Frauen an der Kamera

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Nur etwa 22 % aller fiktionalen Kinofilme werden von Regisseurinnen gemacht. Durchsucht man die Listen hochbudgetierter Filme nach Kamerafrauen, ist die Prozentzahl sogar nur einstellig. Ein Satz, der in diesem Zusammenhang dann oft zu hören ist: »Es gibt halt nicht genug etablierte Frauen, die man engagieren könnte.« Ist das tatsächlich so? Und falls ja, warum? Weniger Frauen als Männer gibt es ja nun eindeutig nicht auf der Welt… Eine Bestandsaufnahme und viele Fragen!

 

 

 

 

 

 

Wieviele Kamerafrauen können Sie ad hoc aufzählen? Und wieviele gibt es überhaupt? Wir haben an verschiedenen Stellen nachgefragt und nachgezählt: Im Berufsverband Kinematografie sind von 464 Mitgliedern insgesamt ­gerade mal 40 Frauen, also 8,6 %. Beim Verband der Fersehkameraleute BVFK zeigt sich ein ähnliches Bild: 562 Mitglieder, 36 Frauen, 6,4 %. Bei der deutschen Filmakademie sind in der Sektion Kamera 15 Frauen und 98 Männer, sprich 13 % Frauenanteil. Bei den 250 erfolgreichsten Hollywoodproduktionen des Jahres 2013 liegt der Frauenanteil bei den DPs bei 3 %, der der Regisseurinnen bei 6 % – Tendenz in den vergangenen Jahren fallend. Im ASC, dem vornehmen Club der amerikanischen DPs, sind von 372 Mitgliedern gerade mal 14 Frauen, das sind 3,8 %. Das heißt nicht, dass es nicht mehr Kamerafrauen gibt; es beweist aber, dass weltweit nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen, die ihren Lebensunterhalt dauerhaft mit dem Gestalten von Bildern verdienen, Frauen sind. Und wer jetzt glaubt, dieses Phänomen sei dem Kamera-Department vorbehalten, liegt falsch. Die Grafiken unten zeigen, dass Frauen in allen ­Above-the-line-Positionen nur zwischen 9 % und 22 % Anteil haben, und im Kamera-Department in allen Positionen außer bei den ­Kameraassistentinnen unter 10 %.

 

Wie aber kommt es zu solch einer Unter­repräsentation von Frauen in diesem Beruf? Beginnen wir weiter vorne und betrachten die Situation an den deutschen Filmhochschulen. Die Ausgangssituation der angehenden Kamerafrauen sieht im Gegensatz zur Lage auf dem Berufsmarkt etwas besser aus. Zwischen 20 % und 30 % der Kamerastudierenden an den deutschen Hochschulen sind weiblich.
Viele Kamerastudiengänge wurden erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen, davor waren sie in andere Studiengänge integriert. Im Vergleich zeigt sich, dass vor allem in den universeller angelegten Studiengängen der Anteil an weiblichen Kamerastudierenden ­höher ist. Obwohl einige Hochschulen in Deutschland explizit auf die Unterrepräsentation mit offensiver Umwerbung bei öffentlichen Veranstaltungen und auch einer gezielten Förderung während des Studiums reagieren, lässt sich bisher keine signifikante Änderung der Zahlen er­kennen. Nur in einzelnen Jahrgängen wird die 50%-Grenze erreicht oder teilweise sogar überschritten. Auch weiterhin bewerben sich mehr Männer als Frauen beziehungsweise ­finden Frauen teilweise erst später im Verlauf des Studiums ihren Weg zur Kamera. Gerade der Übergang von der Hochschule ins Berufsleben zeigt dann noch einmal eine zusätzliche Schwierigkeit. Auch wenn der Transit geschlechtsunabhängig ein harter Weg ist, schaffen es nur sehr wenige Kamerafrauen in gut dotierte Langspielfilm-Projekte. Sind Frauen zuvor noch gut in den Studienablauf eingebunden und drehen während des Stu­diums viele Filme, so zieht sich dieses Bild für viele nicht weiter in die Zeit nach der Hochschule, wie die Zahlen belegen.

Woher kommt die Unterrepräsentation bereits im Studium? Je technischer ein Bereich ist oder erscheint, desto weniger Frauen findet man. Aber das ist ja kein Naturgesetz. Wir ­wollen an dieser Stelle nicht in die Diskussion einsteigen, ob Frauen und Männer von Geburt an außer einem Chromosom noch weitere Unterschiede mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Jeder Mensch ist ein Individuum. Punkt. Und diesem Individuum werden durch unsere Verfassung die gleichen Pflichten auferlegt, aber eben auch die gleichen Rechte versprochen, unter anderem, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und dass der Staat die tatsächliche Durchsetzung der Gleich­be­rech­tigung von Frauen und Männern fördert und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin­­­wirkt.
Dafür kann der Staat nicht nur bei Dax-Konzernen, sondern auch in unserer Branche durchaus etwas tun: unter anderem für eine gerechte Verteilung öffentlicher Mittel beispielsweise in der Filmförderung sorgen. Aber auch der und die einzelne ist gefragt. Denn die Gleichberechtigung kann zwar auf dem ­Papier vorgeschrieben werden, passieren muss sie aber in den Köpfen, und gelebt werden muss sie von den Menschen. Stellen wir also die Rollenbilder, die in unseren Köpfen noch sehr mächtig sind, übrigens bei Männern und Frauen, immer wieder auf den Prüfstand. Und hinterfragen wir doch, ob wir durch Bilder, die wir in die Köpfe unserer Kinder einpflanzen, schon früh Weichen in ganz bestimmte Richtungen stellen.

