Mit Haut und Haar und co-produziert: BROWNIAN MOVEMENT

Sandra Hüller und Dragan Bakema in BROWNIAN MOVEMENT

Sandra Hüller und Dragan Bakema in BROWNIAN MOVEMENT

Nanouk Leopolds neuer Spielfilm startet am 30. Juni in den deutschen Kinos. Wir trafen die Regisseurin, ihre Produzentin Stienette Bosklopper von Circe Films, Amsterdam, und den deutschen Co-Produzenten Herbert Schwering von Coin Film, Köln.

BROWNIAN MOVEMENT lief auf der Berlinale, in Toronto und bei Crossing Europe in Linz, ist in Holland schon im Kino und in Deutschland demnächst. Wie haben sich für einen solchen Arthouse-Film Produzentin und Regisseurin gefunden?

Stienette Bosklopper: Das war 1998, als Nanouk bei einer Veranstaltung der Filmakademie i­n Amsterdam ihren Abschlussfilm Weekend vorstellte. Ich gehe seither regelmäßig zu diesen Präsentationen, denn sie sind immer  eine sehr gute Gelegenheit, um Regisseure zu entdecken. Normalerweise bin ich nicht besonders «agressiv» darin, Leute zu mir zu holen, aber bei ihr habe ich sehr schnell gehandelt, es war Inspiration und irgendwie Gewissheit…

Nanouk Leopold: …gut, dass du es gemacht hast!

Stienette Bosklopper: Ich kann mich erinnern, dass Nanouk, die auch von anderen Produzenten kontaktiert worden war, beim ersten Betreten meines Büros es als positiv empfand, dass es eher so aussah wie bei Hausbesetzern, nicht so glatt und cool wie sonst oft bei Filmleuten…

(zu Nanouk Leopold) Sie haben Regie studiert?

Nanouk Leopold: Regie und Drehbuch…

Stienette Bosklopper: …aber vorher warst du an der Kunsthochschule…

Nanouk Leopold: …ja, bildende Kunst.

Nicht Fotografie?

Nanouk Leopold: Ich habe schon fotografiert, aber keine Kurse belegt. Mein Bereich, das war Mixed Media, Monumentalkunst, also Arbeit mit Räumen und Orten, Installationen.

Wie entwickelte sich dann die erste Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?

Stienette Bosklopper: Das war bei ÎLES FLOTTANTES, 2000, es ging ziemlich schnell. Wissen Sie, als Produzent ist es wichtig, Regisseure zu haben, mit dem man sich zusammen entwickeln kann. Und da braucht man Leute mit Niveau, sonst redet man nur über dumme ­Dinge. Manchmal, wenn ich wieder mal mit einem neuen Regisseur zusammenarbeite, fühle ich gleich, dass ich mit ihm den Film zwar gut ­werde machen können, es für mich als Pro­duzentin aber keine Weiterentwicklung sein wird. Mit guten Leuten kann man bei der gemeinsamen Arbeit voneinander lernen.

Nanouk Leopold: Bei uns ist es so, dass wir bei den im Leben wichtigen Sachen auf die gleiche Art denken, ähnlich an sie herangehen, auch wenn wir sie diskutieren.

Stienette Bosklopper: Und auch darin, wie man Menschen behandelt, muss man übereinstimmen…

Nanouk Leopold: …denn Filmemachen, das ist zu zehn Prozent Kreativität und zu 90 Prozent die Kunst mit Menschen umzugehen.

Bei Ihnen entwickelte sich dann eine jetzt schon Jahre währende Zusammenarbeit mit den weiteren Filmen Guernsey und Wolfsbergen (2005 und 2007). Wie kam es bei BROWNIAN MOVEMENT zur Co-Produktion mit Coin Film?

Stienette Bosklopper: Ich hatte Herbert schon kennengelernt, als wir bei dem Film CALIMUCHO eine Zwei-Länder-Coproduktion auf die Beine zu stellen versuchten, zu der es dann aber doch nicht kam. Wir konnten die schon bewilligte Förderung der Filmstiftung NRW nicht nutzen, weil sich kein Verleih- oder Fernsehpartner fand. Der Film konnte dann letztlich doch noch gemacht werden, aber als rein niederländische Produktion mit weniger Geld  (Start: 2008).

(zu Herbert Schwering) Waren Sie beim Projekt BROWNIAN MOVEMENT von Beginn an überzeugt?

