RAJU: Die Dreharbeiten waren ein Abenteuer

Das Ehepaar Jan und Sarah Fischer reist aus Deutschland nach Kalkutta, um dort ein Waisenkind auszusuchen. Von den deutschen Behörden ist ihnen ein Waisenhaus vor Ort empfohlen worden. Dort wird ihnen der fünfjährige, aus einem Slum stammende Junge Raju vorgestellt und übergeben. Doch das Kind verschwindet plötzlich aus ihrem Hotel und Jan beginnt eine intensive Suche.

Zahlreiche Preise hat der Film schon gewonnen, auch auf dem Plus-Cameriamge-Festival im vergangenen Dezember, wo wir uns mit dem Kameramann Sin Huh unterhalten haben. Dass RAJU nun auch für den Oscar in der Kategorie Kurzfilm nominiert ist, freut uns für das ganze Team. Herzlichen Glückwunsch und good luck!

Glückwunsch zur Bronzenen Kaulquappe – wie haben Sie Bydgoszcz erlebt?

Sin Huh: Camerimage ist meiner Meinung eines der besten Festivals der Welt, der ­ganze Geist hier ist unglaublich. Letztes Jahr lief bereits unser Film WATTWANDERER im Studentenpanorama. Und eine Fachauszeichnung für mich ist natürlich eine Super-Ehre.

Sie haben WATTWANDERER auch schon mit ­Regisseur Max Zähle gedreht. Verbindet die Filme etwas, auch wenn RAJU ein Drama über illegale Adoptionen in Indien ist?

Sin Huh: Die abenteuerlichen Bedingungen. Weil wir im Watt drehen konnten, wurde uns auch Indien zugetraut, die erste Auslandsproduktion der Hamburg Media School! Bei WATTWANDERER hatten wir schon am ersten Drehtag mit Sturm zu kämpfen. Wir muss­ten alle Storyboards vergessen, schnell ­improvisieren – wie bei RAJU.

Welche Herausforderungen hatte Indien?

Sin Huh: Das fing schon beim Transport von Filmmaterial an, das wir in einem Dunkelsack mitnahmen und durch den Zoll bringen mussten. Wir hatten in Super-16 eine ­Arriflex SR3 dabei, unsere Kampfmaschine, die uns Panther zur Verfügung gestellt hatte, dazu einen Satz Zeiss-Highspeed-Objektive und ein Stativ. Wir mussten kompakt bleiben, wollten den Film aber im Prinzip drehen können, ohne auf lokale Hilfe angewiesen zu sein. Nach unseren Recherchen ein halbes Jahr zuvor haben wir im Herbst in Kalkutta gedreht, Max kam vier oder fünf Wochen vor Drehbeginn an, ich drei Wochen davor, die restliche Crew eine Woche davor. Und unsere Schauspieler lernte ich einen Tag vor Drehstart kennen!

Wie flexibel konnten sie vor Ort sein?

Sin Huh: Unser Kernteam war klein, aber die gewerkschaftlichen Regelungen sind in ­Indien streng – da wird auch bei Studentenfilmen keine Ausnahme gemacht. Wir muss­ten sogar einen Teemann anstellen! Der Film ist zu 80 Prozent von der Schulter gedreht, und trotzdem hatten wir Tage, wo ein Dolly mit drei Leuten am Set herumstand.

Und die Marktszenen, wo der Junge wegläuft?

Sin Huh: …sind gänzlich ohne Storyboard entstanden. Das war ein echter Markt, da war nichts geblockt. Wir haben Crewmitglieder mit einer kleinen Videokamera und großer Tonangel losgeschickt, die mit lautem Getöse so getan haben, als ob sie filmen – der Strom von Menschen hat sich auf sie konzentriert. Wir haben uns versteckt und abgewartet, bis wir loslegen können.

Wieso eigentlich die Entscheidung für Film?

Sin Huh: Ich glaube, dass man mit Film schneller und mit weniger Licht arbeiten kann. Und wir hatten immer 40 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit, Filmkameras haben sich dabei schon ewig bewährt. Was ausgefallen ist, war die Videoausspielung. Das fand Max nicht lustig, aber wir konnten weitermachen – der Belichtungsmesser reichte.

Wie arbeiteten Sie in der Postproduktion?

Sin Huh: Die Postproduktion ist für mich ­essentieller Teil der Bildgestaltung. Colorist Ronny Afortu von Optical Art fragte mich nach der Rückkehr, was ich eigentlich noch graden wolle. Das fand ich natürlich super, aber die Muster in Indien waren sehr grünstichig ­– da musste ich dem Team ständig versichern, dass das nicht so sein kann.

Wie erreicht man so ein dichtes Drama?

Sin Huh: Mit guten Schauspielern ist die ­Kameraarbeit leicht. Den technischen Appa­rat will ich nicht über die Geschichte erheben. Ich habe gute Erfahrungen damit, auf spontane Spielsituationen zu reagieren. Das ist ein Tanz, ein Ballett, dann ergänzt man sich in der Bewegung und im Spiel.

Das Interview führte Christoph Gröner.



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