngere Neuzeit, Drehort bayrisch – Marcus H. Rosenmüller ist wieder da. Im Sommer 2010 hat er seinen jüngsten Film gedreht, in dem sich zwei ganz unterschiedliche Welten berühren. Wir haben uns am Set von SOMMER IN ORANGE umgesehen. Der Film läuft ab 18. August in Deutschland im Kino.

»Und erhalte dir die Farben deines Himmels, Seines Himmels Weiß und Blau« heißt es im Bayernlied. Am letzten Drehtag auf dem Huberhof in Oberbiberg bei München könnte der Himmel nicht bayerischer sein als es die Hymne von göttlicher Hand fordert. Die Sonne strahlt an diesem 8. Juli 2010, über die Baumwipfel lugt die Dorfkirche, und auf der Wiese weiden die Kühe, als ob die CSU auf ewig absolute Mehrheiten holen könnte: Leichte Schäfchenwolken am strahlend blauen Himmel.

Das Klischee-Wetter ist trügerisch schön. Viele der knapp 40 Drehtage an diesem Motiv, an dem seit Ende April zwei Drittel des Films gedreht wurden, sind schlicht ins Wasser gefallen. Auf dem Gehöft liegen überall noch lange Holzplanken. Darüber ging das Team, als die Idylle mitten im deutschen Frühsommer im Matsch versank. Die Innendrehs wurden komplett vorgezogen, im oberen Stockwerk des Hauses arbeitete das Team teilweise »in Wintermontur und mit Heizstrahlern«, wie sich Kameramann Stefan Biebl erinnert. Dennoch, so sagt Produzent Georg Gruber: »Wir sind im Plan geblieben«. Andere Mitarbeiter erzählen: »Zwei Tage länger Regen hätten uns gekillt.«

Innenaufnahme mit vorübergehendem Blick nach draußen: links Kameramann Stefan Biebl auf dem Dolly, vorne Regisseur Marcus H. Rosenmüller, der – wie bisher immer – mit seinem Team in der oberbayrischen Heimat dreht.

Aber der Sommer kam wieder und SOMMER IN ORANGE erlebte ein gutes Drehende. Zum Glück der Produktion gehört auch die Möglichkeit, überhaupt an diesem Ort zu drehen: Erbaut 1883, renoviert 1948, steht auf der Kulisse des Films, dem Huberhof. Gedreht wurde hier nun zum ersten Mal, obwohl das Haus Jahrzehnte leer stand. Erst als im September 2009 die ehemalige Eigentümerin starb, machten die Erben den Weg frei. Die Crew fand 40 Jahre lang unveränderte Räume, perfekt für die Atmosphäre, um die Kontraste dieser 1980 spielenden Culture-Clash-Komödie hier für die Leinwand umzusetzen.

Die Bhagwan-Anhängerin Amrita (Petra Schmidt-Schaller) zieht in Orange mit ihrer zwölfjährigen Tochter Lili (Amber Bongard), dem neunjährigen Sohn Fabian (Béla Baumann) und ihrer Sannyasin-WG aus Berlin in die bayerische Provinz. Die Sinnsucher erregen das Misstrauen der Dorfgemeinschaft, für den Bürgermeister (Heinz-Josef Braun) ist klar, dass die orangenen Sektierer auch RAF-Anhänger sein müssen. Als die Sannyasins auch noch ein »Therapiezentrum« im Dorf aufbauen, ist das ruhige Leben dahin. Und das kleine Mädchen Lili gerät zwischen die Fronten: Sie wünscht nichts sehnlicher als eine ganz normale Familie und beginnt ein Doppelleben zu führen: Für die Schule tauscht sie bunte Klamotten und alternative Sprüche gegen grauen Faltenrock und betet mit den anderen das Vater Unser.

Die Irritation der Kommunenkinder und die Annäherung der Lebensarten, darum geht es in dieser Komödie. In das Weiß-Blau mischt sich knallbuntes Orange. Am letzten Drehtag wird Lilis Kindergeburtstag mit großem Ensemble gedreht, Oliver Korritke, Georg Friedrich und Brigitte Hobmeier gehören unter anderen zur Gesellschaft. Das Team wirkt vertraut, während es »Wie schön, dass es die Lili gibt« zum Geburtstag singt und die Remote-Kamera am GF-8-Kran die Gesellschaft abfährt. In den Umbaupausen spielen die Kinder auf dem Innenhof Fußball, Georg Friedrich kickt einen Luftballon mit seinen Füßen und fordert »freie Liebe«; Maskenbildner Waldemar Pokromski versucht dabei Haltung zu wahren und erzählt seinem österreichischen Darsteller, er solle sich nicht in die langen Haare fassen. »Zuviel Zeit. Dann kaspern sie herum«, schüttelt er den Kopf.

