Heißer Sommer in Venedig: Clooney, Polanski, Garrel und viel deutsche Beteiligung bei der Mostra 2011


Venedig 2011, im Wettbewerb: UN ÉTÉ BRULANT mit Louis Garrel und Monica Belluci (Regie: Philippe Garrel, Bild: Willy Kurant)..

Venedig 2011, im Wettbewerb: UN ÉTÉ BRULANT mit Louis Garrel und Monica Belluci (Regie: Philippe Garrel, Bild: Willy Kurant). Foto: Rectangle Productions/Wild Bunch.

Biennale di Venezia – Mostra internazionale d'arte cinematografica: Heute ist der erste Tag der 68. Filmfestspiele von Venedig (31. August bis 10. September 2011). Die Mostra eröffnet mit George Clooneys THE IDES OF MARCH mit Ryan Gosling, Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood und George Clooney selber, fotografiert von Phedon Papamichael, ASC. Des weiteren sind unter den Wettbewerbsfilmen TERRAFERMA, der neue Film von Emanuele Crialese (IT/FR, 35 mm, 1:2,35, Farbe, 88 min, Bild: Fabio Cianchetti), und CARNAGE von Roman Polanski, eine Adaption des Theaterstücks GODS OF CARNAGE von Yasmina Reza; Kate Winslet, Jodie Foster, John C. Reilly und Christoph Waltz spielen zwei Elternpaare, die nach einem Spielplatzstreit ihrer Kinder aneinandergeraten.
Regisseur Philippe Garrel und Chefkameramann Willy Kurant am Drehort in Rom.

Regisseur Philippe Garrel und sein Chefkameramann Willy Kurant (re.) am Drehort in Rom. Foto: Rectangle Productions/Wild Bunch.

Auch im Wettbewerb ist UN ÉTÉ BRULANT von Philippe Garrel. Für diesen Film versammelte der französische Altmeister hinter der Kamera eine Truppe «erfahrener Senioren» um sich – so drückt es Chefkameramann Willy Kurant, Jahrgang 1934, in einem Interview mit uns aus. UN ÉTE BRULANT (auf deutsch etwa: «Ein brütend heißer Sommer») spielt im Filmmilieu. Es geht um das Verhältnis, das zwei Paare zueinander haben, wobei Monica Belluci und Louis Garrel die Hauptpersonen sind. Die Handlung spielt sich zwischen Rom und Paris ab. Eines der Hauptmotive waren die Cinecittà-Studios in Rom, ein Ort, der, erzählt Willy Kurant, ihn «visuell geradezu umgehauen» habe. Ein weiteres Motiv in Rom und ebenfalls ein außergewöhnlicher Ort war ein etwas höher über der Stadt gelegenes Haus mit Swimmingpool im ­Besitz eines Theaterregisseurs. Willy Kurant, AFC, ASC, drehte auf 35-Millimeter-Cinemascope, Claude Lebras war sein Oberbeleuchter, Jean-Paul Meurisse sein Schwenker. Mehr dazu in einem von Kameramann François Reumont geführten Interview in unserer Ausgabe 10/2011 am 20.9.2011.
In die Spielfilmreihe der «Orizzonti» ist Romuald Karmakar mit DIE HERDE DES HERRN (Produktion: Pantera Film, Berlin) eingeladen – eine «filmische Exerzitie über die Herde des Herrn im Jahre 2005» mit Erfahrungen aus Marktl am Inn, dem Geburtsort von Papst Benedikt XVI. am Wochenende seiner Inauguration und mit Szenen aus Rom, elf Tage früher, als Hunderttausende zum Petersplatz drängen, um sich mit Applaus vom toten Papst Johannes Paul II. zu verabschieden.» (Pressemitteilung German Films). Michael Glawogger ist in den «Orrizonti» mit WHORE’S GLORY  vertreten; der von Quinte Film, Merzhausen (Baden) produzierte und von Wolfgang Thaler, AAC, auf Super-16 fotografierte Film ist «ein filmisches Triptychon, das von Prostituierten in Thailand, Mexiko und Bangladesch erzählt. Die Geschichten kreisen um die Sehnsüchte, Hoffnungen und Bedürfnisse, die sie selbst haben, und um die, die sie anderen erfüllen» (German Films). Ein großes Interview mit DP Wolfgang Thaler stand bei uns in Heft 6/2008, S. 6 ff.

