Neun Kameraleute und zwei Editoren dürfen sich freuen

27. Deutsche Kamerapreis: Gewinner gekürt

Der Deutsche Kamerapreis feierte am Wochenende die Gewerke für Bildgestaltung und Schnitt. In diesem Jahr wurden die Preise zum 27. Mal verliehen. Neun Kameraleute und zwei Editoren dürfen sich über die Trophäe freuen. Wir waren für Sie vor Ort und sagen Ihnen, was die Jury an den Beiträgen überzeugte!

Foto: Julian Reischl
27. Deutscher Kamerapreis 2017, vlnr Christoph Krauss, Attila Boa, Maximilian Pittner, Chris Wright, Moderator Thomas Hermanns, Börres Weiffenbach, David Wieching, Christoph Augenstein vom WDR, Jo Heim, Adolf Winkelmann, Joe Berger, Johannes Louis, Wolfgang Schick, Felix Striegel.

“Hab ich gerade Heldinnen und Heldinnen gesagt?” Nach nur 30 Sekunden war die TV-Aufzeichnung des 27. Deutschen Kamerapreises schon wieder vorbei. Der Grund war ein eher verzeihlicher Verhaspler des Moderators Thomas Hermanns, der am Samstag durch den Abend führte. Das tat er im zweiten Anlauf nicht nur fehlerfrei, sondern herrlich gut aufgelegt und mit routiniertem Gespür, welchem Gesprächspartner er mit einer weiteren Frage auf die Pelle rücken durfte und wem nicht.

Rund 400 Vorschläge hatten sich im März während der Jurysitzung in den Räumen der ifs – internationale filmschule köln um die elf Preiskategorien beworben. Mehrere Jurys wählten dort unter dem Vorsitz von Filmemacher Adolf Winkelmann die Preisträger aus, die jetzt für ihre “herausragenden Leistungen in der Bildgestaltung”, sei es hinter der Kamera oder am Schneidetisch, geehrt wurden. Gleich zu Anfang betonte Hermanns, der Deutsche Kamerapreis sei der wichtigste Medienpreis Deutschlands. Bei der anschließenden Offenbarung der diesjährigen Bandbreite der prämierten Beiträge wollte ihm auch niemand widersprechen.

„Dieser Preis ist einzigartig, weil er ohne Rücksicht auf Markt und Moden, auf kommerziellen Erfolg und Quoten einfach nur die künstlerische Leistung und Phantasiearbeit der Bildgestalter und Editoren auszeichnet“, sagt Jurypräsident Winkelmann. Tatsächlich gibt es wenig reine Kamerapreise, die den Fokus auf das zentrale Gewerk der Kino- und TV-Produktion richten. Das betont auch Christoph Augenstein, Geschäftsführer des Deutschen Kamerapreises Köln e. V.: “Vor 35 Jahren ist der Preis zum ersten Mal verliehen worden – um jene Bildgestalter in den verdienten Mittelpunkt zu stellen, die uns mit ihren Bilderwelten auf besondere Weise berühren und faszinieren. Exzellenz auszeichnen und Talente fördern – diese Grundidee des Deutschen Kamerapreises ist so aktuell wie am ersten Tag.”

Sehr Schade ist, dass unter den diesjährigen Gewinnern die von Moderator Herrmanns herbei gewünschten Heldinnen leider fehlten. In diesem Jahr gab es keine weiblichen Preisträger, was sich schon an der Nominiertenliste abzeichnete. Auf dieser war nur eine Frau vertreten, die Editorin Anna Piltz, die für den Beitrag “Coming Home” aus der ZDF/3sat-Reihe “Ab 18!” über die Berlinerin Isis Salam, die ihre eigenen nigerianischen Wurzeln entdeckt, nominiert war. Hier gäbe es einen wichtigen Ansatz, für die kommenden Jahre eine Sparte zu etablieren, welche die Sichtbarkeit von Kamerafrauen in der Branche erhöht. Jurypräsident Winkelmann betonte, wie wichtig dieser weibliche Blick sei, der sich seiner Meinung nach deutlich vom männlichen Pendant unterscheide.

Überraschende Beiträge, die sofort die Lust auf das Ansehen machten, gab es zuhauf.

