Lernen von sich selbst

O-Ton und Postproduktion: Interview mit Tonmeister André Zacher 1/2

Für „Das kalte Herz“ von Johannes Naber hat André Zacher als Set-Tonmeister im Herbst 2015 den O-Ton aufgenommen. Doch auch die Sound-Postproduktion des Films geht auf seine Kappe. Zacher ist einer, der sich nicht spezialisieren will. Uns hat er erzählt, warum. Ein Auszug aus dem Film & TV Kameramann 6/2016.

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André Zacher
Für „Dragonsongs“, einen Dokumentarfilm über den Pianisten Lang Lang, nahm Zacher 2005 die O-Töne in Surround auf.

André, du hast den O-Ton für „Das kalte Herz“ aufgenommen, und jetzt sitzt Du mit deinem Material in der Postproduktion – bist Du zufrieden oder würdest Du die Postproduktion doch lieber aus der Hand geben?

Nee, überhaupt nicht. Ich freu mich total darüber, dass ich beides machen kann. Wir hatten uns bei der Aufnahme total viel überlegt, haben uns ganz viel Mühe gegeben. Wenn ich weiß, ich muss auch den Dialogschnitt machen, dann kämpfe ich da richtig mit mir selbst und mit der Zeit, und versuche alles zu geben, zum Beispiel um verschiedene zusätzliche Töne noch am Set zu bekommen.

Wenn beispielsweise wichtige Nachsprecher noch am Set gemacht werden können, unter Originalbedingungen, dann ist das Spiel viel wirkungsvoller, als wenn ich die Schauspieler dann vier Monate später zu mir ins Studio bitte. Das ist etwas völlig anderes, dieses Quäntchen an Echtheit fehlt dann. Klar sollten das alle Tonmeister so machen, auch wenn man nichts mit der Postproduktion zu tun hat – aber wenn man selbst nichts mehr mit den Aufnahmen zu tun hat, dann würde man sich vielleicht doch lieber die eine oder andere Diskussion ersparen?

Und klappt denn alles, bist Du zufrieden mit Deinen Aufnahmen?

„Das Kalte Herz“ ist seit langem mal wieder ein Film, den man komplett angeln konnte, keine Ansteckmikrofone! Aus settontechnischer Sicht ist das speziell, das kommt eigentlich nur mehr selten vor. Das liegt an der sehr klassischen Auflösung dieses Films: so ziemlich der komplette Dialog wurde in nahen Einstellungen „abgefrühstückt“ – wenn es mal eine Totale gab, dann war die so total, dass man auch den Ton aus der Nahen wieder ohne Probleme darauf legen kann. Und es wurde wenig improvisiert.

Das sind sehr günstige Bedingungen. Hinzukommt, dass auf Cinemascope gedreht wurde: man hat also wenig Bild über den Köpfen und kommt mit dem Angelmikrofon nah ran … Ich sitz‘ ja gerade am Dialogschnitt und habe eigentlich fast nirgends ein Problem. Allerdings werden im Bildschnitt häufig Blicke oder Reaktionen verwendet, die an ganz anderen Textstellen gedreht wurden – und da ist das Problem, dass ich den Ton von diesen Bildern komplett nicht gebrauchen kann und rausschneiden muss.

Das macht diese Bilder aber „tot“, auf diesen Bildern fehlt komplett das Atmen der Schauspieler. Und dieses Leben muss ich den Bildern wieder einhauchen. In der Nahen möchte man das Atmen einfach hören. Also habe ich jetzt ungefähr achtzig Sprachsynchron-Cues pro Schauspieler, die nur aus Atmern bestehen … das ist auch speziell.

Hast Du als Tonmeister am Set denn die Möglichkeit, auch gestalterische Ideen in einen Film mit einzubringen?

Das ist selten der Fall – meist bei Regisseuren, mit denen man schon ein paar Filme gemeinsam gemacht hat. Zum Beispiel mit Johannes Naber, da ist das so. Wir haben bereits einige gemeinsame Filme gedreht, in denen ich sowohl für O-Ton als auch für die Postproduktion zuständig war. Und klar fragt er mich dann bereits in der Drehbuch- oder Förderphase, ob gewisse Dinge machbar sind, oder er warnt mich bereits im Vorfeld vor bestimmten Schwierigkeiten.

