PINA im Rennen um einen Oscar

Wim Wenders, Francois Garnier und Robert Sturm (Foto Donata Wenders)

Mit PINA bringt Wim Wenders das Leben und Schaffen der Ausnahmekünstlerin Pina Bausch auf die große Leinwand. In 3D produziert, ist der Film ein gelungener Versuch, dem Erbe der Choreographin emotional und ästhetisch gerecht zu werden.

Florian Rettich, HD-Supervisor und Experte für digitale Spielfilm- und Werbefilm­produktionen zeichnete für die Workflow-Definition und die Auswahl der Aufnahmetechnik für das ambitionierte Projekt verantwortlich und war als DIT bei diesem recht frühen 3D-Dreh dabei. 2010 wurde der Film gedreht, er lief auf der Berlinale im vergangenen Jahr im Wettbewerb und darf jetzt auf einen Oscar in der Kategorie Dokumetarfilm hoffen. Oliver Schmidt hatte sich für uns im Frühjahr 2010 mit Florian Rettich unterhalten.

Bislang gab es in 3D noch kein Programmangebot abseits des Mainstreams. Wim Wenders lässt mit PINA kommerzielle Gesichtspunkte außer Acht und betritt Neuland in der 3D-Produktion. Warum denken Sie, wagt er diesen Schritt?

Florian Rettich: Ich denke, wer einmal Pina Bauschs Arbeit live erlebt hat, weiß von der Magie, die sich auf der Bühne abspielt. Pina Bausch bedeutet Ästhe­tik, Bewegung, Emotion, Menschlichkeit und – natürlich Raum. Der zweidimensionale Kino­film wird dieser Arbeit schlicht nicht gerecht. 3D versetzt uns in die Lage, den Kinobesucher ins Theater, mitten ins Geschehen auf der Bühne mitzunehmen.

Bevor es mit dem Dreh in Wuppertal losging, waren Sie für die Auswahl und die Konzeption der Kamerasysteme und der Aufnahmetechnik verantwortlich. Was waren die Anforderungen?

Florian Rettich im »Video Village« bei den Dreharbeiten zu PINA

Florian Rettich: Die Rahmenbedingungen des Projekts waren herausfordernd. Ein Großteil des Films sollte im Tanztheater Wuppertal gedreht werden, das heißt auf beengtem Raum und bei Theaterlicht. Trotz des stereoskopi­schen 3D-Aufbaus musste das Kamerasystem kompakt genug sein, um es auf einem tele­sko­pier­baren Kran zu installieren. Dem­ent­spre­chend war klar, dass wir eine sehr mobile ­Lösung brauchen, die komplett fernbedienbar sein muss. Für diese hohen Anforderungen und die Produktion in bestmöglicher Qualität für die Kinoleinwand kamen nur wenige ­Systeme in Frage.

Wie sind Sie bei der Auswahl des Equipments vorgegangen?

Florian Rettich: Mehrere Wochen vor dem Dreh sind wir mit jeder Menge Equipment ins Theater gefahren und haben Testaufnahmen gemacht. Das heißt, wir haben wichtige Fakto­ren wie die Lichtstärke, das Kontrastverhalten und die Bewegungsauflösung überprüft. Anschließend sind wir mit dem Material in die Nachbearbeitung, mit Schnitt und Farbkorrektur, bis hin zur digitalen Kinokopie gegangen. Das Ergebnis haben wir uns dann in meh­reren 3D-Musterprojektionen angesehen und eine Entscheidung getroffen.

Und wie sah die aus?

Wim Wenders und Kamerafrau Hélène Louvart (Foto Donata Wenders)

