In einem Werkstattgespräch räsonierten die renommierten Bildgestalterinnen Jana Marsik und Sophie Maintigneux beim Internationalen Frauenfilmfestival in Köln Ende April über den nicht immer einfachen Werdegang zur Kamerafrau.
Es zeugt von großer Gelassenheit, wenn zwei der gefragtesten Kamerafrauen sich ganz locker, offen und voller Solidarität den Studentinnen im Publikum zuwenden. Was ganz im Sinn des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund-Köln ist, wo das Werkstattgespräch zwischen Jana Marsik (links auf dem Foto) und Sophie Maintigneux Ende April stattfand – in diesem Jahr turnusmäßig am Festivalort Köln. Gleich zum Auftakt des Gesprächs im Kölner Kino Odeon erzählt Jana Marsik, wie sie es zu Beginn ihrer Laufbahn als Kamerafrau mit einer Bewerbung verpatzt hatte. Bei den Studierenden kommt das gut an. Selbst eine wie Marsik, heute preisgekrönte Bildgestalterin, die mit namhaften Regisseuren wie Detlev Buck, Lars Büchel und Leander Haußmann arbeitet, hat sich also einiges einfallen lassen müssen, um Fuß zu fassen. Das macht Mut. Die Filmhochschule Köln habe damals das Thema gesetzt »In seinem Element«, so berichtet Marsik in aller Ausführlichkeit über ihren Misserfolg und grinst dabei sichtlich vergnügt. Abgegeben hat sie damals folgenden kleinen Streifen: Ein Alien – aus einer Glaskugel vom Himmel gefallen – habe, unten angekommen, festgestellt, dass dort alles nur grau und aus Beton ist und demzufolge auf dem Absatz kehrt gemacht. THE ALIEN IS OUT OF HIS ELEMENT hatte Marsik ihr Bewerbungswerk genannt. »Ja, das ist wohl nicht gut angekommen«, kommentiert Maintigneux. Begeisterung über soviel Eigensinn ihrer Kollegin, das erwünschte Lehrziel einfach zu konterkarieren, ist ihr anzusehen. Auch die Zuhörerinnen sind angetan von dieser selbstironischen Art Marsiks, über ihre fehlgeschlagene Bewerbung zu berichten. Erfrischend ist diese Kamerafrau und hat so gar nichts Oberlehrerhaftes an sich. Freimütig berichtet sie auch über ihr Studium im Fach Film und Fernsehkamera an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg, das sie danach, im Jahr 1997, schließlich begann. Heute erinnere sie die technische Ausbildung dort als eher notdürftig. Es habe jedoch immer die Freiheit gegeben, eigene Vorstellungen umzusetzen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Die Ausbildung sei bewusst mit Reibung gegen das Verschulte ausgerichtet gewesen.
Und auch das ist typisch für kunstschaffende Freiberuflerinnen. Es gibt Phasen, in denen einfach keine Aufträge kommen. Während des Studiums hatte Marsik viele Jobs, zwei ganze Jahre lang danach hingegen sei einfach gar nichts gelaufen. Um ihr Leben nicht zu vergeuden, sei sie schließlich kurz davor gewesen, zu beschließen, etwas anderes zu machen: »Ich hatte kein Geld mehr und sogar Schulden, nachdem ich bei einem Film gar nichts verdient und auch noch investieren hatte müssen.« Doch dann hat sie »noch mal Mut gefasst«, ein Demoband gefertigt. Auf ging es, zum Bewerben. Und wenn es ums Ganze geht, greift man schon auch mal in die Trickkiste: Bei Bewerbungsgesprächen mit Regisseuren habe sie ein wenig gelogen und vorgegeben, eineinhalb Jahre im Ausland gewesen zu sein. Das funktionierte. Marsik hatte wieder Aufträge. Erleichternd sei es, wenn man seine Arbeit sehr ernst nimmt, auch mal sagen zu können: »Och, da nehme ich es jetzt nicht so genau«, meint sie. Sophie Maintigneux, die mittlerweile an der KHM lehrt, hat jetzt schon eine Idee, was sie ihren Studentinnen und Studenten berichten wird: »Bloß nicht so schnell aufgeben, manchmal dauert es ein bisschen«. Denn wie man sieht: Heute reißen sich viele bekannten Regisseure darum, mit Jana Marsik zu arbeiten.
