
DAS SCHLECHTE FELD von Bernd Sallmann: eine essayistische Annäherung und dokumentarische Aufarbeitung des eigenen Heimatorts und was dort geschah (HDV, 64 min, Österreich 2011). Foto: Crossing Europe.
Schlechtes Wetter ist selten willkommen, doch bei sozusagen Kinowetter freuten sich Festivalleiterin Christine Dollhofer und ihr junges Team heuer beim achten Crossing-Europe-Filmfestival im oberösterreichischen Linz (12. bis 17. April 2011) über einen Besucherrekord mit knapp 19.000 Festivalgästen.
Bei Crossing Europe gibt es immer eine Local-Artists-Schiene, und deren Eröffnungsfilm SCHLECHTES FELD verstand das «schlecht» im Titel in Bezug auf ein Feld von Regisseur Bernhard Sallmanns Familie. Darauf wurde im Zweiten Weltkrieg ein Arbeitslager zum Bau der Autobahn errichtet, seither gibt es Betonbrocken im Boden und wenig Ertrag. Das schlechte Feld ist eine essayistische Annäherung Sallmanns an seine Heimatstadt Ansfelden, seine Familiengeschichte und den Todesmarsch der Juden vom Konzentrationslager Mauthausen nach Gunskirchen, der durch Ansfelden führte. In manchmal etwas zu langen aber sehr eindrücklichen Einstellungen kreisen die menschenentleerten Bilder dabei immer wieder um das schlechte Feld, die ständig lärmende Autobahn, das Linz vorgelagerte Industriegebiet und den Hof der Familie.

Gojko Mitic als Chingachgook im DDR-Western von 1967 CHINGACHGOOK, DIE GROSSE SCHLANGE von Richard Groschopp. Chefkameramann Otto Hanisch fotografierte den Film auf Orwocolor in 35 mm und in 1:2,35-Cinemascope, Schnittmeisterin war Helga Krause. Foto: Defa.
Den Menschen als Störfaktor der Naturidylle fand man auch in der Retrospektive «Red Western» zu in den kommunistischen Ländern entstandenen Western, die vor allem in den 1960er Jahren angelegt war. CHINGACHGOOK, DIE GROSSE SCHLANGE von Richard Groschopp zeigt etwa die LEDERSTRUMPF-Geschichte WILDTÖTER adaptiert für das östliche Publikum. Dabei gab es wegen der aus heutiger Sicht manchmal wohl auch unbeabsichtigt komischen Stunts einiges zu lachen.
Die noch aus der kommunistischen Ära stammenden Lautsprecher eines kleinen slowakischen Dorfes hingegen verwendet dessen Bürgermeister in Erika Hníkocás Dokumentarfilm NESVATBOV (MATCHMAKING MAYOR, Bild: Jiří Strnad) unter anderem dazu, die Singles der Umgebung zum Heiraten aufzufordern. Dieser Versuch, dem Aussterben des Dorfes entgegenzuwirken, ist von Hníkocá mit viel Humor dokumentiert; und doch, erzählt sie, deprimiere der Film viele Zuseher nach kurzer Nachwirkzeit.
Im Spielfilm PÁL ADRIENN hat die ungarische Filmemacherin Ágnes Kocsis die schauspielerischen Leistungen ihres Ensembles aus professionellen und Laiendarstellern mit monatelangen Proben sehr gefühlvoll aufeinander abgestimmt. Die schwierige Suche nach der stark übergewichtigen Hauptdarstellerin war über ganz Ungarn ausgedehnt, und Laiendarstellerin Èva Gàbor beeindruckt. PÁL ADRIENN ist ein Film über eine alte Schulfreundin, die Auseinandersetzung mit dem Tod und über die Subjektivität der Erinnerung (Bild: Ádám Fillenz).
Bildsprachlich sehr interessante Ideen zu sehen gab es in den Kurzfilmen der Artists-in-Residence des Offenen Kulturhauses, Harald Hund und Paul Horn. TOMATENKÖPFE zeigt ein Ehepaar mit blutroten Köpfen. Anfangs bemerkt man kaum Ungewöhnliches, doch nach und nach wird klar, dass die Schwerkraft in die verkehrte Richtung funktioniert: Spaghetti essen, Wein einschenken, ja sogar das normale Sitzen wird zur sichtbaren Anstrengung. DROPPING FURNITURE ist das zweite Werk aus dieser «Schwerkrafttrilogie» und zeigt einen anfangs leeren Raum, in den die Möbel in Slow Motion sozusagen hineinbrechen.