Florian Rettich: Für unsere Zwecke kamen schluss­endlich nur die HDC-1500-Kameras von Sony in Frage. Und zwar aus verschiedenen Gründen: Die Hypergammakurven des Systems ermöglichen es uns, die Kameradyna­mik optimal zu nutzen und der Nachbearbei­tung ­hochwertige Bilder zur Verfügung zu stel­len. Dabei versuche ich zusammen mit Kamerafrau Hélène Louvart immer neutrale, filmähnliche Bilder zu erzeugen. Trotz schwieriger Lichtverhältnisse im Theater, bei denen viele Kameras schnell an ihre Belichtungsgrenzen stoßen, erreichen wir mit dieser Kamera immer noch sehr rauscharme, natürliche Aufnahmen. Das ­System benötigt für alle Signale und die Strom­versorgung nur eine einzige Kabelverbindung – das ist wichtig für die Mobilität des teilweise etwas sperrigen 3D-Rigs. Über ein Glasfaser­kabel steuert der Kameramann beziehungsweise die Kamerafrau das Bild und ich alle notwendigen Kameraparameter, ich synchronisiere die beiden Systeme und überprüfe die Belichtung der Kameras. Ein 3D-fähiges Lens-Control-System von CMotion ermöglicht dem ersten Kameraassistenten Christian Meyer die Kontrolle der Schärfe – für beide Carl-Zeiss-Objektive zu 100 Prozent synchron! Das Team um Stereograph Alain Derobe über­nimmt die Justage des Interaxialabstandes. Und zwar alles live während der Aufnahme. Zwei weitere HDC-1500 haben wir übrigens für eine 3D-Steadi­cam und eine Second-Unit verwendet. Für das Making-of – natürlich auch in 3D – und für einige Spezialaufnahmen haben wir zwei Sony EX3 genutzt. In Summe kamen also sechs Kameras auf drei verschiedenen Rigs zum Einsatz.

Wohin mit so vielen 3D-Signalen?

Florian Rettich: Bei der Aufnahme haben wir uns im Hinblick auf einen schlanken und zuverlässigen Workflow dafür entschieden, auf zwei verschiedenen Medien zeitgleich auf­zunehmen. Und zwar auf HDCam-SR als Master und einem Discrecorder von Codex. Die HDCam-SR-Bänder ermöglichen die Auf­zeich­nung der beiden Kamerasignale in sehr hoher Qualität auf eine einzelne Kassette und das sehr zuverlässig. Der entsprechende Studio­recor­der  sowie der tragbare Rekorder schreiben das Material zu 100 Prozent synchron und mit der vollen 10-bit-Quanti­sie­rung auf die bis zu 64 Minuten langen Kassetten. Für bis zu vier Stunden 3D-Material am Tag – pro 3D-Unit sind das zwei Kameras – ist das ein riesiges Datenvolumen. Mit HDCam-SR brauchen wir dafür nur vier Kassetten. Das schafft kein anderes Bandformat.

Und wozu diente der Discrecorder von Codex?

Florian Rettich: Die Kombination mit dem Codex-Rekorder ist in mehrfacher Hinsicht hilfreich. Das System liefert uns für PINA vor allem schnell verarbeitbare, digitale Bilder. Diese werden gleich vor Ort dem Avid-Media-Composer nativ und ohne Digitalisierung zum Schnitt zur Verfügung gestellt. Außerdem gene­rieren wir im Codex unsere 3D-Muster für das Iridas-Framecycler-System und kontrollieren zusammen mit Wim Wenders und dem Team im Anschluss an den Dreh die Aufnahmen in einer 3D-Projektion. Dies war ein ausdrücklicher Wunsch der Produktionsfirma Neue Road Movies und hat allen Beteiligten den Umgang mit der 3D-Aufnahmetechnik erleichtert. Während des Schnitts im Avid in 2D-Offline-Qualität wird das Ergebnis permanent mit Iridas-Framecycler DDS in 3D kontrolliert. Die Tools für den 2D-Schnitt sind einfach noch schneller und besser als die meisten derzeit erhältlichen 3D-Lösungen. Für das finale Conforming in Online-Qualität holen wir dann die HDCam-SR-Bänder aus dem Safe und erstel­len das Master.

Sie werden im April (2010) den letzten Teil von PINA abdrehen. Wie sieht ihr persönliches Zwischenfazit aus?

Florian Rettich: Zunächst bin ich natürlich sehr glücklich darüber, dass wir in Sachen Equipment die richtige Entscheidung getroffen ­haben. Bei einem ambitionierten Projekt wie diesem wäre ein Fehler in der Vorbereitung schlicht verheerend gewesen. Zudem schätze ich die professionelle und angenehme Zusammenarbeit mit dem Team sehr. Unser Regisseur Wim Wenders weiß sehr genau was er will, kann es exakt formulieren und hat am Set die nötige Autorität, um seine Vision durchzusetzen. Er war von Beginn an in alle technischen Entscheidungen intensiv involviert, stellt viele Fragen, lässt aber auch Antworten zu. All das gibt mir das gute Gefühl, dass wir am Ende einen großartigen Film zu sehen bekommen werden.

 

Dass dies gelungen ist, dafür zeugt nun nicht zuletzt die Oscar-Nominierung. An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch an das gesamte Team – und wir drücken natürlich die Daumen!



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