Bei „Zeit der Kannibalen“ zum Beispiel, das war ein Film komplett aus Studioaufnahmen. Das ganze Drehbuch spielte in verschiedenen Hotelzimmern, in den unterschiedlichsten Ländern. Um von unten leuchten zu können, wurde das Set auf einem ein Meter hohen Podest gebaut. Mir war von Anfang an klar, wenn das Podest aus Holz gebaut wird, dann wird nichts klingen wie in einem Hotelzimmer, sondern alles hohl und resonant, eben wie Holz. Aber Johannes hatte mir ja weit vor Drehbeginn bereits Bescheid gesagt und wir haben eben gemeinsam überlegt, wie man das Podest so massiv bauen kann, damit es nach Hotelzimmer klingt und nicht wie eine Holzkiste.

Eckt man manchmal an mit eigenen Ideen oder neuen Ansätzen?

Ja, ein Beispiel: ich habe vor etwa 10 Jahren damit angefangen, beim Dokumentarfilm nicht mehr nur Stereo zu angeln, sondern in Surround, in Doppel-MS. Ich hatte das damals gemeinsam mit Helmut Wittek von Schoeps ausprobiert und Schoeps hat mir netterweise auch die entsprechenden Mikrofone zur Verfügung gestellt: Das war ein Dokumentarfilm über Lang Lang, den Pianisten.

 

 

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André Zacher
Das kleine Besteck: als Recorder den 788T von Sound Devices, Mikrofone von Schoeps und Drahtlostechnik von Lectrosonics

Wir haben seine Tour durch China begleitet. Stücke der Tournee wurden von der Deutschen Grammophon als DVD herausgegeben, und wir haben backstage und behind the scenes-Dinge gedreht – nach den Konzerten, im Hotel und solche Sachen. Die Musiksequenzen im Dokumentarfilm sollten in Surround sein und deshalb war mein Anspruch, den restlichen O-Ton auch in Surround abzugeben.

 

Die Produktion war eher misstrauisch – das war neu, das war anders, und wie wird das denn gemischt …? – da musste ich quasi technische Aufklärungsarbeit leisten. Aber mit dem Film hat alles super geklappt und der Regisseur macht seit dem Film am liebsten nur mehr Doppel-MS! Mittlerweile ist Surround aber ja auch mehr verbreitet.

Morgen gibt es dann den zweiten Teil unseres Interviews mit Tonmeister André Zacher.


Zacher arbeitete unter anderem mit Regisseuren wie Wim Wenders und Volker Schlöndorff zusammen und drehte in Ländern wie Grönland, Äthiopien, Botswana und Bolivien und vielen anderen. Als André Zacher 2004 seinen Abschluss an der Robert-Schumann Hochschule Düsseldorf in Ton- und Bildtechnik machte, konnte er bereits auf 30 bis 40 Filme zurückschauen, die er seit 1997 als Set-Tonmeister oder in der Ton-Postproduktion begleitet hatte. Mittlerweile hat Zacher sein eigenes Equipment, ein kleines Editstudio und kann sich seine Projekte aussuchen – am Set und in der Post …

Für den neuen Chris Kraus Film, „Die Blumen von gestern“, einer deutsch-österreichischen Koproduktion, hat André Zacher letztes Jahr „nur“ den Originalton aufgenommen – mit der Postproduktion des Films hatte er nichts zu tun. Der Film über die Lebenskrise eines Holocaustforschers, der selbst ein Nachfahre prominenter NS-Täter ist, kommt im Herbst in die Kinos.

Ein Kommentar zu “O-Ton und Postproduktion: Interview mit Tonmeister André Zacher 1/2”
  1. Wolfgang

    Wenn Ihr schon Mehrkanal aufnehmen könnt, warum wird es nicht in DTS-HD abgespielt?

    Antworten
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