Zwei Elefanten, ein Regisseur und die oberbayerische Kulisse

Dann ist die Kameraposition umgebaut. Marcus H. Rosenmüller, der nach einem Jahr Pause erstmals wieder einen Film dreht, gibt in aller Ruhe Set-Anweisungen, es wird gedreht, ein Take, kurze Beratung mit Kameramann Stefan Biebl. Die beiden nicken, machen aber noch eine Aufnahme. »Oane no« (hochdeutsch: »eine noch«), sagt Rosenmüller im Schlabber-T-Shirt und Jeans. Später bestätigt er, dass am Set eine wirklich familiäre Atmosphäre entstanden sei: »Es entstehen Freundschaften, auch Spannungen – und am Ende ist da viel Wehmut.« Und Oberbeleuchter Josef Wollinger, den alles nur Striezl nennen, erzählt: »Du kennst nach so langer Zeit an einem Ort jeden Stein, das war toll. Und das Equipment kann man hier wegen der Größe ohne Probleme einlagern.«

Die Annäherung am Set spiegelt die Annäherung im Film und seiner Gestaltung. Die Grundfarben Blau und Orange nähern sich an, wie DP Stefan Biebl erzählt: »Diese schillernden Menschen kommen in das konservative Bayern.« Es gebe im Film deshalb am Anfang starke Kontraste, die Sanyassin-Kommune trägt satte Rot- und Orangetöne. Im Lauf des Films werden die Farben pastelliger, und die Anmutung des Dorfs wärmer. Biebl wollte diese Entwicklung weitgehend »in camera« gestalten. »Es soll eine sehr natürlicher Film sein ohne große Digitaleffekte«, sagt der DP, der seine Bilder zurückhaltend in den Dienst der Geschichte stellen will. Die Entscheidung fiel schnell für 35 Millimeter als wärmstes und »bildsprechendstes« Medium.

Zwei Arricam LT kamen zum Einsatz, mit Cooke-S4-Optiken aus den 1990er Jahren. »Die Objektive sind brillant, haben aber einen weicheren Look als Ultra Primes (von Zeiss-Arri, Anm. d. Red.), und in der Farbigkeit sind sie ein wenig zarter«, erklärt Biebl. Zur Natürlichkeit und Intensität des Films habe sehr stark die Lichtsetzung von Oberbeleuchter Josef Wollinger beigetragen, der das von Kameramann Christian Berger entwickelte Filmlicht Cine Reflect Lighting System mit ans Set brachte. Vorteil des CRLS: Mit einer Lichtquelle kann über zahlreiche Spiegel ein ganzes Motiv geleuchtet werden. »Das Licht ist nicht leichter zu setzen, aber es wird dem Sonnenlicht ähnlicher«, sagt Wollinger. Man hat keine Lichtabfälle, und weil die Konstruktion dabei unter der Decke hängt, wird die Arbeit in den Sets auch freier. Die Aufnahmen der Kommune wurden ausschließlich so geleuchtet, erzählt Biebl, mit einer »überhöhten Natürlichkeit. Es hat was sehr Leuchtendes, Intensives, ohne dass die Räume fürchterlich hell sind.« Der DP konnte damit Aufnahmen mit Handkamera, Steadicam oder Dolly gestalten. Für den bürgerlich-bayerischen Rahmen verließen sich Wollinger und Biebl dagegen auf klassische Beleuchtungstechnik. Im Film werden damit erneut die Kontraste betont, ohne »Schwarzweiß zu malen « (weitere Infos zum Cine Reflect Lighting System siehe unten, Anm. d, Red.).

Dreh in einer Metzgerei, ein Gewerbe, das in Bayern von besonder Wichtigkeit ist. Vorne Oberbeleuchter Josef »Striezl« Wollinger.

Bayerns Vorzeige-Regisseur Rosenmüller hat das Thema schnell interessiert. »Bei mir schlagen auch zwei Seelen in der Brust«, sagt er. Das kenne doch jeder, meint er: Freier leben zu wollen, weg vom Stress, den Religion und Gesellschaft immer bedeuten. »Aber«, sagt er weiter, »ich mag es auch, wenn ich Regeln hab’. Seinen eigenen Weg gehen, auch wenn es Regeln gibt, darum geht es im Film.« Der Blick auf das konservative bayerische Dorf sei des- halb nicht vernichtend., auch wenn es »farblich angesteckt« werde: »Yoga und alles macht doch a jeder heut’«, sagt Rosenmüller zur Aktualität seines Films.

