Der untrügliche Blick – eine Erinnerung an Dieter Matzka

Dieter Matzka 1995 beim Dreh in der Mongolei für WINTERREISE – SCHUBERT IN SIBIRIEN (Regie: Klaus Voswinckel). Foto: Matzka-Kiener-Filmproduktion.

Dieter Matzka ist am 2. April in München gestorben. Ein erster Bericht dazu steht in unserer aktuellen Ausgabe 5/2012. «Kameramann war er, Regisseur», schreiben wir da einleitend, «Dokumentarfilmer und vor allem eins: Vollblut­filmer.» Hier erinnert sich an ihn nun der Filmemacher Klaus Voswinckel, der ihm bei fast allen seinen Filmen die Kameraarbeit anvertraute.

Einer der wunderbarsten, eigenwilligsten und menschlichsten Kameramänner in Deutschland ist gestorben: Dieter Matzka. Ihn und mich verband seit Ende der 70er Jahre, als wir uns bei Mischa Gallé zum ersten Mal über den Weg liefen, eine lange, ganz dem Film und der konkreten filmischen Arbeit gewidmete Freundschaft. Er war der Kameramann fast aller meiner Filme. Und unsere Zusammenarbeit – ein stetes, beiläufiges, leises Hin und Her zwischen ihm an der Kamera und mir als Autor und Regisseur – ist von Film zu Film immer noch stärker und zugleich selbstverständlicher geworden.

Was mich an Dieter Matzka von Anfang an verblüffte, war die Ruhe und Entschiedenheit, mit der er Bilder machte, Bilder baute. Vielleicht lag es daran, dass er schon durch eine ganze Schule von Spielfilmen in der Münchener Bavaria gegangen war. Vielleicht war es aber auch eine ganz besondere, ihm eigene Gabe, die ihn befähigte, Schritt für Schritt, ohne jede Überstürzung und mit einer extrem feinfühligen Offenheit auf die Gegebenheiten einzugehen. Denn es waren ja Dokumentarfilme, die wir machten, und sie hatten viel mit Musik zu tun, es kam darauf an, Kontakt zu Menschen und Musikern zu finden, immer von neuem.

Deshalb war Filmen für ihn – und für mich – vor allem etwas Menschliches. Ein Akt des Nähertretens, ein Akt des Verstehens, des Aufnehmens und Sichtbarmachens. Bilder mussten für Dieter Matzka Hand und Fuß haben, er vermied alles Halbe und Unentschiedene. Die Position der Kamera war ein ebenso äußerer wie innerer Standpunkt. Manchmal dachte ich, er trüge den Goldenen Schnitt in sich. Menschen und Landschaften sind in seinem Cache immer schon in ein sprechendes Verhältnis gesetzt – das gelingt nicht vielen Kameramännern, und schon gar nicht im Dokumentarischen.

Wir haben abenteuerliche Reisen miteinander unternommen, nach Italien, Amerika, nach Afrika und Sibirien, teils geschah es zusammen mit Wilma Kiener, mit der er auch seine eigenen Filme machte, teils mit Ulrike Pötter, die mehr und mehr die zweite Kamera übernahm. Unsere Filmreisen waren dokumentarische Erkundungen der Welt, einige davon Glücksfälle.

In den Musikfilmen, besonders wenn es um heutige Komponisten ging, galten wir manchmal als das leiseste Filmteam von der Welt. Wir drehten auf dicken Wollsocken. Dieter schaffte es, in jedem Film wieder ein ganz eigenes Vertrauensverhältnis zu denen herzustellen, die er aufnahm. Egal wie kompliziert die Materie war, es entstand ein Austausch und ein gegenseitiger Respekt. Und dann hatte er die seltene Fähigkeit, musikalische Entwicklungen vorauszuahnen. Sicher hat ihm dabei geholfen, dass er selber Geige gespielt und als Kind im Chor gesungen hatte: Er wusste, auch in der atonalen oder aleatorischen Musik, unglaublich sicher voraus, was sich in der nächsten halben Minute ereignen würde. Seine Kamera irrte nie, verlor sich nicht im Raum, sondern fand den Punkt. Das Filmen, mit ihm, so kam es mir manchmal vor, hatte etwas von Teilnahme am Geheimnis des Lebendigen. Dieter Matzka hatte den untrüglichen Blick, einen Blick, der etwas aufscheinen lässt, ohne es zu verzerren oder zu entstellen, einen Blick, der zärtlich ist und zugleich vollkommen klar.

Eine Übersicht zu Filmen von Klaus Voswinckel steht auf der Website von Crew United.

Foto oben
Dieter Matzka beim Dreh von WINTERREISE – SCHUBERT IN SIBIRIEN, einem im November 2005 erstmals ausgestrahlten Dokumen­tar­film für den BR. Er war hierfür mit Regisseur Klaus Voswinckel in Sibirien und der Mongolei unterwegs, sie begleiteten in einer Art interkulturellen Begegnung den Sänger Thomas E. Bauer und den Pianisten Siegfried Mauser.

WINTERREISE – SCHUBERT IN SIBIRIEN, Ausschnitte bei Youtube:

 

Die aktuelle Ausgabe des FILM & TV KAMERAMANN mit dem Nachruf zu Dieter Matzka, in dem auch seine langjährige filmische Gefährtin Wilma Kiener zu Wort kommt, finden Sie hier. Die Matzka-Kiener-Filmproduktion, die er mit ihr betrieb und in deren Rahmen viele der von ihm realisierten und stets auch selber fotografierten Filme entstanden, will Wilma Kiener fortführen.

 



Kommentare

  1. Max Davie – Soccer Jerseys sagt:

    Hi,this is a good place,I like this blog very much,thanks!
    Max Davie – Soccer Jerseys, Tian He, China

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