Foto: Julian Reischl
27. Deutscher Kamerapreis 2017, WDR-Studios in Köln Bocklemünd

Bei der Kategorie Ehrenpreis wurde gründlich betont, dass dies keinesfalls das Lebenswerk darstellt. Preisträger Jo Heim weigerte sich augenzwinkernd, dies als solchen zu begreifen. In nahezu allen Genres zuhause ist Heim ein Besipiel dafür, wie die stete Bewegung und Veränderung auch zum Markenzeichen werden kann. Die Jury lobte seine Vielfalt in der Gestaltung, mit der er “den Geschichten seiner Filme Raum für die Fantasie ihrer Betrachter” gebe.

Die Ehrung von Christoph Krauss in der Kategorie Kinospielfilm für seine Arbeit an dem Projekt “Manifesto” (BR) stellt eine kleine Überraschung dar, zeichnete die Jury hier doch eine Kunstfilm aus, der eigentlich für die Installation des Künstlers Julian Rosefeldt auf 13 Leinwänden entstanden war. Niemand Geringeres als Cate Blanchett schickte eine Grußbotschaft an Kameramann Krauss, da die Hollywoodgröße bei “Manifesto” die Hauptrolle gespielt hatte. “Diese gelungene Transformation verdankt sich einerseits dem Regie-Konzept, andererseits der geradezu majestätischen Kameraarbeit”, so die Jury. “Es ist die besondere Leistung der Kamera, die Bandbreite der unterschiedlichen Settings auf eine nahezu metaphysische Weise zu verbinden.”

Börres Weiffenbach ist für den Deutschen Kamerapreis kein Unbekannter. Schon 2002 erhielt er die Trophäe für die Dokumentation “Otzenrather Sprung”. In diesem Jahr wurde er in der Kategorie Fernsehspielfilm für Marc Bauders Wirtschaftsthriller “Dead Man Working” (hr/ARD Degeto) ausgezeichnet. Die Jury war sich einig, dass Weiffenbach mit seiner Kamera das sichtbar mache, was sonst im Verborgenen bleibe: “Menschen, die als Versuchstiere in gläsernen Käfigen eingesperrt sind. Mathematische Formeln, die schwebend grafische Muster auf Menschen und Räume werfen. Das abstrakte Mach- und Machtwerk der Finanzjongleure versinnlicht sich in seiner Kameraführung auch im Cinemascope-Format.”

Ein ungewöhnlicher Film ist der in der Kategorie Dokumentarfilm/Dokumentation ausgezeichnete “Untitled” (Lotus Film/Razor Film). Kameramann Attila Boa reiste mit kleinem Team und Regisseur Michael Glawogger durch Europa und Asien – ohne Ziel und Konzept. Die Jury war begeistert, wie es Boa gelang, sein Staunen, seine Neugier und Empathie mit dem Publikum zu teilen. “Seine Kameraarbeit ist präzise – sie lenkt den Blick, aber engt ihn nicht ein. Die Achtung vor der Natur, vor dem Menschen und seinem Überlebenskampf zeigen sich in Attila Boas Bildern in schonungsloser Reflexion. Ihm gelingt es, Situationen zu verdichten und auf das Wesentliche zu reduzieren”, so die Begründung.

In der diesmal neuen Wechselkategorie Outdoor Film wurde der Dokumentarfilm “Urban Cowboiz” (Filmakademie Baden-Württemberg) ausgezeichnet. Ungewöhnlich hier das Alter des Kameramanns, Maximilian Pittner ist Jahrgang 1994. Seine Beobachtung der Welt der Volksgruppe der Irish Traveller zeugt eher von einer jahrelangen Erfahrung in der Kameraarbeit, die man selten bei einem Filmstudenten antrifft. “Bei seinem Porträt einer Lebensweise, die bewusst mit Normen gebrochen hat, zeigt Pittner den Mut, sich bei seiner Bildsprache auf das Wesentliche zu beschränken”, so die Jurybegründung. Pittner finde “die Gestaltungsmittel für einen ungefilterten, ehrlichen und authentischen Blick auf die Protagonisten.”

In der Kategorie Kurzfilm ehrte das Kuratorium Deutscher Kamerapreis e.V. den Berliner Johannes Louis. Louis schuf mit Regisseur Erik Schmitt ein effektgeladenes Stadtporträt, das erst auf den zweiten Blick offenbart, dass viele seiner Effkte In-Camera entstanden, ohne VFX. Die haarsträubende Geschichte aus der Vorproduktion, in welcher der DoP nur knapp an einer Abreibung durch eine im Film vorkommende Braunbärendame vorbei schrammte, wirkte sich glücklicherweise nicht auf die Arbeit aus. Louis habe sich laut Jury “schnörkellos und selbstverständlich einem skurrilen Panoptikum genähert: Er präsentiert mit seiner Kamera diesen skurrilen Wahnsinn ohne jede Selbstverliebtheit, sachlich aus dem Hintergrund, und scheint selbst erstaunt zu sein über das, was er sieht.”