Viele Bildgestalterinnen durchlaufen in ihrem Werdegang auch die Kamera-Assistenz, und Sophie Maintigneux wollte von Jana Marsik wissen, wie sie die Arbeitsbedingungen für Kamera-Assistentinnen oder Assistenten sieht. Dieser Beruf sei nicht zu unterschätzen, aber nicht jedermanns Sache, so Marsiks Meinung. Die hierarchische Einstufung des Jobs sei diffizil: »Du musst so tun, als ob du nicht existent bist und nichts sagen – trotzdem wird am Ende ein gestochen scharfes Ergebnis erwartet.« Der Kamera-Assistent oder die Kamera-Assistentin habe große Verantwortung, verschwinde aber stets im Hintergrund zwischen Regisseur/in und Kamerafrau und habe nichts zu melden. Eine undankbare Position, findet Marsik.
Auch auf die zunehmend stressigeren Arbeitsbedingungen, wenn das Budget eines Films – wie so oft – gar zu knapp bemessen ist, kamen die beiden zu sprechen. Und da gab es die Anregung, sich durchaus auch nach der Höhe des Gesamtbudgets zu erkundigen und dies bei der Entscheidung zu berücksichtigen, einen Auftrag anzunehmen oder nicht. Ist das Budget nämlich zu gering, können beispielsweise keine Überstunden mehr finanziert werden, was sich unter Umständen negativ auf die Qualität des Filmes auswirken könne, wie Marsik konstatiert. Beispielsweise könne man sich dann nicht mehr vor dem Dreh in aller Ruhe vorbereiten, sondern müssen dies währenddessen tun: »Dann steht man dann unvorbereitet am Set – und muss all das Versäumte einfach so nebenbei wuppen«, sagt sie. Eine entscheidende Rolle spiele dabei auch oft, ob man für eine Fernsehproduktion arbeite oder für einen Kinofilm drehe: Muss ein Auftraggeber Gewinn machen, kann er sich schon deshalb keinen Qualitätsabsturz erlauben.
Heutzutage sei die Kamerafrau oder der Kameramann in alle Einzelheiten der Produktionsbedingungen von Anfang an eingebunden. Ob dies allerdings eine glücklichere Regelung ist als zu früheren Zeiten, als eine Kamerafrau beispielsweise noch nicht über Details des Budgets informiert war, da ist sich Maintigneux nicht sicher. Schließlich habe man quasi das Messer schon am Hals, wenn einem von Anfang an bei einer Filmproduktion klar ist, dass es zuwenig Geld gibt. Auch Marsik sieht das so: »Dann weiß man sofort, es wird Einschränkungen geben«.
Durch all diese Gegebenheiten sei der Beruf zunehmend anspruchsvoller aber auch sehr viel stressiger geworden, sind sich beide einig. Maintigneux (rechts auf dem Foto) hat eine gute Idee, um bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln: »Wie wäre es, wenn alle freien Kamerafrauen und Techniker plötzlich am selben Tag sagen würden, wir streiken und arbeiten heute mal gar nicht!« Und angriffslustig fügt sie hinzu: »Sollen wir einen Aufruf starten?« Die Ästhetin Marsik hat eine interessante Antwort darauf: »Ja, aber wenn, sollten wir uns einen schönen Ort zum Streiken aussuchen«.
Fotos: Charlotte Krauß, IFFF
Einen Bericht über das Internationale Frauenfilmfestival lesen Sie in der Ausgabe 6/2012 des FILM & TV KAMERAMANN (erscheint am 20.5.2012) auf Seite 100. Diese und andere schon erschienene Ausgaben können im Ebner-Shop als Printausgabe bestellt oder über die KAMERAMANN-App im iTunes-Store von Apple fürs iPad heruntergeladen werden.
Und einiges zum Bildgestalterinnen-Preis 2012 in Köln an Julia Daschner können Sie schon hier lesen.
Ein längeres Interview mit Jana Marsik stand in unserer Ausgabe 5/2010, im Online-Archiv hier.
Jana Marsik ist Mitglied im deutschen Bundesverband Kinematographie BVK.


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