METEOR von Matthias Müller und Christoph Girardet ist in den Kurzfilmwettbewerb eingeladen. «Zusammengesetzt aus Spielfilmbildern, entwurzelten Märchenfragmenten aus Volks- und Kunstmärchen und altem Science-Fiction-Material, inszeniert METEOR die Vorstellungswelt eines Jungen an der Schwelle zu Selbstfindung und Loslösung.» (German Films).

Der Debütfilm TOTEM von Jessica Krummacher, produziert von Arepo Media, Klappboxfilme, Schlicht und Ergreifend, Münchner Filmwerkstatt e.V. und der HFF München, kommt in der Reihe «Settimana della Critica» zur Aufführung. German Films beschreibt es so: «In einer Stadt im Ruhrgebiet taucht eine junge Frau namens Fiona auf, die als Haushaltshilfe bei der Familie Bauer arbeiten wird. Vater, Mutter, Tochter, Sohn leben für sich, Kommunikation untereinander findet nicht statt. Keinem fällt auf, dass Fiona einen Entschluss gefasst hat. Nur die Nachbarin fängt an, sich Sorgen zu machen.» (HD, 1:1,85, Farbe, 90 min, Bild: Björn Siepmann,  Musik: Marina Frenk, Feinschnitt: Heike Parplies). Die erste Vorführung in Venedig ist am Donnerstag, dem 8. September.
Marina Frenk in TOTEM. Foto: Arepo Media.

Marina Frenk in TOTEM. Foto: Arepo Media.


Der Festival-Newsletter des italienischen Filmkritikerverbandes SNCCI (Sindicato Nazionale Critici Cinematografici Italiani) vergleicht Jessica Krummachers Film sogar in gewisser Weise mit Pasolinis TEOREMA und sieht Einflüsse des neuen österreichischen Films, etwa von Ulrich Seidl:

«È ispirato a una storia vera il film di diploma della talentuosa autrice tedesca Jessica Krummacher, anche produttrice, sceneggiatrice e montatrice di questo stringato e asfissiante atto d’accusa contro la famiglia borghese e le sue claustrofobiche geometrie che potrebbe far pensare a TEOREMA (1968) di Pier Paolo Pasolini se non fosse che in questo caso è lo straniero, il corpo estraneo, a soccombere, mentre l’organismo che l’ha fagocitato e smembrato si ricompone nella sua nevrotica routine dopo averlo espulso. C’è invece molto della lezione del cinema austriaco contemporaneo (più Ulrich Seidl che Michael Haneke) ma la crudeltà della visione è sempre riportata a un universo di riferimento in cui il soggetto non diventa mai puro oggetto. Dunque una rappresentazione attenta al più piccolo dettaglio ci restituisce la giovane Fiona con le sue contraddizioni e le sue fragilità: una ragazza sola, sensibile, un po’ mitomane, passiva, che vorrebbe reinventarsi un’identità lontana dalla sua famiglia (si dichiara orfana ma poi parla al telefono con la madre). Vittima di soprusi e umiliazioni che non sa o non può schivare in quanto «totem» vivente del gruppo è spinta inesorabilmente verso il suo destino nella più generale indifferenza.»

Den Venedig-Newsletter des SNCCI gibt es auch auf Englisch.

Wir besuchen wie jedes Jahr die Mostra, unser ausführlicher Bericht erscheint am 20.9.2011 bei uns im Heft und in der iPad-Ausgabe (KAMERAMANN-App im iTunes-Store von Apple).

 



Kommentare

(erforderlich)