APNOE von Harald Hund (Buch, Regie, Schnitt, Produktion) und Paul Horn (Bauten und Kostüme). Foto: Crossing Europe.
Ebenso mit Dekonstruktion beschäftigt sich MOUSE PALACE, der 2010 auch in Venedig auf der Mostra lief. Hier haben Harald Hund und Paul Horn ein aus Lebensmitteln im Maßstab 1:10 gebautes Haus mit Mäusen besiedelt und den Verfall filmisch dokumentiert, teils im Zeitraffer. Ihr neuestes Werk APNOE (Bild: Viktor Schaider) zeigt eine Familie am Frühstückstisch. Alles schwebt und fließt, denn die Szenen sind unter Wasser gefilmt, woraus sich sehr schöne visuelle Effekte ergeben. Diese vier Kurzfilme fassen die Künstler auch als Wohnserie zusammen, deren Inhalt die «Darstellung der menschlichen Existenz unter absurden Bedingungen» ist.
Internationaler Wettbewerb
European Competition Award (10.000 € , ex aequo je 5.000 € ): Lluís Galter für CARACREMADA (4K/Red, 1:1,85, Farbe, 98 min, Bild: Jordi Figueras, ES 2010); Pia Marais für IM ALTER VON ELLEN (35 mm. 1:1,85, Farbe, 95 min, Bild: Hélène Louvart, AFC, DE 2010)
New Vision Award (heuer erstmals verliehenen, gestiftet von Silhouette, 5.000 € ): Oleg Novkovic für BELI, BELI, SVET (WHITE, WHITE WORLD, 4K/Red, 1:2,35, Farbe, RS/DE/SE 2010)
Publikumspreis (gestiftet von LG, 3.000 € ): Ágnes Kocsis für PÁL ADRIENN (35 mm, Farbe, 1:1,85, 136 min, Bild: Ádám Fillenz, HU/NL/AT/FR, 2010)
European Documentary Award (gestiftet vom ORF): Michael Madsen für INTO ETERNITY (35 mm, Farbe, 75 min, Bild: Heikki Färm, DK/FI 2009)
Local Artist Awards
Geldpreis (gestiftet vom Land Oberösterreich, 4.000 €): Ella Raidel (auch Bild) für SUBVERSIVES CHINA (digital, Farbe, 35 min, AT/MZ 2011)
Sachpreis (im Wert von 2.000 €, gestiftet von Synchro Film, Video & Audio GmbH, Wien): Ludwig Löckinger für DASCHKA (digital, 16 min, AT 2010)
Atelierpreis (gestiftet vom Atelierhaus Salzamt) Remo Rauscher für THE STREETS OF THE INVISIBLES (digital, 14 min, AT 2010)
Einige der Filme, die bei Crossing Europe 2011 liefen, wurden und werden noch jetzt im Sommer in Wien noch einmal aufgeführt, und zwar
bei Espressofilm – Kurzfilm einen Sommer lang
im Open-Air-Kino im Gartenpalais Schönborn, jeden Donnerstag und Freitag, noch bis 26. August, immer ab 20:30 Uhr
, Eintritt frei;
und bei Frameout – Digital Summer Screenings im Wiener Museumsquartier, das im August noch zwei Termine mit einem Crossing-Europe-Film hat, nämlich 19. und 20. August von 21:30 bis 24:00 mit der tschechischen Politsatire CESKY MIR von Vít Klusák und Filip Remunda (CZECH PEACE, Bild: Vít Klusák, CZ 2010, 104min). Auch bei Frameout ist der Eintritt frei.
Unsere Autorin Gertraud Schwarz ist Fotografin, Filmemacherin (unter anderem mit den Dokumentarfilmen BORINBORESI, 2003, und WEIBERLEUT, 2009), freischaffende Künstlerin und Medien-Designerin und lebt in Wien.
Dieser Bericht stand bei uns in Heft 6/2011, die Ausgabe kann im Ebner-Shop nachbestellt werden.
Crossing Europe in Linz fand 2004 zum ersten Mal statt. Das Festival entstand aus dem Willen heraus, in Österreich neben der Diagonale in Graz und der Viennale in Wien ein weiteres Filmfestival zu etablieren, und zwar eines, das auch für den jungen Film aus ganz Europa offen ist. Die Stadt Linz, das Land Oberösterreich, verschiedene Kultur- und Filminstitutionen und vor allem Wolfgang Steininger, der mit seiner Moviemento Programmkino Gemeinnützige GmbH in Linz das Moviemento-Kino und in Freistadt ein Kino betreibt, unterstützten das Vorhaben, das schon im ersten Jahr ein großer Erfolg war. Mit der Leitung und Programmauswahl von Crossing Europe ist von Beginn an Christine Dollhofer betraut, die bis 2003 Diagonale-Leiterin war. Das nächste Crossing Europe findet vom 24. bis 29. April 2012 statt.


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