Jeder Blick ist anders: Vor 50 Jahren wurde das Oberhausener Manifest veröffentlicht, und Edgar Reitz war einer der Unterzeichner und seinerzeit natürlich in Oberhausen dabei.
In diesem Februar fanden in München zwei Veranstaltungen zu Ehren der Unterzeichner des Manifests statt, als Auftakt diverser Veranstaltungen zum 50. Jahrestag seiner Veröffentlichung. Das Manifest wurde zwar in München von einer Gruppe von 26 jungen Filmemachern entwickelt und aufgeschrieben, die Veröffentlichung fand aber am 28. Februar 1962 im Rahmen der 8. Westdeutschen Kurzfilmtage statt.
Zu den Veranstaltungen im Filmmuseum München und im prächtigen Neubau der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film erschienen unter anderem neun von zehn noch lebenden Unterzeichnern sowie verschiedene Gäste zu einer Podiumsdiskussion.
Wir gehörten in einem der großen neuen Kinosäle der HFF zu den geladenen Gästen und Zuhörern und vernahmen neue Aussagen und Kommentare der Unterzeichner von damals – von den zehn noch lebenden waren neun gekommen. Und viele der Forderungen des Manifest sind immer noch aktuell – findet zum Beispiel Edgar Reitz:
«Die Forderung nach Freiheit für die Filmkunst. Da sind die drei Freiheiten: die Unabhängigkeit von den Klischees der Branche, die Freiheit von den Geldgebern, von den sogenannten Förderern und die Freiheit von Interessengruppen. Das sind Ideale, die in dieser Zeit um so brennender sind für die jungen Leute, die so früh schon lernen, sich anzupassen. Denen immer etwas gepredigt wird von Einschaltquoten, von Denkgewohnheiten, von dramaturgischen Rezepten, die funktionieren oder nicht. Alle diese Dinge zu hinterfragen, das ist der Geist von Oberhausen, und der gilt nach wie vor. »
Angesichts der bevorstehenden 58. Oberhausener Kurzfilmtage (26.4. bis 1.5.2012), die die Weiterentwicklung der Westdeutschen Kurzfilmtage sind, bringen wir in den nächsten Tagen eine ganze der Reihe dieser Aussagen und Kommentare, die auf der Münchner Jubiläumsveranstaltung gemacht wurden. Nebenbei bemerkt: In München wurde zwar kein Podium umgestoßen und kein Skandal entfacht, aber es wurde hier und da hart und intelligent diskutiert. Wie einst in Oberhausen, zumindest ein bisschen.
Edgar Reitz
Edgar Reitz, 1931 in Morbach im Hunsrück (Rheinland-Pfalz) geboren, studierte in den 1950er Jahren in München Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik und begann bald auch an Filmen mitzuarbeiten, zunächst als Assistent von Willy Zielke bei dessen Kulturfilmen. In den 1960er Jahren leitete er bei der Industrie- und Werbefilmfirma Inselfilm die Abteilung für Entwicklung und Experiment. Vor dem Oberhausener Manifest gehörte er schon zusammen mit Haro Senft, Josef Spieker und Herbert Vesely zur Gruppe «Doc 49». Das künstlerische und gesellschaftliche Klima seiner künstlerischen Anfangszeit und auch der sich daran anschließenden Zeitläufte in Deutschland findet sich auch recht gut wiedergespiegelt in seinem HEIMAT-Zyklus, den er ab 1981 in vielen Teilen für den WDR und den SFB auf 35 Millimeter gemischt in Schwarzweiß und Farbe produzierte, in eigener Regie, mit eigener Produktionsfirma (Edgar Reitz Filmproduktion GmbH, München), mit Gernot Roll in der Kamera- und Heidi Handorf in der Montageverantwortung.
Hier auf Youtube ein englisch untertitelter Trailer zu den ersten HEIMAT-Folgen:
Mehr zu Edgar Reitz bei www.filmportal.de.
Mehr zu 50 Jahre Oberhausener Manifest in unserem Online-Beitrag 50 Jahre nach Oberhausen: Brauchen wir ein neues Manifest?
Foto oben
Edgar Reitz im Februar 2012 in München.
© Georg Immich
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