Für eine weitere Überraschung sorgte Preisträger Wolfgang Schick in der Kategorie “Journalistische Kurzformate”. Der im ARD-Auslandsstudio in Singapur angestellte Kameramann konnte bereits zum zweiten Jahr in Folge die Stimmen der Jury auf einen seiner Beiträge vereinen. Für die Reihe “Weltreisen” besuchte er mit Team und Redakteur Philipp Abresch das indonesische Sumba, eine der dort ärmsten Regionen. Hier herrscht eine große Begeisterung für Pferdewetten. Die Rennen werden ausgeführt von Kindern. Schicks Arbeit an der Reportage “Die Kinderjockeys von Sumba” (NDR) überzeugte die Jury “auf der einen Seite durch ein hohes Gespür für Timing, Situationen und Emotionen; sie schafft es andererseits, die Spannung der Geschichte durch eindrucksvolle Bilder zu entfalten.”

Foto: Julian Reischl
27. Deutscher Kamerapreis 2017, Preisträger

Zum Staunen brachte auch der von Preisträger Chris Wright geschnittene “Fighter” (Corso Film/ZDF/3Sat) über die Parallelwelt der Mixed-Martial-Arts-Kämpfer, der in der Kategorie Schnitt / Langform den Deutschern Kamerapreis erhielt. Dessen eloquenter Protagonist Andreas Kraniotakes widerlegte als Laudator gleich auf der Bühne das Vorurteil des tumben Kampfsportlers. Wright gelänge es, so die Jury, das aggressive Thema Mixed Martial Arts liebevoll umzusetzen. “Wenn in “Fighter” der Blick auf dem Protagonisten verweilt, ist der Zuschauer Teil der emotionalen Welt. Humorvoll und emphatisch spiegelt der Schnitt das aufrichtige Interesse an Menschen wider und bricht mit Vorurteilen.”

Nach den Grimme-Preis und Fernsehpreis für den Inhalt des Neo Magazin Royale aus der Kölner Bildundtonfrabik wurde mit Editor David Wieching auch endlich ein Vertreter der technischen Sparte des Hauses geehrt. In der Kategorie Schnitt / Kurzform prämierte die Jury den Beitrag “Talk mit Anne Will” (btf/ZDF). Wieching unterlaufe laut Jurybegründung die “Erwartungshaltungen und spielt gekonnt mit Fernsehzitaten und -klischees.” Die Montage sei “ein selbstreferenzieller, dekonstruktiver Trip durch die Medienwelten, der dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzieht, ihn durch die diversen Tunnel des TV-Trashs fallen lässt, nur um ihn gleich wieder auf dem heimischen Sofa auszuspucken.”

Auch die bildgestalterisch nachrückende Generation erhielt beim Deutschen Kamerapreis eine Bühne. So wurden die beiden mit je 5.000 Euro dotierten Nachwuchspreise verliehen. Beide gingen überraschenderweise an Absolventen des jüngsten Jahrgangs der Hamburg Media School. Kameramann Joe Berger wurde für “Cigarbox Blues” (Hamburg Media School) durch Preisstifter Panasonic geehrt, sein Kollege Felix Striegel durch die Filmstiftung NRW für “Watu Wote” (Hamburg Media School). Letzterer hatte eine gute Woche zu verzeichnen, gewann er doch am Dienstag vor der Kamerapreis-Verleihung den Studio Hamburg Nachwuchspreis.

Wer den Zusammenschnitt der Aufzeichnung im Fernsehen ansehen möchte, hat dazu gleich heute Abend die Gelegenheit: Das WDR Fernsehen sendet am Montag, 26.06. um 23.40 Uhr, am Donnerstag, 29.06. folgen der NDR um 0.45 Uhr und der SWR um 1.00 Uhr, tags darauf, am Freitag, 30.06. zieht ARD-alpha um 22.45 Uhr und die Frühaufsteher können auf One am Sonntag, 02.07. ab 8.00 Uhr die Preisverleihung genießen.

Am Sonntag trafen sich zudem alle Preisträger auf der Bühne unseres Roundtablegesprächs im Filmforum im Museum Ludwig. Hier sprachen sie über ihre Beiträge, die Chancen und Gefahren moderner Technologien und diskutierten am Ende lebhaft mit dem anwesenden Fachpublikum. Den Bericht dazu gibt es morgen bei uns!

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