Rosenmüller war der Wunschkandidat für das Projekt; auf ihn hat die Produktion lange warten müssen. Seit 2008 war er dafür im Gespräch, doch die zahlreichen Filme, die er hintereinander weg gestaltet hat, ließen keine Zeit. So wurde der Dreh der 3,3-Millionen- Euro-Produktion schließlich bis in dieses Jahr geschoben. Und selbst jetzt war der Zeitplan eng. Direkt nach dem Ende des Drehs reiste Rosenmüller für das Location-Scouting des Historienfilms DER SOMMER DER GAUKLER (Arbeitstitel) weiter, den insgesamt vierten von ihm und Stefan Biebl gestalteten Film. Erst ab November, nach Drehende des neuen Projekts, geht es für SOMMER IN ORANGE in die entscheidende Phase.

Für Georg und Ursula Gruber geht damit ein Traum in Erfüllung. Das Geschwisterpaar steht hinter dem Stoff, er als Produ- zent, sie als Drehbuchautorin – für beide ist es das Debüt im Spielfilmbereich. Gemeinsam verarbeiten sie damit eigene Kindheitserfahrungen: Sie wohnten von 1980 bis 1984 in Hohenschäftlarn, Oberbayern, in einer Kommune. »Wir waren keine Sannyasins, aber es war viel gefärbt in unserem Kleiderschrank«, erinnert sich die Drehbuchautorin, die in der Figur von Lili einen umgekehrten Generationskonflikt ausmacht, den sie auch erlebt hat. Die 38jährige hatte ihr Drehbuch zunächst realistisch aufgeschrieben, dann aber zur Komödie überhöht. »Hätte ich das mit 25 geschrieben, dann wäre es viel mehr Abrechnung geworden«, sagt sie.

Kontraste in der Kameraführung

»Erwachsene wählen ihren Lebensentwurf, als Kind hast du nicht die Wahl«, ergänzt ihr 35jähriger Bruder. »Die Themen«, schmunzelt Georg Gruber, »haben alle Hand und Fuß. Wir haben uns spießige Eltern gewünscht, auch wenn es kein Doppelleben gab. Wir hatten den Wunsch, dass sich unsere Mutter beim Elternabend was Normales anzieht.« Der Film werde einen leichten Ton haben, mit intelligentem Humor für Toleranz und Offenheit werben, sagt der Odeon-Produzent. Der frische Blick der Mitpoduzenten von Roxy-Film hätte das Buch dabei insgesamt erwachsener gemacht. Die Filmemacher mussten zahlreiche Hürden eines Ensemblefilms nehmen, wie Stefan Biebl resümiert: »Wir haben mit 20 Kindern gedreht, und mit Tieren. Alles, was man wunderbar kontrollieren kann, war am Set«, erzählt Biebl, der das vielköpfige Darstellerteam in Cinemascope auf Super-35 in 3-perf fotografierte. »Ein tolles Format für einen Ensemblefilm«, meint er. Er löste dabei sehr dynamisch auf: »Wir haben fast nicht vom Stativ gedreht.« Als erfahrerener Operator führte er die Steadicam oft gern selbst. Weil der Film aus Kindersicht, auf Augenhöhe erzählt, entstanden viele Szenen auch unter Zuhilfenahme eines Fisher- 11-Scherendollys mit Schiefausleger, mit dem man bis auf 20 Zentimeter an den Boden herankommt.

Leben in Orange: Oliver Korittke als Gopal, Georg Friedrich als Siddharta, Béla Baumann als Fabian, Wiebke Puls als Chandra, Daniela Holtz als Brigitte, Amber Bongard als Lili und Petra Schmidt-Schaller als Amrita (v.l.n.r.).