Herbert Schwering: Ich hab’s nur wegen des Geldes gemacht! Nein, im Ernst: Ich war gleich überzeugt. Ich hatte alle drei Filme, die die beiden vorher gemacht hatten, gesehen und kannte Stienette vom CALIMUCHO-Projekt her. Bei Brownian Movement gefiel mir schon am Buch die offene, freiere Weise, in der die Geschichte aufgebaut ist, und auch, dass nicht alles bis zu Ende erzählt ist.

Wenn Sie einen solchen Spielfilm co-produzieren, gehen Sie dann ein besonderes Risiko ein?

Herbert Schwering: Ein Risiko, das ist zunächst einmal dann da, wenn man sich nicht gut kennt. Viele denken, Co-Produktion habe vor allem mit Kontrolle zu tun; doch für mich zählt viel mehr, dass man Vertrauen zueinander hat. Persönlich und auch darin, wie man Filme und Filmemachen versteht. Je mehr man da übereinstimmt, umso besser.

Trotzdem kann man Geld verlieren…

Herbert Schwering: Geld verlieren kann man genauso mit einem eigenen Film! Ich sehe Co-Produzieren nicht als reines Geldbeibringen. Ich mag nicht das Geschäftsmodell «Co-Finanzierung», ich «co-finanziere» nie. Co-Produzieren ist im Arthouse-Bereich vielleicht gerade deshalb weniger kompliziert – nicht wirklich leichter, aber doch besser überschaubar –, weil nicht nur kommerzielle Ziele zählen; denn dafür gibt es kein direktes Erfolgs­rezept, das ist  viel riskanter. Bei BROWNIAN MOVEMENT war die Produktion nicht so kompliziert, weil mit Holland, Deutschland und Belgien nur drei Länder mit im Spiel waren. Das Schwierigste war die Organisation des Drehteils in Indien, und das hatte ja Stienette übernommen…

Zurück zum Film. Bei BROWNIAN MOVEMENT fällt sehr stark das gesamte Production Design auf. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Elsje de Bruijn als Szenenbildnerin?

Nanouk Leopold: Mit ihr habe ich schon bei Guernsey gearbeitet, mittlerweile haben wir drei Spielfilme zusammen gemacht. Kennengelernt habe ich sie bei Commercials, die ich vor den Spielfilmen bisweilen machte.

Haben Sie die Drehorte mit ihr zusammen gefunden?

Nanouk Leopold: Sie war in den ganzen Look des Films stark einbezogen. Wir fuhren mit dem Auto herum, machten Farbproben… Ich mag es sehr, wenn ich das nicht alles allein machen muss, ich mag den Input.

Mir haben die Farben im Films gut gefallen, oft Ton-in-Ton und manchmal wie um Sandra Hüllers Haut- und Haarton herum angelegt…

Nanouk Leopold: Ja, zum Beispiel ist der Raum, den Charlotte für die Rendezvous gemietet hat, farblich wie ein Teil ihres Körpers.

Es fallen auch viele Highkey-Szenen auf, und ebenso  viele sehr dunkle. Oder einerseits Plan­sequenzen und andererseits pointiert hervorgehobene Details. Wie war Frank van den Eeden, der DP, in die Stilfindung eingebunden?

Nanouk Leopold: Als er dazukam, waren die Orte schon gefunden. Aber ich führte mit ihm die Vorarbeit insofern fort, als wir uns mit Hilfe von Bildern und Fotografien über den Lichtcharakter verständigten. Was die Orte angeht, so mag ich vorgefundene Räume. Man findet dort Details, wie zum Beispiel gewöhnliche Steckdosen oder Maueransätze und schräge Winkel, die man kaum im Studio bauen ­würde. Die Räume sind eine Vorliebe von mir. Manchmal sage ich aus Spaß zu den Schauspielern: Vorsicht, ihr steht im Bild!

Interview: Philipp von Lucke

BROWNIAN MOVEMENT läuft ab dem 30.6.2011 in den deutschen Kinos, Verleiher ist Filmlichter in Köln.

Nanouk Leopold hat an der Amsterdamer Filmakademie studiert, ihr erster Langfilm ÎLES FLOTTANTES kam 2001 heraus. Stienette Bosklopper ist alleinige Produzentin und Geschäftsführererin bei Circe Films in Amsterdam, Herbert Schwering ist Geschäftsführer der Coin Film GmbH mit Sitz in Köln und einer Niederlassung in Berlin.

 



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