Lange konzentrierten sich die Entwicklungen der Filmtechnik, zumal die digitalen, ausschließlich auf das Bild. Nun ist es an der Zeit, den Kinoton in Richtung Realitätsnähe voran zu bringen, findet Dolby. Mit dem Slogan „Hear the whole picture“ bewerben die Soundspezialisten ihr neues „Atmos“-Verfahren. Es bringt einen Paradigmenwechsel: Den Umstieg von der kanalorientierten Mischung auf ein „objektorientiertes“ Sounddesign.

“Atmos”-Arbeitsplatz mit den Userinterfaces für die neuen Funktionen auf dem rechten Bildschirm (Screenshot aus einem Dolby-Video)
Die einzelnen Elemente einer Soundkompilation werden jetzt „im Raum“ platziert und durch Metadaten beschrieben. Das ist der entscheidende Unterschied zu den gängigen 5.1- und 7.1-Abmischungen. Mit „Atmos“ können 128 Soundobjekte über maximal 64 Lautsprecher-Positionen im Saal verteilt werden. Schon mit wesentlich weniger Aufwand wird erreicht, dass einzelne Elemente eines Sounddesigns vom Kinozuhörer präzise verortet werden können, statt wie bisher nur grob lokalisiert zu werden.
Der Sounddesigner wird für eine „Atmos“-Mischung den Joystick noch intensiver nutzen als bisher – als Hauptwerkzeug für die Platzierung der Schallereignisse im Raum. Zur Verfügung steht auch ein PlugIn für ProTools, so dass „Atmos“ auf den üblichen Konsolen und vom üblichen Workflow ausgehend gemischt werden kann. Ergänzt werden muss das Equipment durch einen speziellen Prozessor, der zusätzlich Metadaten mit den Positionsinformationen der einzelnen Elemente eines Sounddesigns erzeugt. Aus einer „Atmos“-Mischung kann eine 5.1-Variante in weniger als Echtzeit generiert werden.
Zweifellos bedient „Atmos“ die Raum-„Bedürfnisse“ von Stereoskopie-Filmen. So ist Disney/Pixars 3D-Animationsfilm BRAVE (MERIDA – LEGENDE DER HIGHLANDS) das erste in „Atmos“ gemischte Projekt. Aber gerade auch 2D-Filme könnten durch den neuen Raumton eine erhebliche emotionale Aufwertung erfahren.
In der mit „nur“ 34 Lautsprechern ausgestatteten Vorführung in Dolbys neuem Londoner Stadtbüro am Soho Square wurde internationalen Fachjournalisten Anfang Juli demonstriert, wo es langgehen soll. Bzw. wo’s herkommt. Mittels einer Sounddemo war Regen buchstäblich zu hören: Man findet sich in einer Geräuschlandschaft aus vielen Regentropfen, jeder einzelne Aufschlag auf den Boden scheint präzise lokalisierbar.
Kommt das Visuelle hinzu, wird klar, wie „Atmos“ das Lenken des Zuschauerauges innerhalb des Bildraumes unterstützen kann. Das unterstrich eine in „Atmos“ nachgemischte Szene aus WOMAN IN BLACK. Dort setzt Daniel Radcliffe etliche im Raum verteilte „Trommeläffchen“ in Bewegung und ein Schaukelstuhl klappert, auf und ab schwingend, vor sich hin. Tatsächlich scheint das Auge, solange die Kamera den Handlungsort durchfährt, von der einen zur nächsten Puppe, vom einen zum nächsten Schallereignis, mitzuwandern. Eine Einschränkung ist allenfalls der in mehreren Einstellungen gezeigte Schaukelstuhl, bei dem die Sound-Positionierung aufgrund der Umschnitte springt. Hier, heißt es von den Dolby-Verantwortlichen, würde man für eine originale „Atmos“-Mischung eventuell mit bewegter Kamera drehen, um Sprünge in der Verortung des Tondetails zu vermeiden. Einen anderen Aspekt demonstriert eine Szene aus dem spanischen Film RED LIGHTS. Da läuft die Handlung auf der Leinwand ganz üblich „frontal“ ab – aber plötzlich wird der Zuschauer durch einen Schrei von hinten förmlich aus dem Sitz gerissen – und man sieht das überraschte Gesicht des Schauspielers, der in Richtung Zuschauer und Geräuschquelle blickt.
Die Hauptarbeit im Kino leistet ebenfalls ein spezieller (noch nicht lieferbarer) Prozessor. Die „Atmos“-Mischung wird neben den 5.1- und 7.1-Mischungen als „Auxiliary Data“ ins digitale Kinopaket (DCP) integriert. Damit befinden sich die Soundobjekte samt Metadaten auf dem Kinoserver. Ist eine „Atmos“-Anlage vorhanden, wird der „Atmos“-Ton über LAN an den Prozessor gestreamt. Dort wird der Sound „gerendert“ – sprich: Auf die örtliche Lautsprecher-Konfiguration angepasst bzw. verteilt, um eine optimale Wiedergabe zu erreichen. Parallel steht der 5.1-Ton auf dem üblichen Weg bereit.
„Atmos“ geht grundsätzlich davon aus, dass Lautsprecher (und Subwoofer) auch in die Kinodecke gehängt werden. Die Schwierigkeiten, die sich dabei in vielen Kinos stellen, will man gemeinsam mit Lautsprecher-Herstellern angehen, so Dolby. Zur Not ließen sich fehlende Schallquellen in der Decke durch Anpassungen im Abspiel-Prozessor überspielen. Die Anzahl der Lautsprecher, vor allem der seitlichen, ist naturgemäß von der Größe des Kinosaals bzw. des Mischstudios abhängig. Dolby empfiehlt einen Winkel von maximal 30 Grad zwischen den Abstrahlern. Etwas einfacher dürfte den Synchronstudios die Umstellung fallen, da es dort wesentlich darum geht, bereits im Raum platzierte Stimmen zu ersetzen.
Freilich steht „Atmos“ erst am Anfang. Neben Dolbys Saal in London und einigen Kinos in den USA und China sind in Europa zur Zeit nur das Cinesa in Barcelona und das Empire Leicester Square in London ausgestattet. Die weltweit einzigen Tonstudios sind derzeit Skywalker Sound und China Film Post in Bejing. Dolby sucht daher parallel nach interessierten Kinos, Produzenten und Tonstudios. Die offizielle Markteinführung soll 2013 beginnen.
Längerfristig könnten sich weitere Perspektiven abzeichnen. Wie andere Dolby-Produkte sich vom Profibereich in Richtung Unterhaltungselektronik bewegten, könnte das durchaus mit „Atmos“ geschehen. Die Internationale Fernmeldeunion ITU hat kürzlich Ultra High Definition TV (UHDTV) als künftigen TV-Standard empfohlen. Dafür wurden u.a. bis zu 22 Richtungs- und zwei Subwoofer-Kanäle definiert.
Weitere Informationen von Dolby über Atmos.




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