Wenn es darum geht, Mädchen und junge Frauen explizit dazu zu ermutigen, technische Berufe zu ergreifen – was ja durchaus an vielen Stellen passiert – ist unsere Branche leider noch ziemlich rückständig. Eine Sache, die da sehr hilft, sind Vorbilder. Je sichtbarer die Bildgestalterinnen sind, die es gibt, desto mehr Mädchen werden diesen Beruf auch für sich in Betracht ziehen. Und da müssen wir uns durchaus an die eigene Nase fassen, denn dieses Magazin ist ja mit seinem Titel auch nicht dazu angetan, das in vielen Köpfen anscheinend immer noch zemen­tier­te Bild, dass die fürs Kamera­-Depart­ment verantwortliche Person eben ein Kamera»mann« ist, aufzubrechen und die Kamerafrauen sichtbar zu machen.

Aber neben diesen gesamtgesellschaftlichen Problemen hat die Film- und Medienbranche noch ein ganz anderes Problem. Die Arbeitsbedingungen werden immer katastrophaler und die Bezahlung wird kontinuierlich schlechter. Die Branche ist zum Großteil sehr unprofessionell, nachtragend, fast schon kindisch. Sagt jemand (aus welchem Grund auch immer) ein Projekt ab, wird das persönlich genommen, er oder sie ist abgemeldet. Wer auf Pausen pocht oder am Wochenende nicht durcharbeiten will – Quertreiber, abgemeldet. Und dann pendelt man immer zwischen Extremen: Man hat entweder gerade ein Projekt, das einen mit Haut und Haaren verschlingt und dessen zeitliche Planung oft sehr chaotisch ist, oder man wartet auf den nächsten Anruf. Gefühlsachterbahn, Dauerstress! Das alles zusammengenommen ist nicht nur ungesund, sondern auch extrem partnerschafts- und familienfeindlich. Natürlich ist das auch für Männer ein Problem, aber (und da grüßen wieder die Rollenbilder) es ist für Frauen noch viel schwieriger, in solch einem Umfeld die Entscheidung für oder gegen das Kinderkriegen zu treffen. Denn wenn eine Frau sich für Kinder und ihren Beruf entscheidet, hat sie immer noch große Hürden zu überwinden: vom vermeintlich wohlmeinenden »Jetzt hast du doch ein Kind, bleib doch erst mal zuhause« bis zur »Rabenmutter«, die gleich wieder arbeitet, ist viel Platz für Vorurteile und wenig für Jobangebote. Die Kinderbetreuung wird zur reinen Privatsache gemacht. Dabei muss das nicht sein.

Und wer erstmal einige Zeit raus ist aus dem Beruf, hat große Probleme, wieder da anzuknüpfen, wo sie oder er aufgehört hatte. Da spielen die schon angesprochenen Empfindlichkeiten der anderen Akteure ebenso eine Rolle wie das Überangebot an mehr oder weniger gut ausgebildeten Leuten, die alle auch einen Job wollen und brauchen.

Aber wie können sich Frauen nun in diesem Haifischbecken behaupten? Einfache ­Lösungen gibt es da leider nicht. Was sicher hilft, ist sich zu vernetzen, selbstbewußt aufzutreten, sichtbar zu sein und den eigenen Einfluss für andere Frauen zu nutzen. Genauso funktionieren auch die Männer-Netzwerke. »Es sind die vielen kleinen Stolpersteine, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Die gläserne Decke oder den einen Moment, wo die Karriere abknickt, gibt es nicht«, sagt Elisabeth Prommer von der Uni Rostock, die eine interessanteGenderstudie zur Situation in der Filmbranche gemacht hat.
Ebenfalls sehr interessant ist das umfangreiche Zahlenmaterial, das die Betreiberinnnen desBlogs SchspIN zusammengetragen haben.

Im Artikel, der in der Ausgabe 10/2015 erschienen ist, kommen zahl­reiche Bildgestalterinnen zu Wort, die wir in den vergangenen Wochen erreicht haben. Es sind natürlich beileibe nicht alle, aber sie sprechen stellvertretend für viele. Einige, vor allem jüngere Frauen, mögen die Genderfrage nicht, da sie sich nicht per se in einer schwächeren (Ausgangs-)Position ­sehen beziehungsweise sehen wollen. Tatsächlich ist es ja auch schön, wenn man unabhängig von Geschlecht, Rasse usw. einfach als Mensch seine Position erreicht und behaupten kann. Wer möchte das nicht. Fakt ist aber, dass weibliche und männliche Karrieren in den Medien unterschiedlich verlaufen und nach wie vor Führungspositionen männlich dominiert sind. Das gilt auch für die künstlerischen Berufe in den audiovisuellen Medien. Natürlich kann man hoffen, dass man selbst die Ausnahme ist, aber wer genderblind den Kopf in den Sand steckt, ändert nichts an den Strukturen!

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