Auch in der Kameraführung zählten wieder die Kontraste: Dort, wo sich das Dorf mental sperrt, bei Szenen im Bürgermeisterhaus, wurde besonders statisch aufgelöst. Auf der anderen Seite standen bewegte Massenszenen, etwa eine Volksfestprügelei mit hunderten Statisten. Die Produktion kam hier mit einem blauen Auge davon: Nach tagelangem Regen gab es gutes Wetter. »Bayerndusel«, sagen Mitarbeiter am Set zum punkt- genauen Schluss. Erwarten darf man nun eine Komödie mit typisch Rosenmüllerschen surrealen Bildmomenten. Am Set steht noch ein Aufbau einer riesigen Schallplatte, auf der Schmidt-Schaller sich als Sanyassin-Mutter nach einem Besuch beim Bhagwan dreht. »Weil er ihr halt den Kopf verdreht hat«, kommentiert Rosenmüller trocken den Aufbau. Es wird einen Balkon- sturz zu sehen geben, viel warmherzige Ironie und eine Abschlussszene, bei der östliche Philosopie und bajuwa- rische Lebensart zusammen- kommen.

Am letzten Drehtag grasen zwei Elefanten des Circus Busch am Set. Sie werden im Film hinter Kühen über die Wiese laufen. Eine saftige Bildmetapher für die Durchdringung der Lebenswelten, auf die Szenenbildnerin Doerthe Komnick ihren Regisseur brachte. Man wird sehen, wie SOMMER IN ORANGE nun komödiantischen Biss und pittoreske Landschaft zusammenbringt. Aber die Vorzeichen stehen gut, nicht nur wegen der Atmosphäre am Set: Rosenmüller hat in Sichtweite auch WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT (Kinostart 2006) gedreht. Der Film, ebenfalls eine Roxy-Produktion, wurde zum Millionenerfolg und Grundstein des filmischen Bayern-Booms der letzten Jahre.

 

SOMMER IN ORANGE
Trailer bei www.youtube.com

Regie: Marcus H. Rosenmüller
Buch: Ursula Gruber
Bild: Stefan Biebl
Szenenbild: Doerthe Komnick
Kostümbild: Steffi Bruhn
Maskenbild: Waldemar Pokromski, Anette Keiser. Heiner Nihues Ton: Michael Vetter
Oberbeleuchter: Josef »Striezl« Wollinger
Beleuchter: Thorsten Baier, Florian Kopske, Bernadette Weinzierl
Kamerabühne: Florian Speer
Kameraaassistenz: Holger Fleig, BVK
Materialassistenz: Stefanie Reinhard, BVK
Aufnahmeleitung: Thomas Blieninger
Script: Anne Blume
Regieassistenz: Jacqueline Winkel
Casting: Nessie Nesslauer, Kathrin Küntzel-Sedler
Darsteller: Petra Schmidt-Schalller, Amber Bongard, Béla Baumann, Georg Friedrich, Oliver Korittke, Brigitte Hobmeier, Chiem van Houwenige, Daniel Zillmann, Daniela Holtz, Wiebke Puls, Thomas Loibl, Florian Karlheim, Heinz Josef Braun, -Bettina Mittendorfer, Gundi Ellert
Schnitt: Georg Söring
Negativmaterial: Kodak
Kopierwerk: Arri, München
Musikkomposition: Gerd Baumann
Sounddesign: Michael Stecher
Tonmischung: Manfred Gläser, Cinepostproduction-Bavaria, Grünwald bei München
Produktionsleitung: Ralf Zimmermann
Produktion: Odeon Pictures (Georg Gruber); Roxy Film (Andreas Richter, Annie Brunner, Ursula Woerner)
Co-Produktion: Bayerischer Rundfunk, Arte
Fernsehredaktionen: BR (Cornelius Conrad, Cornelia Ackers, Natalie Gräfin Lambsdorff); BR/Arte (Jochen Kölsch, Monika Lobkowicz); Arte (Andreas Schreitmüller)
Filmförderung: FFF Bayern, FFA, DFFF
Format: Super-35, 3-Perf, 1:2,35, Farbe
Länge: 110 Minuten
Verleih: Majestic
Kinostart: 18.8.2011

Cine Reflect Light Sytem
Das CLRS oder Cine Reflect Light Sytem hat Kameramann Christian Berger, AAC, zusammen mit dem Lichtdesigner Prof. Dr. h.c. Ing. Christian Bartenbach und seiner Firma Bartenbach Lichtlabor (Sitz in Aldrans bei Innsbruck) entwickelt und im Jahre 2004 erstmals vorgestellt und eingesetzt. Er hat es seither in fast jedem Film, den er fotografierte, verwendet, manchmal sogar ausschließlich. Mehr dazu in unserem Bericht in Heft 2/2005, S. 60 («Wenn der Mann mit dem Koffer kommt») und im Produktionsbericht zu DER GEKÖPFTE HAHN (Regie: Radu Gabrea und Marijan Vajda, Rumänien/Österreich 2007) in Heft 2/2007,  S. 110 ff.

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